Mit dem Rollstuhl zur Europameisterschaft

Frank Hüttenberger ist ein Rollstuhlfahrer, der sich nicht aufhalten lässt (siehe: Handbiken – Die neue Mobilität und Frankie goes to Hollywood – Ein Rollstuhlreisebericht). Aus gegebenem Anlass lässt Frank Hollywood nun links liegen und tummelt sich in Frankreichs EM-Stadien. Mit Rollstuhl und Kumpel, und eigentlich völlig problemfrei…

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Auf Der-Querschnitt.de erklärt Frank Hüttenberger wie man in die französischen Stadien rein und wieder rauskommt, worauf man achten muss und wie barrierefrei sie wirklich sind. Bei den Vorbereitungen muss man sich natürlich schon etwas Mühe geben, denn um die Vorteile, die einem als Rollstuhlfahrer geboten werden, auch wirklich nutzen zu können, muss man sie kennen. Aber dann kann der Besuch eines internationalen Fußballtourniers – je nach den Gegebenheiten im Gastgeberland – auch für querschnittgelähmte Fans ein bombastisches Erlebnis werden.

Frank, welches war für Dich bisher das beste Spiel der EM?

Ich glaube, das beste Spiel war auch das torreichste zwischen Ungarn und Portugal (3:3), welches ich aber nicht live verfolgt habe. Die allermeisten anderen Partien waren hauptsächlich von der Taktik geprägt und kein Team wollte einen Fehler begehen – dies machte viele Spiele als neutraler Fan eher „langweilig“.

Von den live erlebten Partien war sicherlich das Match Spanien – Türkei (3:0) spielerisch am besten, aber ziemlich einseitig. Die spannendste Partie fand ich Ungarn gegen Island (1:1), in dem das ungarische Team lange um den Ausgleich kämpfte und kurz vor Schluss belohnt wurde.

Die EM-Bummler: Frank und Deniz im Hafen von Marseille.

Die EM-Bummler: Frank und Deniz im Hafen von Marseille.

War der Rollstuhl je ein Problem beim Dreamteam „Du und die EM“?

Nein, das kann ich nicht behaupten. Im Gegenteil – die Tickets kosteten dadurch nur die Hälfte, die Begleitperson zahlt nicht, etc. …

Wie warst du ausgerüstet?

Spezielle Fanartikel habe ich nicht mitgenommen, allerdings sahen wir auch kein Spiel der deutschen Elf. Mein Begleiter Deniz erfreute sich jedoch daran, dass wir gleich zwei Spiele seiner heimischen, türkischen Nationalmannschaft sahen und trug daher ein Trikot.

Bezüglich der Hilfsmittel führte ich die auch sonst üblichen Dinge wie Einmalkatheter usw. mit. Ich hatte zwar einige Bedenken, ob ich diese aufgrund der Sicherheitslage problemlos mit ins Stadion nehmen kann, jedoch gab es keine „peinliche“ Nachfrage.

Wie bist du beim Ticketkauf vorgegangen?

Der Zeitplan der EM wurde schon recht früh veröffentlicht und bereits ab Mai 2015 konnte man Tickets beantragen. Letztlich musste man sich in der ersten Verkaufsphase für Partien wie z.B. C1-C3 entscheiden, aber in erster Linie standen die verschiedenen Städte und Stadien im Mittelpunkt, sodass mir und einem Freund, der mich begleitete, relativ egal war, wer gegen wen spielt. Umso gespannter verfolgten wir dann die endgültige Auslosung im Dezember 2015.

Wir hatten zuvor eine Route festgelegt und dementsprechend die Spiele ausgewählt. Zu diesem frühen Zeitpunkt konnte man auch noch leicht barrierefreie Hotelzimmer buchen. Da wir mit dem Auto unterwegs waren, buchten wir Unterkünfte außerhalb der Städte, ansonsten wäre es wohl nicht bezahlbar gewesen.

