Handbikes: Varianten von Hybrid bis Extrem

Eine der beliebtesten Sportarten für Rollstuhlsportler ist das Handbiken. Handbikes gibt es in verschiedenen Varianten als Adaptivbikes, Sitzbikes und Liegebikes, die meist über eine Handkurbel angetrieben werden. Es gibt aber auch ganz extreme Querfeldein-Handbikes. Spaß machen sie jedenfalls alle!

Bild 20150820_0722_gross Copyright Frank Semmler, 2016 Mit freundlicher Genehmigung von Frank Semmler

Handbiken – Ausdauersport für die Gesundheit

Handbiken bietet Querschnittgelähmten ein Herz- Kreislauftraining, das unabdingbar für ein gesundes Leben im Rollstuhl ist. Bei regelmäßigem Training kann es für eine verbesserte Durchblutung sorgen, die Gefäße stärken und Beschwerden wie z. B. Bluthochdruck vorbeugen. Der Herzmuskel wird gestärkt, der Ruhepuls sinkt, die Haut wird besser durchblutet und der Stoffwechsel wird angeregt. Vor allem für die Gewichtskontrolle kann regelmäßiges Handbiken sehr hilfreich sein (siehe: Stefan Lange über Sport und Gesundheit bei Querschnittlähmung).

Zudem sind die Muskelgruppen, die beim Handbiken trainiert werden, andere als die, die beim Antreiben eines manuellen Rollstuhls beansprucht werden. Auch die Haltung, die man einnehmen muss, unterscheidet sich, sodass eine Entlastung von Schultern und Rücken stattfindet, was angesichts der Schulterproblematik bei Querschnittlähmung nicht uninteressant für die Prävention von Langzeitschäden sein kann.

Arten von Handbikes

Querschnittgelähmte können in wesentlichen zwischen drei Arten von Handbikes wählen. Es gibt:

  • Das Adaptivbike, das an fast jeden handelsüblichen Rollstuhl als Vorspannrad montiert werden kann und für den Alltagsgebrauch und für kurze bis mittellange Strecken geeignet ist.
  • Die hauptsächlich für den Rennsport entwickelten Liege- bzw. Kniebike (Rennbikes), das eine Sitzeinheit mitbringt und daher ohne Rollstuhl auskommt, in dem der Fahrer liegt (Liegebike) oder kniet (Kniebike).
  • Und das Sitzbike, das sich vom Liegebike lediglich in einer Sitzeinheit mit höherer Rückenlehne unterscheidet.

Beide Varianten sind mit einer Gangschaltung versehen und werden durch Armkraft über eine Handkurbel angetrieben. Sowohl im Adaptivbike als auch im Rennbike kann man deutlich höhere Geschwindigkeiten erreichen als im manuell angetriebenen Rollstuhl. Gut trainierte Paraplegiker schaffen mit dem Adaptivbike bis zu 20 km/h und Im Rennbike bis zu 40 km/h.

Handbikes gibt es von verschiedenen Herstellern. Im Folgenden werden einige beispielhaft dargestellt.

Adaptivbike

Adaptivbike

Adaptivbikes

Ein manuelles Adaptivbike ist ein Vorspannrad mit Antriebshandkurbel, Gangschaltung und Handbremse. Beim Ankoppeln an den manuellen Rollstuhl werden die Lenkrollen hochgehoben, wodurch der Rollstuhl sich in ein Dreirad verwandelt. Darin liegt neben der höheren Geschwindigkeit und verbesserter Haltung ein weiterer großer Vorteil des manuellen Adaptivbikes gegenüber dem Rollstuhl ohne Vorspannrad. Als Fahrer ist man auf freiem Gelände deutlich mobiler, da durch den größeren Durchmesser des Adaptivbikes das Befahren von unebenen Böden wie Schotter, Kopfsteinpflaster, Straßen mit Schlaglöchern oder Waldwege deutlich einfacher zu befahren sind (siehe auch: Das Vorspannrad – Das fünfte Rad am Rollstuhl).

Adaptivräder gibt es in verschiedenen Gewichtsklassen, die leichtesten ab ca. 7 kg.

Hybridadaptivbikes

Adaptivbikes gibt es nicht nur als manuelle sondern auch als Hybridvariante. Hierbei muss der Fahrer – nicht wie bei Zugmaschinen, die die ganze Arbeit abnehmen (siehe: Mobil mit Speedy, Swiss Trac und Co.) – schon noch selber kurbeln, aber wenn es zu anstrengend wird, schaltet sich ein Elektromotor automatisch zu. Die Geschwindigkeit dieser Unterstützung ist meist frei wählbar.

Hybridräder sind schon schwerer als ihre manuellen Kollegen, denn der Motor und die Batterie, die den Motor versorgt, wiegen. Mit ca. 20 kg muss man rechnen.

Armbike

Die meisten Adaptivbikes werden über eine Handkurbel angetrieben. Nicht so das Armbike Handcycle eines schwedischen Designerteams. Diese Variante des Handbikes wird wie eine Draisine über einen Hebel angetrieben, den man hoch- und runterdrückt. Durch diese Bewegung werden andere Muskelgruppen bzw. Muskeln in einem anderen Ausmaß beansprucht als beim Antreiben über die Handkurbel, was den Trainingseffekt zum Kurbelantrieb ergänzt. Zudem bietet diese alternative Form des Antreibens einen Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist: Mit dem Armbike ist man richtig, richtig schnell unterwegs. Über 40 km/h kann man laut Hersteller und Testfahrern erreichen, was im Vergleich zu gewöhnlichen Adaptivbikes, mit denen man gerade mal bis zu 30 km/h schnell unterwegs sein kann, wirklich nicht übel ist.

