Mit Knarre und Querschnittlähmung: Autor im Rollstuhl

Robert Schneider hat ein ungewöhnliches Hobby. Er schreibt Kriminalromane und veröffentlicht sie unter dem Pseudonym Roberto Sastre. Und: Sowohl Schneider als auch sein Protagonist Bender sitzen im Rollstuhl.

Bild robertodesastre Copyright Robert Schneider, 2016 Mit freundlicher Genehmigung

Einige querschnittgelähmte Helden gibt es in der Welt der Romane und Filme bereits, z. B. der von Jeffrey Deaver erfundene Forensiker und Tetraplegiker Lincoln Rhyme, Bran Stark aus George Martins „Das Lied von Eis und Feuer“ oder Professor Charles Xavier aus den Marvel Comics X-Men. Ihre Schöpfer allerdings haben meist keine Behinderung, was eine realistische Darstellung medizinischer Sachverhalte oft infrage stellt.

Vor diesem Dilemma steht Kriminalautor Robert Schneider keineswegs, da er selbst seit einem Unfall im Jahr 2007 im Rollstuhl sitzt. Seine Erfahrungen verarbeitet er in zwei biographischen Werken und erzählt humorvoll und scharfsinnig wie seine Querschnittlähmung seine Sicht auf die Welt veränderte. Denn seine Perspektive hat sich, wie er sagt, verändert – zunächst mal hatte sie sich um ca. 60 cm nach unten verlagert.

Mit dieser Aufbereitung des Geschehenen war Schneiders Lust am Schreiben geweckt und 2010 folgte sein erster Roman „Dreharbeiten“ (siehe: Skurrile Mischung: Nonnen. Pornos. Rollstuhlfahrer) mit Protagonist Friedwart Bender. Die „Bender-Reihe“ umfasst noch zwei Folgebände und ein weiterer soll demnächst erschienen. Mit Der-Querschnitt.de sprach Schneider über Bücher, das Publizieren und das Geschichtenerzählen von und für Rollstuhlfahrer.

 

Herr Schneider, Sie sind Kriminalautor. Was lesen Sie denn selbst gerne?

Schneider: „Als Kind las ich jeden bedruckten Fetzen Papier. Gezielt zu lesen begann ich mit den Büchern von Karl May und Enid Blyton. Als Jugendlicher stieß ich eher zufällig auf einen Roman von Hans Kneifel, der mir die Science Fiction näher brachte. Dazu kamen noch Willy Volz, Isaac Asimov, Stanislav Lem und Wolfgang Hohlbein. Bei Tom Clancy beeindruckte mich die Detailtiefe, die auf sehr intensive Recherche schließen lässt.

Heute lese ich neben der Fachliteratur immer noch gerne Abenteuergeschichten, am liebsten die gute, alte Space Opera. Und natürlich die Geschichten der Menschen, die ich inzwischen Kollegen nennen darf.“

Ist das Schreiben mehr als ein Hobby?

Schneider: „Zu Anfang war es eine Art von Therapie. Ich wollte einmal meine Geschichte erzählen und dabei auch versuchen, sie zu verarbeiten. Zuerst begann ich mit einem Blog, wollte es aber chronologisch aufbauen. Blogs haben aber die neueren Beiträge oben und die älteren unten. Da ich nicht wusste, wie man das ändert, wechselte ich das Format zu einer Homepage. Irgendwann fragten mich meine Leser, ob ich das nicht als Buch veröffentlichen wolle.

Nach inzwischen elf Büchern beginnt das Hobby langsam, sich selbst zu tragen.“

Was braucht man, um ein erfolgreicher Autor zu werden?

Schneider: „Auf jeden Fall Geduld, Geduld und noch mehr Geduld. Dazu die Leidenschaft, Geschichten zu erzählen. Ich persönlich spiele auch gerne mit unserer Sprache herum. Gerade die deutsche Sprache lässt sich herrlich verdrehen, ohne dass der Sinn verloren geht. Zum Bleistift lässt sich nur durch ein ähnlich klingendes Wort der Effekt erreichen, dass der Leser sich mehr mit dem Text beschäftigt.“

Der Buchmarkt ist ein heiß umkämpftes Pflaster. Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Bücher veröffentlicht werden?

Schneider: „Ich habe, wie so viele andere auch, erst einmal Absage über Absage kassiert. Die einzigen Verlage, die mich haben wollten, waren Kostenzuschussverlage. Ein befreundeter Journalist riet mir, über einen On-Demand-Verlag meine Bücher selbst herauszugeben. Nachdem ich einige Veröffentlichungen draußen hatte, kam der erste Verlag auf mich zu.“

Ihr Protagonist ist ein querschnittgelähmter IT-Forensiker. Wie kamen Sie auf einen solchen Helden?

