Versorgung Rückenmarksverletzter gestern und heute

Heute werden Menschen mit Rückenmarksverletzungen in speziellen Querschnittzentren behandelt, in denen ihnen eine umfassende interdisziplinäre Betreuung zuteilwird. Im Anschluss an die Reha ermöglicht sie ihnen im besten Fall ein eigenverantwortliches, selbständiges Leben bis in hohe Alter. Doch das war nicht immer so.

Bild 121912966-copyright Sergey-Nivens, 2013 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Prof. Hans Jürgen Gerner, Facharzt für Orthopädie, war bis 2009 als Nachfolger von Prof. Paeslack Leiter des Querschnittzentrums Heidelberg und trieb während seiner Laufbahn den Ausbau der Wirbelsäulenchirurgie und der neuro-urologischen Versorgung von Querschnittpatienten voran. In seinem Vortrag „Versorgung Rückenmarksverletzter – Von Guttmann bis heute“ anlässlich des Internationalen Symposiums zur Zukunft der Paraplegiologie in Heidelberg im Juni 2016 berichtet er, wie sich die Versorgung von Rückenmarksverletzten während der vergangenen 80 Jahre gewandelt hat.

Vor dem zweiten Weltkrieg überlebten Menschen mit Rückenmarksverletzungen meist keine drei Monate, zu groß waren die Wissenslücken hinsichtlich Prophylaxe und Behandlung von Komplikation und Folgeerkrankungen bei Querschnittlähmung. Patienten starben z. B. an:

  • Urologischen Komplikationen: Niereninsuffizienz aufgrund von Blasenlähmungen
  • Pulmonalen Komplikationen: Lungeninsuffizienz
  • Sepsen aufgrund von offenen Druckstellen

Eine Behandlung zielte oft nicht auf eine Verbesserung des Zustandes ab, sondern auf ein „Erträglichmachen“ bis zum Eintritt des Todes.

Diese Situation änderte sich erst mit dem deutschen Neurologen und Neurochirurgen Sir Ludwig Guttmann (siehe: Sir Ludwig Guttmann: Vater der Querschnittgelähmten), der 1939 vor der Verfolgung durch die Nazis nach England floh und in der englischen Einrichtung Stoke Mandeville die Therapie bei Querschnittlähmung begründete und über Jahre hinweg ausbaute und verbesserte. Das Guttmann‘sche Konzept sah erstmalig folgende interdisziplinären Schritte vor:

  • Multidisziplinäres Team
  • Prävention, Vermeidung Sekundärschäden
  • Intermittierender Katheterismus
  • Spezielle Lagerung bei Wirbelsäulenfrakturen
  • Anerkennung, Selbstvertrauen, soziale Kontakte durch Sport
  • Beruflich-soziale Rehabilitation und Integration

Dank dieses umfassenden Konzepts unter dem Motto „Comprehensive Care and Management“ änderte sich also nicht nur die medizinische Versorgung von Querschnittpatienten sondern auch die Überlebenschancen. Es beachtete auch erstmals die Aspekte von Teilhabe, Eigenverantwortung und dem Aufbau eines neuen Selbstbildes.

Für Erfahrungsberichte aus Stoke Mandeville siehe: Manfred Sauer über Stoke Mandeville und Rainer Küschall: Von Stoke Mandeville zu olympischen Höchstleistungen

Sir Ludwig Guttmann (Mitte) und Prof. Paeslack (rechts im Bild) beim Weltkongress für Rehabilitation. Expertentreffen "Paraplegie" in Heidelberg 1966

Sir Ludwig Guttmann (Mitte) und Prof. Paeslack (rechts im Bild) beim Weltkongress für Rehabilitation. Expertentreffen „Paraplegie“ in Heidelberg 1966

Die Situation in Deutschland nach 1945

Von Stoke Mandeville aus, verbreitete sich das Guttmann’sche Konzept u. a. auch in Deutschland, wo Stationen und Zentren nach dem britischen Vorbild eingerichtet wurden, oft nach Hospitationen der zuständigen Ärzte bei Ludwig Guttmann.

1945 gab es zunächst drei Versorgungskrankenhäuser in Bad Pyrmont, Bad Tölz und Bayreuth.

Ab 1952 wurden in einzelnen Kliniken Sonderstationen und ab 1966 Querschnittzentren eingerichtet:

  • Sonderstationen
    • 1952 Bochum
    • 1954 Koblenz
    • 1956 Heidelberg, Bayreuth
    • 1957 BGU Frankfurt
    • 1959 BGU Hamburg
    • 1967 BGU Ludwigshafen, Tübingen
    • 1970 Hess.-Lichtenau
  • Querschnittszentren
    • 1966 Heidelberg
    • 1967 BGU Murnau
    • 1974 Bayreuth
    • 1977 BGU Frankfurt
    • 1978 Bad Wildungen
    • 1978 Langensteinbach
    • 1981 BGU Hamburg
    • 1984 Ulm
    • 1985 BGU Tübingen
    • 1987 Herdecke