Das Armbike kommt als Set mit Adapter, Handbremse, Klingel und Reflektoren.

Weitere Informationen gibt es direkt beim Hersteller (in englischer Sprache) auf: www.armbike.se.

Kniebikes

In einem Kniebike kniet der Fahrer in einer dem Liegebike ähnlichen Konstruktion, wobei die Handkurbel mit einem tieferen Schwerpunkt positioniert ist. Beim Fahren mit dem Kniebike ist der größte Teil des Gewichts des Fahrers auf einem Sitz abgestützt, wodurch es möglich ist bei jeder Pedalumdrehung den Oberkörper mit einzusetzen. Auf diese Weise lassen sich höhere Leistungen erzielen, die das Beschleunigen nach Kurven und das Bergauffahren erleichtern. Voraussetzung dafür ist eine gut funktionierende und ausgeprägte Oberkörper- und Rumpfmuskulatur, und insbesondere die Möglichkeit zum Einsatz der hüftbeugenden sowie der hüftstreckenden Muskulatur (Abel/Herrera, 2016). Für Tetraplegiker ist das Kniebike daher ungeeignet.

Liegebikes

Während das Adaptivbike vor allem praktisch ist, ist das Liegebike an allererster Stelle eines: schnell. Im stromlinienförmigen Liegebike liegt der Fahrer nur wenige Zentimeter über dem Boden, die Füße stecken in stabilen Fußrasten neben dem Vorderrad. Das Liegebike ist wie das Kniebike meist ein Dreirad, mit einem Rad vorne und zwei Hinten. Es gibt aber auch Modelle bei denen es umgekehrt ist (zwei Räder vorne, eines hinten) oder die mit vier Rädern ausgestattet sind. Angetrieben wird das Liegebike über eine Handkurbel über die auch Gangschaltung und Handbremse gesteuert werden.

Die meisten Rennliegebikes verfügen über Räder mit einem minimalen Sturz von 2 Grad, was zwar für eine nicht optimale Stabilität (vgl.: Sportrollstühle) aber für eine hohe Geschwindigkeit sorgt. Alltagstauglich sind Liegebikes wegen ihres hohen Wendekreises und der eingeschränkten Übersicht aus der tiefen Kopfposition eher nicht.

Liegebike

Liegebike

Sitzbike

Das Sitzbike ist an sich ein Liegebike mit einer höheren Rückenlehne. Der Fahrer liegt nicht, er sitzt, was eine bessere Übersicht im Straßenverkehr gewährleistet, andererseits aber auch den Widerstand beim Fahren erhöht. Einschränkungen bei der Geschwindigkeit müssen daher in Kauf genommen werden.

Knie-, Liege und Sitzbikes können wahlweise alle mit einem Hybridantrieb ausgestattet werden, der sich zuschaltet, wann immer es nötig ist. Von Rennen sind solche Varianten natürlich ausgeschlossen.

ReActive Adaptations – Die Gelände-Variante

Wie beschrieben haben die meisten Knie- und Liegebikes zwei Räder hinten und ein Rad, über das der Antrieb via Handkurbel stattfindet, vorne. Bei einigen Modellen ist das umgekehrt, wie auch bei der Macho-Handbike-Variante des US-amerikanischen Herstellers ReActive Adaptations.

Bei diesen Bikes geht es nicht so sehr um Stromlinienförmigkeit sondern um Geländegängigkeit. Mit ihnen kommt man bergauf, bergab, über Stock, Stein, Fels, Wiesen, Schotterwege, durch Matsch, Pfützen und rutschige Bachläufe, kurz durch alle Rollstuhlungerechtigkeiten, die die Natur so zu bieten hat. Nicht einmal Treppen sind ein Problem.

Die ReActive Adaptions Bikes sind aus besonders widerstandsfähigen und stoßfest verarbeiteten Materialien gebaut und mit extrabreiten Reifen ausgestattet.

Kniebike-Variante: Bomber RS Offroad Handcycle

… im Wald

… im Schnee

Liegebike-Variante: Nuke Recumbent Offroad Handcycle

Zur (englischsprachigen) Herstellerwebsite geht es hier: http://www.reactiveadaptations.com/

Für Rollstühle für den Outdoorbereich siehe: Ab ins Gelände mit manuellen Outdoor-Rollstühlen und Outdoor-Elektrorollstühle für den Trip ins Abenteuer.

Kosten*

Adaptivbikes gibt es von verschiedenen Herstellern ab ca. 2.000 €.

Etwas teurer sind Knie, Liege und Sitzbikes, die ab ca. 3.000 € zu haben sind.

Die beschriebenen Outdoor-Bikes haben ihren Preis. Zwischen 7.500 und 8.000 US$ (ca. 6.600 und 7.000 €) zzgl. MwSt. und Versand- und Importkosten aus den USA muss man investieren.

Wegen der Vorteile für die Gesundheit, die das Fahren von Handbikes bieten kann, können Handbikes als Hilfsmittel betrachtet werden, deren Anschaffungskosten von den Leistungsträgern übernommen werden. Zu einem entsprechenden Urteil des Bundessozialgerichts geht es hier: Urteil Handbikes

*Alle Preise Stand Mai 2016.

Weitere Informationen

Für eine Handbike-Variante bei der die Beine über Funktionelle Elektrostimulation mit trainiert werden siehe: Radfahren trotz Querschnittlähmung.

Für Erfahrungsberichte über das Handbiken von Para- und Tetraplegikern siehe:

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