Über das UEFA-Ticketportal konnte man barrierefreie Tickets für jedes EM-Spiel beantragen. Es war zwingend notwendig, eine Kopie des Schwerbehindertenausweises mitzuschicken. Preislich lagen die Rollstuhltickets in der günstigsten „normalen“ Kategorie, mit dem Vorteil, dass die Begleitperson eine kostenlose Eintrittskarte erhält. Ein Gruppenspiel war für 25 Euro zu haben, das Eröffnungsspiel gab es für 75 Euro und das Finalticket lag bei 85 Euro – alles in allem, zumal für zwei Personen, ein akzeptabler Preis.

Anschließend hieß es „Daumen drücken“. Sofern die Nachfrage das Angebot überstieg, wurden die Tickets verlost. Glücklicherweise erhielten wir für jedes gewünschte Spiel Karten. In den EM-Stadien gibt es die folgenden Anzahl an Rollstuhlplätzen (siehe auch: www.cafefootball.eu):

Sicht aufs Spielfeld in Lyon.

Sicht aufs Spielfeld in Lyon.

  • Lille: 497 Plätze
  • Marseille: 374 Plätze
  • Lyon: 202 Plätze
  • Bordeaux: 126 Plätze
  • Saint-Etienne: 139 Plätze
  • Saint-Denis: 550 Plätze
  • Lens: 184 Plätze
  • Paris: 104 Plätze
  • Toulouse: 75 Plätze
  • Nizza: 116 Plätze

Wie barrierefrei war der Weg ins Stadion?

Der Weg ins Stadion war durchgängig barrierefrei zu meistern. In Frankreich war die größte Barriere die sprachliche – die wenigsten Franzosen sprechen Englisch und so war die Verständigung teilweise etwas schwierig. Hervorheben möchte ich aber die Hilfsbereitschaft und das Bemühen der Menschen. Insbesondere die freiwilligen Helfer (Volunteers) in den Stadien gaben ihr Bestes und standen mir mit Rat und Tat zur Seite.

Sicht aufs Spielfeld in Saint Etienne.

Sicht aufs Spielfeld in Saint Etienne.

Wir fuhren mit dem PKW an die verschiedenen Stadien. Unterwegs zahlte man die übliche Autobahn-Maut, nachdem ich vorab vergeblich auf eine Befreiung für Menschen mit Behinderung gehofft hatte (lacht). Allerdings habe ich gelesen, dass z. B. Wohnmobile, die sich normalerweise in der teureren Mautkategorie 2 befinden, in die günstigere Mautkategorie 1 herabgestuft werden, wenn ein Insasse an der Mautstation einen Schwerbehindertenausweis vorlegt.

Für „normale“ Besucher standen an den Stadien keine Parkmöglichkeiten zur Verfügung. Über das UEFA-Ticketportal hatte man als Inhaber von Rollstuhl-Tickets aber die Möglichkeit, spezielle Parkausweise zu beantragen. Diese Parkplätze befanden sich jedes Mal in unmittelbarer Nähe des Stadions.

Wie barrierefrei waren die Stadien und die Plätze, die ihr hattet?

Barrierefrei waren alle Plätze, da man sie problemlos erreichen konnte. Sanitäre Einrichtungen befanden sich jeweils direkt bei den Rolli-Plätzen. Auf die einzelnen Stadien möchte ich im Folgenden näher eingehen:

Sicht aufs Spielfeld in Paris.

Sicht aufs Spielfeld in Paris.

  • 12. Juni 2016: Türkei – Kroatien 0:1 in Paris
    Im Parc des Princes befanden sich die Rollstuhlplätze auf Spielfeldhöhe. Glücklicherweise gab es dennoch eine kleine Erhöhung für die Rollis, sodass man über die Werbebande schauen konnte. Da bin ich aus deutschen Stadien teilweise anderes gewohnt… Insgesamt waren das recht gute Plätze.
  • 14. Juni 2016: Portugal – Island 1:1 in Saint-Etienne
    Im Stade Geoffrey Guichard befanden sich die Rollstuhlplätze in etwa in der fünften Reihe. Ich persönlich bevorzuge dies, da man zwar nicht ganz so nah dran ist, dafür aber einen viel besseren Überblick über das Spielfeld hat. Nachteil in dieser Arena: Wenn die Zuschauer in den vorderen Reihen aufstehen, was bei spannenden Spielsituationen häufig vorkommt, sieht man nichts mehr. Zumeist nehmen die Fans allerdings Rücksicht, nachdem man sie darauf hingewiesen hat.
  • 16. Juni 2016: Ukraine – Nordirland 0:2 in Lyon
    Hier handelt es sich um einen Stadionneubau. Dies merkt man auch an der Platzierung der Rolliplätze – mittig zwischen Ober- und Unterrang, außerdem etwas erhöht hinter der letzten Sitzreihe des Unterranges, sodass auch durch aufstehende Personen keine Sichteinschränkung entsteht. Hier würde ich die Plätze als perfekt bezeichnen.