Nach der Wiedervereinigung kamen folgende Einrichtungen im Osten Deutschlands hinzu

  • Querschnittszentren
    • 1993 Kreischa
    • 1997 Berlin–Marzahn
    • 1997 Halle (BG)
    • 1998 Bad Berka
    • 1998 Greifswald

Im Bereich der Neurourologie waren es die Kliniken in Murnau und Bad Wildungen, die Pionierarbeit in eigens eingerichteten Spezialabteilungen leisteten; hinsichtlich Sinn und Notwendigkeit von Operationen an der verletzten Wirbelsäule schieden sich die Geister lange Zeit erheblich. In den 80ern läuteten die entscheidenden Weiterentwicklungen von Dr. Uwe Bötel, Leiter des Querschnittszentrums „Bergmannsheil“ in Bochum, die Veränderungen ein, die die Wirbelsäulenversorgung zu dem machten, was sie heute ist.

Querschnittlähmung in Zahlen      

Aufzeichnungen über das Auftreten von Querschnittlähmungen gab es zunächst wenige. Laut Angaben des Bundesministeriums des Inneren sahen die Zahlen bei Querschnittlähmung 1963 wie folgt aus:

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Heute treten in Deutschland jährlich ca. 1.200 bis 1.800 neue Fälle von Querschnittlähmung auf. Versorgt werden Frischverletzte optimaler Weise in 27 bundesweit zur Verfügung stehenden Querschnittszentren (siehe: Kliniken zur Behandlung von Querschnittlähmung in Deutschland, Österreich und der Schweiz).

Lähmungsursachen im Wandel

Ein Vergleich zwischen einer Aufstellung von Ursachen für Querschnittlähmungen zwischen den Jahren 1976 – 2006 einerseits und von 2014 andererseits zeigt, dass die Fälle von Rückenmarksverletzungen, die durch degenerative, vaskuläre, entzündliche Erkrankungen oder Tumore entstanden sind, deutlich zugenommen haben. Gemeinsam mit osteoporotischen Frakturen und anderen Erkrankungen, stellen krankheitsbedingte Querschnittlähmungen 2014 über 50% der neuen Fälle. Ein Umstand, der neben verbesserte Prävention vermutlich auch im demographischen Wandel begründet liegt, und nach einer angepassten Herangehensweise in der Behandlung und der Rehabilitation Querschnittgelähmter verlangt. U. a. hat die European Mulitcenter Study about Spinal Cord Injury (EMSCI) ergeben, dass Patienten, die älter als 65 Jahre sind, die gleiche neurologische Erholung zeigen, wie jüngere Patienten, allerdings einen längeren Zeitrahmen bis zum vergleichbaren funktionellen Status vergeht.

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An der Langzeitüberlebensrate hat sich während der vergangenen 30 Jahre nichts geändert. Siehe: Lebenserwartung und Todesursachen bei Querschnittlähmung.

Ausblicke: Neuroregeneration und Neurorehabilitation

Die Forschung zur Behandlung zur Querschnittlähmung hat zwei wesentliche Ausrichtungen: zum einen soll Neuroregeneration erzielt werden, das heißt Therapieverfahren zur strukturellen Wiederherstellung des verletzen Rückenmarks. Zum anderen sollen neurorehabilitative Konzepte entwickelt bzw. verbessert werden, die zum Teil stark ingenieur- und informationswissenschaftlich ausgerichtet sind.

Die Regenerationsforschung beschäftigt sich mit der strukturellen Basis für eine Wiederherstellung von verlorenen Funktionen nach eingetretener Querschnittlähmung. Vor allem von invasiven Therapieverfahren wie Zelltransplantationen bzw. der Ersatz von Rückenmarksgewebe durch geeignete Biomaterialien erhofft man sich relevante Funktionsverbesserungen. Hierzu werden in Tiermodellen aus Stammzellen spezifische Zellen des zerstörten Nervengewebes gezüchtet und in das verletzte Rückenmark transplantiert; Hydrogele werden als Leitstruktur implantiert, um die Wiederaussprossung durchtrennter Nervenbahnen zu ermöglichen.

Die Neurorehabilitation hat häufig eine technischere Ausrichtung und beschäftigt sich mit Neuroprothesen für die oberen und unteren Extremitäten (siehe: Exoskelette – Schritte in die Zukunft) und deren Benutzerschnittstellen z. B. von Gehirn-Computer Schnittstellen (siehe: Neuro-Bypass für Tetraplegiker) sowie mit der Verbesserung der Gehfunktion bei inkompletter Querschnittlähmung durch gerätegestützte Lokomotionstherapien (siehe: Lokomotionstherapie bei inkompletter Querschnittlähmung).

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Letztendlich wird es vermutlich eine Kombination aus beiden Feldern sein, die dafür sorgen wird, dass sich die Lebensqualität von Querschnittgelähmten auch in Zukunft verändern wird.

 

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