Diagnose hohe Querschnittlähmung – Aufgabe eines selbstbestimmten Lebens?

Die mit einer hohen Querschnittlähmung einhergehende Fremdhilfeabhängigkeit kann durch Therapien und unterschiedlichste Hilfsmittel minimalisiert oder in bestimmten Situationen ganz vermieden werden. Die am weitest verbreiteten unterstützenden Technologien sind dabei die Elektrorollstühle und die Umfeldkontrollsysteme, mit denen sich jegliches elektronisch gesteuertes Gerät bedienen lässt.

Eine besondere Herausforderung stellen dabei beatmungspflichtige Menschen mit einer Halsmarklähmung dar. Es handelt sich bei beatmeten Patienten um einen Sonderfall, bei dem z.B. sprachgesteuerte Systeme an ihre Grenze kommen. Was ist z. B. mit einer funktionierenden Sprachsteuerung im Falle einer Pneumonie und einer damit einhergehenden geblockten Beatmung. Fällt dann für Wochen die Umfeldkontrollsteuerung gänzlich weg?

Im Folgenden sollen daher neben sprachgesteuerten Möglichkeiten der Umfeldkontrolle weitere Ansätze betrachtet werden.

Es sei aber noch erwähnt, dass es für viele gerade der maximal pflege- und technologieabhängigen Menschen eine Zeit gibt, in der all diese beschriebenen Systeme noch nicht zur Verfügung stehen. Nämlich entweder, weil sie sich im Rahmen ihrer Erstversorgung auf der Intensivstation einer Klinik ohne diese Systeme befinden. Oder, weil ihr medizinischer Zustand die Nutzung noch nicht zulässt, sie aber wach sind und kommunizieren möchten.

Dann läuft die Kommunikation alleinig über Lippenablesen oder über Zeigetafeln mit aufgedrucktem Alphabet. Wobei die Person, welche die Tafel hält, jeweils erfragen muss, welcher Buchstabe der nächste ist. Für beide Seiten ist diese Art der Kommunikation sehr mühsam und geduldsfordernd. Und gestaltet sich noch schwieriger, wenn es sich um Menschen mit Migrationshintergrund handelt.

Elektrorollstühle

Elektrorollstühle gewährleisten, unabhängig von der Schwere der Beeinträchtigung, durch ihre individualisierten Adaptionsmöglichkeiten, eine eigenständige Mobilität. Die Elektrorollstühle lassen sich durch verschiedene Steuerungsmöglichkeiten bedienen.

Die Handsteuerung kann über einen Joystick mit verschiedensten Aufsätzen, wie zum Beispiel einem Ball oder einer Tetragabel, ausgestattet werden. Neben dem Joystick kann eine Tastersteuerung eingesetzt werden, wobei es ausreicht eine einzige Taste betätigen zu können. Die Tabletsteuerung ist eine weitere Steuerungsmöglichkeit für die Hand. Hierbei dient der gesamte Touchscreen des Tablets als Bedieneingabe. Der Vorteil im Vergleich zur Joysticksteuerung ist, dass das Tablet an nahezu jeder Stelle des Elektrorollstuhls positioniert werden kann.

Die Kinnsteuerung erfolgt über verschiedene Joysticks, wobei meist besonders fein justierbare Modelle eingesetzt werden. Kinnsteuerungen werden bei äußerst hochgelähmten Personen eingesetzt, die keinerlei Arm- und Beinfunktionen besitzen.

In einzelnen Fällen ist die Möglichkeit einer Fußsteuerung gegeben, bei der besonders robuste Joysticks oder Pedalsteuerungen angewandt werden.

Umfeldkontrolle

Die Möglichkeiten eines Elektrorollstuhls gehen weit über die reine Mobilität hinaus. Technologien ermöglichen Menschen mit sehr hohen Lähmungen, d.h. Menschen ohne jegliche Arm- und Beinfunktionen, weiterhin an der Gesellschaft teilnehmen zu können und ein weitestgehend selbständiges Leben zu führen.

In unserer heutigen Gesellschaft spielen Themen wie Smartphone, Fernsehen und Computer eine wichtige Rolle. Die sogenannten Umfeldkontrollsysteme ermöglichen Menschen aus dem Elektrorollstuhl heraus elektrische Geräte zu steuern. Dies ist möglich durch den Einsatz von Funk-, Infrarot- und Bluetooth-Modulen. Mit Hilfe dieser Module ist es möglich durch die Steuerung des Elektrorollstuhls die Haustür oder die Fenster zu öffnen, das Licht ein- oder auszuschalten, den Fernseher zu bedienen, einen Computer zu steuern etc.

