Selbstbestimmt leben mit Tauschgeschäften oder Nachbarschaftshilfe

Gebrauchtes, Kleidung oder Dienstleistungen bargeldlos tauschen ist Trend. Für Menschen mit Behinderung, die ab und zu Hilfe brauchen, könnte der Tausch von Dienstleistungen ein Modell der Alltagsbewältigung sein. Rechtlich ist es allerdings eine Grauzone. Anders die Nachbarschaftshilfe, die vom Gesetzgeber explizit unterstützt wird.

sh_248155564_TylerOlson_gross

Der alte Badezimmerschrank muss zum Sperrmüll, aber selbst raus tragen geht nicht? Die Spots an der Decke sind größtenteils kaputt, doch mit Krücken kommt man so schlecht die Leiter hoch? Wer in solchen Fällen nicht immer und immer wieder Freunde anrufen will, die ihrerseits oft kaum Hilfebedarf haben, könnte es mal mit einem Tauschgeschäft versuchen. In Deutschland sind es vor allem die Tauschringe, in denen sich ganz verschiedene Leute organisieren, um ihre Hilfe bei Dingen, die sie gut können, gegen fremde Hilfe bei Dingen, die sie nicht können, einzutauschen. Bargeldlos. Frau F. kocht Marmelade für Herrn P., Herr P. repariert das Fahrrad von Frau M., Frau M. hilft Frau F. bei einer Übersetzung. Berechnet werden die Leistungen häufig in Zeit oder fiktiven Einheiten wie Talern oder Talenten, die es nur in diesem System gibt.

Ebenfalls auf gegenseitige Unterstützung ausgelegt sind bestimmte Wohnformen, in denen Nachbarschaftshilfe zum Wohnkonzept gehört. Im Gegensatz zu Tauschsystemen wie den Tauschringen, in denen sich fremde Menschen zum Tausch zusammenfinden, besteht hier zunächst die Wohngemeinschaft. Die gegenseitige Unterstützung ist weniger ein Geschäft als eine Lebenseinstellung, soll allerdings auch nicht einseitig bleiben. In bunt gemischten Häusern können Ältere auf die Kinder der Jüngeren aufpassen, Mitglieder mit körperlicher Behinderung können am Computer weiterhelfen oder bei den Hausaufgaben, dafür steht ein andermal jemand zum Gardinenwaschen auf der Leiter.

Rechtslage

Solange die Nachbarschaftshilfe eine reine Gefälligkeit darstellt und unentgeltlich erfolgt, ist sie steuer- und sozialabgabenfrei und wird nach § 8 Absatz 4 des Gesetzes zur Bekämpfung der Schwarzarbeit und illegalen Beschäftigung (Schwarzarbeitsbekämpfungsgesetz – SchwarzArbG) explizit von zu versteuernden Leistungen ausgenommen.

Während also die reine Nachbarschaftshilfe unter Hausgenossen rechtlich unbedenklich ist, bewegen sich Tauschringe in einer Grauzone. Denn für „erhebliche“ Leistungen müssen Steuern entrichtet werden. Die bleiben bei einem Tauschgeschäft in der Praxis meist unberücksichtigt. „Obwohl das Gesetz zur Bekämpfung der Schwarzarbeit nach § 1 Abs. 3 für Dienst- oder Werkleistungen, die auf Gefälligkeiten oder Nachbarschaftshilfe beruhen, nicht gilt, wird bei Tauschringlern ein Handeln als Gefälligkeit nicht anzunehmen sein, weil eine Gegenleistung erwartet wird. Außerdem sind sie auch nicht Nachbarn im Rechtssinne, denn sie stehen weder in enger räumlicher Beziehung (Nachbarn im Wortsinne) noch sind sie in der Regel verwandt (Nachbarn im weiteren Sinne)“, schreibt Karl-Heinz Lehmann von der Ev. Fachhochschule Hannover (Lehmann, 2000).

Die Tauschringe selbst hingegen bezeichnen sich gern als Nachbarschaftshilfe oder als soziales System. Allerdings kann hier nur Hilfe bekommen, wer selbst etwas zu geben hat. In vielen Tauschringen gehört es zum Einstieg, eine bestimmte Anzahl an Talenten zu erarbeiten, bevor das erste Hilfegesuch möglich wird. Die deutschen Zeit- und Tauschsysteme sind auch nicht als Organisation in den Bereichen Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenarbeit und Ehrenamt anerkannt. Andererseits ist das System an sich nicht auf Gewinn ausgelegt.

Da es in der Vergangenheit immer wieder zu Bewertungen von Tauschleistungen durch Finanz- oder Sozialämter gekommen sei, seien zwingend Anpassungen in der derzeit gültigen Rechtslage erforderlich, fordern die Tauschringe (vgl. Schilling, 2007). Es seien jährliche Freibetragsgrenzen für steuerliche Berechnungen einheitlich festzulegen. Für gewerbliche bzw. freiberufliche Leistungen in Tauschsystem (nach § 2 bzw. § 8 EStG) würden ohnehin die bestehenden steuerrechtlichen Regelungen gelten. Die Regel jedoch sind Tauschgeschäfte, die keine sogenannten nachhaltigen Einkünfte erzielen. Für diese habe eine Anwendung der steuerlichen Bewertung (in Anlehnung an ehrenamtliche Dienste) zu erfolgen. In der Bewertung von ehrenamtlicher Arbeit besteht aktuell (Stand: Juli 2016) eine Freibetragsgrenze von 720 Euro im Jahr für Einnahmen aus einer Tätigkeit, die im gemeinnützigen, kirchlichen oder mildtätigen Bereich liegt (§ 3 Nr. 26 a EStG, Stand 2016).