Schneider: „Nun, einmal bin ich im Hauptberuf Informatiker. Da lag das große Thema schon recht nahe. Mir macht es viel Spaß, herauszufinden, wie Dinge passieren. Gerade Kryptographie und Forensik finde ich besonders faszinierend. Ich kenne auch einige sehr, sagen wir einmal, körperbewusste Menschen, die sich gerade über ihren Sport definieren. Was würde mit denen geschehen, wenn sie auf einmal behindert wären? Aus diesem Gedankenspiel entstanden die Grundzüge von Bender.“

Inwieweit haben Ihre eigenen Erfahrungen als Querschnittgelähmter Auswirkungen darauf, wie Sie Bender und seine Abenteuer beschreiben?

Schneider: „Bender hat ziemlich viele autobiografische Züge. Ich gehe, oder rolle, relativ aufmerksam durch mein neues Leben und beobachte viel. Das Leben schreibt nämlich die besten Geschichten, man muss sie nur noch ausformulieren. Manchmal ist es nur ein Satz oder eine kleine Beobachtung, die die Grundidee für einen Roman auslöst. Meistens lasse ich dann die Geschichte einfach laufen und protokolliere mehr oder weniger nur mit. Wenn es hakt, nutze ich die Zeit, um die Hintergründe so gut, wie möglich zu recherchieren. Die Perspektive des Rollstuhlnutzers ergibt sich dabei von sich aus.“

Können Autoren ohne eigene Erfahrung querschnittgelähmte Protagonisten überhaupt realistisch darstellen?

Schneider: „Ich bin mir nicht sicher. Es wird behauptet, ein guter Autor könne alles schreiben. Durch eine Wette habe ich einmal eine Geschichte aus der Sicht einer Frau geschrieben. Das war gar nicht mal so einfach. Ich habe sie zum Schluss im Rollstuhl landen lassen, damit die Sache für mich rund wird.“

Haben Sie Tipps für (querschnittgelähmte) Menschen, die selbst ein Buch schreiben und veröffentlichen möchten?

Schneider: „Auf keinen Fall jammern. Ich habe Geschichten von Menschen gelesen, die über ihre Behinderung schrieben, da kam ich über das erste Kapitel nicht hinaus. Die waren so deprimierend, dass es nicht auszuhalten war. Ich glaube, wenn man schreibt, um eine gute Geschichte zu erzählen, dann ist das schon einmal eine sinnvolle Vorgehensweise.

Dann sollte man auf keinen Fall auf die Auflage schielen. Wer schreibt, um reich zu werden, ist ganz schlecht beraten.

Ein gutes Lektorat ist auch nicht zu verachten, das habe ich gelernt. Selbstkritik schadet ebenfalls nicht. Wenn ich ein Kapitel fertig habe, dann lasse ich es erst einmal liegen. Wenn es mir nach ein, zwei Tagen keinen Spaß macht, das Kapitel zu lesen, dann schreibe ich es noch einmal. An den Formulierungen herum zu flicken funktioniert nicht. Es muss sich flüssig lesen.“

Vielen Dank!

 

In seinen eigenen biographischen Büchern „Wie ich das Laufen verlernte“ und „Geht das hier nach Größe?“ beherzigt Schneider seinen eigenen Rat und ist weit davon entfernt zu jammern. Unterhaltsam und realistisch beschreibt Schneider seinen Aufenthalt in der Reha-Klinik, die Konfrontation mit der Diagnose Querschnittlähmung, mit Ärzten, Therapeuten und anderen Betroffenen. Und er spricht über seinen Weg in ein neues Leben mit all den frustrierenden und zum Teil skurrilen Hürden, die man als Rollstuhlfahrer zu nehmen hat, angefangen bei mangelnder Barrierefreiheit im Alltag bis hin zu einem rapide wachsenden Leibesumfang….

Dass Schneider seinen Humor bei all dem keineswegs verloren hat, spiegelt sich in seinem Schreibstil wider. Dabei sind seine Scherze manchmal laut und polternd – und manchmal lugen sie augenzwinkernd zwischen den Zeilen durch: Robert Schneiders Pseudonym ist Roberto Sastre. Roberto ist die südländische Version von Robert, „sastre“ das spanische Wort für Schneider. Soweit ist das Wortspiel schon ganz niedlich. Auf Schneiders Website allerdings bekommt der Leser, der genau hinzieht, es mit dem zusätzlichen Wort „de“ zu tun. Roberto de Sastre. Damit hat Schneider sich zum einen kurzerhand geadelt (de = von) und seinen Namen andererseits zu einer Katastrophe gemacht. Denn „desastre“ ist das spanische Wort für Unglück, Unheil. Oder Schicksalsschlag. Der Unfall, der Schneider im Rollstuhl landen ließ, machte ihn zu dem Menschen, dem Autoren, der er heute ist. Ob seine Querschnittlähmung und die Rehabilitation ein Ritterschlag waren? Wenn man den Ritterschlag als Synonym für  ein erfolgreiches, glückliches, gesundes Leben betrachtet, lautet die Antwort „ja“.

Weitere Informationen

Für Details zu den Büchern Schneiders und mehr Infos zu seiner Person siehe: www.robertosastre.de

Siehe auch: Skurrile Mischung: Pornos. Nonnen. Rollstuhlfahrer.

 

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