    Sicht aufs Spielfeld in Nizza.

    Sicht aufs Spielfeld in Nizza.

  • 17. Juni 2016: Spanien – Türkei 3:0 in Nizza
    Hier hatten wir ähnlich ideale Plätze wie in Lyon, allerdings hinter dem Tor. Fand ich jetzt aber auch nicht tragisch, freie Sicht hatte man auf jeden Fall.
  • 18. Juni 2016: Island – Ungarn 1:1 in Marseille
    Von der Höhe und dem Überblick übers Spielfeld ebenfalls ideale Plätze, allerdings bestand hier wieder das Problem der Sichteinschränkung durch aufstehende andere Zuschauer. Dieses Problem scheint man in Marseille zu kennen. Ein Hinweisschild machte die anderen Zuschauer darauf aufmerksam. Außerdem befanden sich direkt über den Rollstuhlplätzen Bildschirme, sodass man dort das Spielgeschehen verfolgen konnte, wenn gerade mal wieder jemand vor uns aufstehen „musste“ (lacht).

Darf in Frankreich die Begleitperson umsonst mit ins Stadion?

Ja. Dank der UN-Behindertenrechtskonvention ist es erfreulicherweise auch bei UEFA-Veranstaltungen üblich, dass die Begleitperson freien Eintritt erhält.

Sicht aufs Spielfeld in Marseille.

Sicht aufs Spielfeld in Marseille.

In zwei Jahren ist die Weltmeisterschaft in Russland. Fährst du hin und was würdest du Rollstuhlfahrern raten, die die Nationalmannschaft gerne live vor Ort anfeuern wollen?

Ich habe tatsächlich schon darüber nachgedacht, zur WM 2018 zu reisen. Ich gehe fest davon aus, dass es auch hier aufgrund der FIFA-Auflagen einige Rollstuhlplätze geben wird, sodass zumindest der Stadionbesuch an sich kein Problem darstellen dürfte. Wie es aber z. B. in Moskau oder St. Petersburg mit der Barrierefreiheit in den Städten aussieht, kann ich nicht beurteilen. Daher bin ich noch etwas unentschlossen, mal schauen. Außerdem ist natürlich auch die Anreise weiter und teurer.

Anderen Rollstuhlfahrern würde ich raten, sich so früh wie möglich um Tickets zu bemühen. Letztendlich braucht man auch etwas Glück. Da es in den Stadien, wie oben erwähnt, aber relativ viele Rollstuhlplätze gab, erhöhte dies natürlich auch die Chance auf die begehrten Tickets.

Ein abschließender Kommentar?

Die Tour hat sich auf jeden Fall gelohnt und Spaß gemacht. Wir verbrachten zwar auch viel Zeit im Auto (3.250 gefahrene Kilometer), aber das war es wert. Der Rollstuhl schränkte mich überhaupt nicht ein, ich würde sagen, es ist in Frankreich für Rollis ähnlich wie in Deutschland. Auch in den verschiedenen Städten kam man gut zurecht.

Jetzt freuen wir uns auf das Endspiel im Stade de France, dafür habe ich auch Karten erhalten – hoffentlich kann ich dort dann auch das Deutschland-Trikot anziehen (lacht).

Weitere Informationen

Auch in Deutschland kommt man barrierefrei zu Fußballspielen. Siehe hierzu: Barrierefrei ins Stadion.

 

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