Für Empfänger von Sozialhilfe sei die Teilnahme an einem Tauschring meldungspflichtig, befand Verena Niemeyer in ihrer Diplomarbeit zur Diplom-Volkswirtin 2002. Sei ein Sozialhilfeempfänger durch sein „Einkommen“, also sein Guthaben aus Tauschgeschäften, in der Lage, seinen Bedarf an Waren und Dienstleistungen selbst zu decken, verliere er den Anspruch auf Sozialhilfe. In der Praxis sei allerdings kein Fall bekannt, so Niemeyer.

Trotz aller rechtlichen Unsicherheiten gibt es Hunderte Tauschringe in Deutschland, die bislang weitgehend unbehelligt agieren. Wohl auch deshalb, weil die meisten Mitglieder eher gelegentlich und tauschen und sich dabei oft auf ganz bestimmte Waren oder Dienstleistungen konzentrieren. Selbst großen Tauschringen dürfte es kaum gelingen, Bedarfe des Alltags umfassend abzudecken.

Wer auch gern ins Tauschgeschäft einsteigen will, hat dafür also reichlich Gelegenheit. Unter Stichworten wie Tauschring, Tauschzirkel, Zeittauschbörse, Nachbarschaftshilfeverein, LETS, Talentemarkt, Tauschnetz o. ä. findet sich im Internet rasch ein Angebot aus der näheren Umgebung.

Tauschring oder inklusives Wohnprojekt?

Wichtig für die Auswahl des geeigneten Tauschsystems ist die örtliche Nähe und ein vielfältiges Angebot. Wer Mitglied eines Tauschringes werden möchte, sollte sich im Voraus überlegen: Was kann ich gut? Was möchte ich konkret anbieten und unter welchen Bedingungen? Zugleich gilt es herauszufinden, ob die Angebote, die in einem örtlichen Tauschsystem bereits bestehen, den eigenen Bedarf ansprechen.

Obwohl Tauschringe nicht als gemeinnützig anerkannt sind, wird häufig Wert auf ein soziales Miteinander gelegt. Dass bedeutet auch, dass der Tausch nicht in Erbsenzählerei ausarten sollte. Es geht schließlich nicht um professionelle Dienstleistungen, sondern um Hilfen, die der andere so gut erbringt, wie er es kann. Dafür sollten die gegenseitigen Erwartungen im Voraus möglichst genau vereinbart werden. Viele Tauschsysteme bieten vorgefertigte Formulare für den Tausch an, in denen beide Parteien festhalten, was genau erledigt werden soll und welches Guthaben dafür verbucht werden wird. Es empfiehlt sich, bei den Erwartungen ins Detail zugeben und ruhig aufzuschreiben, dass z. B. bei Hilfe im Garten auch die Gartenabfälle entsorgt und die Terrasse abschließend noch einmal gekehrt werden sollte.

Dabei gilt: Tätigkeiten in Zeit zu berechnen heißt, den zeitlichen Aufwand in den Vordergrund zu stellen und nicht die benötigte Vorbildung. „Gehaltsunterschiede“ fallen weg.

Für viele „Tauschringler“ sind auch die sozialen Kontakte, die durch das Netzwerk entstehen können, ein Anreiz sich zu engagieren. Tauschringe pflegen oft ein buntes Vereinsleben.

Behinderten, die keine Pflegestufe haben, aber gelegentlich auf Hilfe angewiesen sind, könnte eine Mitgliedschaft in einem Tauschring den Alltag erleichtern. Sie lässt sich jederzeit wieder aufheben und verpflichtet zu nichts. Das gilt allerdings auch für alle anderen Tauschringmitglieder. Wer wann welche Hilfe anbietet, ist nicht immer berechenbar.

In Sachen Zuverlässigkeit können die Hausgemeinschaften punkten. Man kennt sich, es besteht eine räumliche Nähe und in der Regel der Wunsch, eine gute Nachbarschaft zu pflegen. Unter den Vorzeichen „alternatives“ oder „inklusives Wohnprojekt“ finden sich Menschen, die gern in einem sozialen Netzwerk leben wollen, die kontaktfreudig und bereit sind, einen Teil ihrer Zeit in die Nachbarschaftshilfe zu investieren, um bei Bedarf auch auf Hilfe zählen zu können. Wer in so eine Gemeinschaft einzieht, legt sich erst mal fest. Das ist gerade beim ersten Mal ein Wagnis, zumal es insbesondere in Ballungsgebieten schwer sein kann, freie Plätze zu finden.

Das Online-Angebot „Wohnprojekte-Portal“ listet sowohl Wohnangebote als auch Interessenten zu den Themen Inklusion, Generationenübergreifendes Wohnen, Ökologie und mehr. Die Detailsuche erlaubt, gezielt nach Projekten für behinderte Interessenten zu suchen.

http://www.wohnprojekte-portal.de/projekte-suche/wohnangebotdetails.html?uid=263

 

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.