Computerbedienung

Die Bedienung eines Computers ohne jegliche Arm- und Handfunktionen erfordert speziell ausgerichtete Hilfsmittel bzw. Sondersteuerungsmöglichkeiten.

Zu diesen Sondersteuerungen zählen der Kinnjoystick des Elektrorollstuhls, die Integramouse, die Sprachsteuerung und die Augensteuerung. Die Auswahl des jeweiligen Hilfsmittels und der jeweiligen Sondersteuerung wird je nach individuellen Fähigkeiten, Wünschen und Bedürfnissen des Anwenders entschieden.

Der Kinnjoystick wird per Bluetoothmodul mit dem Computer verbunden und dient dabei der Steuerung des Mauszeigers. Der Klick kann durch Body-Buttons oder schnelle Auslenkungen ausgelöst werden.

Die Integramouse ist ähnlich wie der Kinnjoystick zu bedienen, zeichnet sich jedoch durch eine Blas-Saug-Funktion  aus. Durch diese Blas-Saug-Funktion kann der Klick mit dem Mauszeiger ausgelöst werden. Zum Schreiben von Textdokumenten oder E-Mails wird die Bildschirmtastatur zur Hilfe genommen.

Die Sprachsteuerung per Sprachprogramm ermöglicht per vorprogrammierter Befehle das Öffnen und Schließen von Programmen und das Diktieren von Texten. Notwendiges Hilfsmittel ist hierbei ein gut eingestelltes Headset und die individuell kalibrierte Software. Die Möglichkeit der Sprachsteuerung ist allerdings bei einer vorliegenden Beatmungspflicht eingeschränkt. Denn je nachdem auf welche Art und Weise beatmet wird, kann das laute Sprechen deutlich eingeschränkt sein. So besteht unter invasiver Beatmung über einen Luftröhrenschnitt (Tracheostoma) zum lauten Sprechen häufig die Notwendigkeit des Manipulierens der Beatmung und Trachealkanüle. Also kann der beatmete querschnittgelähmte Mensch die Sprachsteuerung nicht ad hoc benutzen, sondern bedarf zum Vorbereiten wiederum Fremdhilfe. Siehe auch:Stimme und Querschnittlähmung‘.

Die neueste Technologie stellt die Augensteuerung dar. Zur optimalen Nutzung wird die Augensteuerung auf den jeweiligen Benutzer eingerichtet und kann nach den besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen individuell programmiert werden. Durch den Einsatz einer hoch auflösenden Kamera werden permanent die Augenbewegungen überwacht. Diese Bewegungen werden direkt auf den Mauszeiger übertragen, wodurch die Position des Mauszeigers immer dem betrachteten Punkt entspricht. Der optimale Positionierungsabstand zum Gerät liegt zwischen 50 und 60 cm. Bei optimaler Kalibrierung erscheint im Kalibrierungsmenü ein rotes Quadrat um das aktivierte Auge und ein gelbes Kreuz über der Mitte der Pupille.

Das Auslösen eines Klicks kann individuell programmiert werden. Es gibt die Möglichkeit auf einer Position zu verharren und entweder einen Autoklick zu aktivieren oder ein Klickmenü aufzurufen, oder per Zwinkern den Klick du bedienen. Besondere Herausforderungen stellen dabei das Verschieben von Dateien und Ordnern dar. Bei Pausen oder zur Entspannung kann ein entsprechender Pause-Modus am Gerät ausgelöst werden.

Das Gerät muss an einem festen Stativ angebracht werden und ist daher nur geringfügig mobil.

Die Anwender der Augensteuerung dürfen keine einschränkenden Sehstörungen und Beeinträchtigungen der Kognition aufweisen. Bei der Benutzung aus dem Rollstuhl oder aus dem Bett heraus muss für eine optimale Bedienung die voreingestellte Kalibrierung (Abstand, Höhe und Neigungswinkel) eingehalten werden.

Im Bereich der Versorgung von querschnittgelähmten Patienten liegen bisher nur sehr wenige Erfahrungen vor. Die häufigsten Einsatzgebiete betreffen Menschen mit ALS, MS oder Muskeldystrophien.

Fazit

Trotz schwerwiegender Folgen einer Querschnittlähmung ist es, mit Hilfe einer guten Ergotherapie und individuell angepassten Hilfsmitteln, in der heutigen Zeit möglich ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu führen.

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.