Inkomplette Querschnittlähmung – „Jede Verbesserung zählt“

Sheron Adam ist im Jahr 2012 mit ihrem Pferd so schwer gestürzt, dass sie zwei Lendenwirbel komplett einbüßte und hat seitdem eine inkomplette Querschnittlähmung. Aufgrund der Schwere der Verletzung war lange nicht klar, ob sie wieder laufen kann.

„Das, was ich an Lebensqualität vor dem Unfall hatte, habe ich wieder erlangt. Ich bin selig, alleine zurecht zu kommen“, sagt Sheron Adam heute.

Dabei schläft die 50-Jähige keine Nacht durch, weil Spastiken sie drei- bis viermal pro Nacht wecken, fast jeden Tag geht sie zur Physiotherapie und hat ständig Angst, wieder zu stürzen. „Es gibt Tage, da kann ich keine Jeans anziehen. Meine Haut ist dann so empfindlich als sei eine frische Kruste drauf.“ Dann wählt Adam Funktionshosen, die nicht so reiben. Derzeit arbeitet sie daran, das Trauma des Sturzes von 2012 auch mental zu verarbeiten. Ihr Ziel: „Ich möchte mit der Unfallgeschichte abschließen.“

„Ich war immer der treibende Punkt.“

Ziele gab es im Leben von Sheron Adam viele, seit dem 15. August 2012 – dem Tag, an dem der Unfall passierte. „Zuerst lag ich auf der Intensivstation nur wie so ein Maikäfer auf dem Rücken.“ Aber schon bald habe sie einen Drang zum Wasserlassen wahrnehmen können. Das Pflegepersonal sei skeptisch gewesen. „Sie haben mir die Blasenentleerung über Katheter angeraten. Aber ich wollte selbst aktiv werden, weil ich spürte, dass es gehen könnte.“

Überhaupt habe sie sich häufig eher gebremst als bestärkt gefühlt. „Lassen Sie sich doch Zeit, haben sie in der Reha immer wieder gesagt. Also habe ich vieles auf eigene Faust in Angriff genommen.“

Sheron Adam beschloss, mit der Haltung anzufangen und über die Atmung ihre Bauchmuskeln zu stimulieren. „Auch wenn man das nicht erwartet, kann man über die Atmung in den Unterbauch eine Stabilisation erreichen.“ Als Reiterin konnte sie auch in der Zeit nach dem Unfall auf eine gute Oberkörpermuskulatur zurückgreifen.

Für ein Aufbautraining sei es noch zu früh, habe das Fachpersonal gewarnt. Man war vorsichtig. Die Nerven müssten sich erst erholen. Die Bedenken der Fachleute schlug Adam in den Wind. Zielstrebig begann sie, sich an allen erdenklichen Vorsprüngen, Griffen und Geländern hochzuziehen, um ihre Muskulatur zu stärken.

image2Als es ihr plötzlich gelang, den großen Zeh leicht zu bewegen, glaubte der Arzt zunächst an Muskelzuckungen. „Den hab ich rausgeworfen“, empört sich Sheron Adam noch heute. Sie wollte mindestens dreimal pro Woche ins Wasser und mit dem Sitzfahrrad trainieren. Zugleich wusste sie sehr genau, was sie nicht wollte. Rollstuhltanz zum Beispiel. Schließlich habe sie mit der Hilfe des Reha-Managements ihrer Reiter-Unfallversicherung erreicht, dass ihr die gewünschten Gerätschaften und Therapiemöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden: Schwimmtherapie, Übungen im Gangtrainer, Physio und Krafttraining.

Mit der Zeit verzeichnete sie wichtige Erfolge mit dem Sitzfahrrad: „Zuerst habe ich mit der Hand die Knie runtergedrückt. – Aber irgendwann begann das Bein, das wieder mehr von selbst zu machen.“

„Nur nicht den Kopf in den Sand stecken“

Ihr nächstes Ziel ging sie im November an: Am Gehbarren Schritte machen. „Mein Physiotherapeut stieß mit seiner Fußspitze gegen meinen Fuß und schob ihn nach vorn. So war das am Anfang. Später konnte ich die Füße durch eine Art Schütteln nach vorne bewegen. Und irgendwann ging es wie von selbst.“ Adam machte die ersten Schritte. „Aber es geht natürlich nicht nur um das Laufen, es geht um Verbesserungen, darum wieder selbständiger zu werden und den Kopf nicht in den Sand zu stecken – nur das nicht.“

Einer der wenigen, der ihr Mut gemacht habe, sei ihr Operateur gewesen. 9 ½ Stunden dauerte die OP, bei der ihr ein „Wagenheber“, ein Implatat aus Titan, zwischen den ersten und vierten Lendenwirbel gesetzt worden ist. Seitdem kommt es ihr vor, als stecke ein Schuhlöffel in ihrem Rücken. „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagte der Chirurg nach der OP und strahlte die Offenheit aus, die Sheron Adam nach wie vor so wichtig findet: „Mehr Respekt vor den Wünschen der Patienten.“

„Wenn etwas nicht geklappt hat, habe ich einen anderen Weg versucht.“

Im Jahr nach dem Unfall beharrte sie plötzlich darauf, Tennis spielen zu wollen. Zu einem Zeitpunkt, da sie allein der kurze Weg zum Platz mit Gehhilfen 20 Minuten kostete. Das Kopfschütteln der anderen wischte sie weg und angelte sich für ihr Vorhaben einen ehemaligen Paralympics-Trainer. Der begann jede Stunden mit Dehnübungen und spielte die Bälle dann so auf Adam zu, dass sie sie kriegen konnte. Schließlich bewegte sie sich erst einen Schritt, später drei nach rechts bzw. links. „Irgendwann habe ich von 100 Bällen 75 getroffen, das war ein tolles Gefühl.“ Weil sie sich zunächst mehr nicht zutraute, hörte sie bei diesem Stand mit dem Tennistraining wieder auf.

Eines Tages saß sie im Familienurlaub am Strand auf einem Handtuch im Sand. Die Familie war zu Starbucks gegangen, und Adam wollte unbedingt aufstehen. Damals konnte sie zwar gehen, aber das Aufstehen war ihr noch nicht gelungen. „Mithilfe einer Kühlbox, die neben mir stand, kam ich dann auf die Knie und konnte mich hochstemmen.“ Ein Rettungsschwimmer lugte herüber und rief ihr zu, sie solle sich melden, wenn sie Hilfe bräuchte. Aber Sheron Adam wollte es alleine schaffen und stand schließlich. „Auf Video habe ich mir stundenlang angeschaut, wie kleine Kinder aufstehen. Die haben ja auch zuerst keine Muskulatur.“ Am Beispiel der TV-Kids ließ sie sich immer wieder auf das Aufstehen-Hinfallen-neuer Versuch ein. „Wenn es nicht geklappt hat, habe ich einen anderen Weg versucht.“ Es habe noch sehr lange gedauert, bis neue Kraft in den Beinen gewesen sei.

„Den Kollegen habe ich klar gesagt: Mir fehlen zwei Wirbel.“

Zwei Jahre lang hielt ihre Fluggesellschaft der Flugbegleiterin den Arbeitsplatz frei. „Ich wollte unbedingt wieder selbst Geld verdienen. Und fliegen. Bodenpersonal wollte ich nicht sein.“ Bei einem medizinischen Test sei sie in der Lage gewesen zu laufen und die Sicherheitstür in der Maschine zu öffnen. „Darauf kam es an.“ Sheron Adam durfte wieder arbeiten. Sie begann mit einem Flug im Monat und begleitete ausschließlich Kurz- und Mittelstreckenflüge.

„Im Flughafen hatte ich oft einen Koffer mit vier Rollen dabei. Auf den konnte ich mich stützen; das hat keiner gemerkt.“ Absichtlich suchte sie sich Flüge aus, die vor dem Abflug bereits gereinigt worden waren und konnte sich so mehr Zeit auf der Treppe lassen. „Den Kollegen habe ich klar gesagt, mir fehlen zwei Wirbel. Aber das war kein Problem.“

„Auf die kleinen Fortschritte kommt es an.“

Nach drei Jahren erneutem Flugdienst hängte Sheron Adam den Job an den Nagel und arbeitet heute als Coach. Dazu nutzt sie Kenntnisse aus einer Ausbildung als „Paralegal Assistant“ – ähnlich einer Rechtsanwaltsgehilfin, aber mit Bachelor und Master sowie psychologischem Schwerpunkt „Terrorismus“. Außerdem verfolgt sie in ihrem „Motivation & Life Coaching“ nach einem sechsmonatigen Kurs als „Holistic Counselling Therapist“ einen ganzheitlichen Ansatz. Zu ihr kommen Sportler, Manager, aber auch Jugendliche.

Adam will ihnen beibringen, sich selbst mehr zu vertrauen und das Beste aus einer Situation zu machen. „Das ist für jeden etwas anderes. Auf die kleinen individuellen Fortschritte kommt es an.“

Natürlich sei es wichtig, so Adam, eine Person, die höchstwahrscheinlich nicht wieder laufen könne, auf das Leben im Rollstuhl vorzubereiten. „Aber bei mir hat man sich da einfach verschätzt. Die Ärzte können sich heute noch nicht erklären, wie ich laufe.“ Dennoch – eine Verletzung im Lendenwirbelbereich ist mit einer im Brust- oder Halswirbelbereich nicht vergleichbar, das weiß sie und will vor allem Mut machen, nicht aufzugeben und mit dem, was machbar ist, zu arbeiten.

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Sheron Adam bei der Hippotherapie 2013

Sie selbst arbeitet derzeit – wie könnte es anders sein – schon am nächsten Ziel: wieder reiten. Therapeutische Reitstunden hatte sie bereits, aber Adam geht es um den Leistungssport. Dazu hat sie sich u. a. einen Reitsimulator zugelegt. „Durch die Bewegungen wie auf einem Pferderücken werde ich selbst viel beweglicher, das ist z.B. nach einer langen Autofahrt toll.“ Aber es reicht ihr natürlich nicht. Sheron Adam möchte wieder Springreiten, so wie vor dem Unfall. Das Pferd ihrer Tochter habe einen sehr lieben Charakter, mit dem will sie in Kürze den Anfang machen.

Und wenn sie wieder runterfällt? „Dann ist das wenigstens einer schönen Sache geschuldet. Und nicht etwa beim Ausräumen der Spülmaschine passiert.“

 

Siehe auch:

www.reitsimulator-muenchen.de

www.springreitenmithandicap.de (externe Links)

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