Filmporträt: Maria-Cristina Hallwachs

Maria-Cristina Hallwachs berät Betroffene zum Leben mit hoher Querschnittlähmung und Beatmung, wie sie es selbst führt. Sie spielt Theater, referiert bei Kongressen und wird in Radio- und TV-Sendungen eingeladen, um ihre Geschichte zu erzählen. Seit August 2016 ist auf YouTube ein Film der Diözese Rottenburg-Stuttgart über sie abrufbar.

Über die Protagonistin

Maria-Cristina Hallwachs ist seit ihrer Jugend nach einem Sprung in ein Nichtschwimmerbecken vom Hals abwärts gelähmt und wird rund um die Uhr beatmet. Sie lebt in einer eigenen Wohnung; ausgebildete Krankenschwestern und Krankenpfleger begleiten sie 24 Stunden am Tag.

Nach ihrem Romanistik- und Geschichtestudium arbeitet sie als Vorstandsmitglied, Beraterin und Projektleiterin im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen e. V. ; zudem absolvierte sie eine Ausbildung zur Peer Counselerin. Heute unterrichtet sie Auszubildende für medizinische Berufe und berät Menschen mit Behinderungen zu den Themen selbstbestimmtes Leben, Leben mit Beatmung und Reisen mit Intensivpflege.

„Mein Leben ist reich und voller spannender Begegnungen und Erlebnisse“, sagt Hallwachs. „Doch der Weg hierher war alles andere als leicht und erfordert täglich diszipliniertes, kontinuierliches Arbeiten an mir selbst. Niemand kann mir das abnehmen, die Arbeit wird nie aufhören und immer wieder stoße ich an meine körperlichen und psychischen Grenzen. Aber es lohnt sich: Denn es ist mein Leben.”

„Wie gut hätte mir damals ein Blick in die Zukunft getan. Wie sehr hätte es mir geholfen zu erfahren, dass mein Weg zwar anders aussehen würde als gedacht, aber dass er sinnerfüllt sein wird und mich stolz machen wird. Wie gut hätte es mir getan, jemanden zu kennen, der schon länger so lebt – und gut lebt“, schreibt Maria-hristina Hallwachs auf ihrer Homepage leben-mit-beatmung.de. Mittlerweile ist sie Expertin darin, Alternativen zu finden und glücklich zu sein. Wie das geht, will sie möglichst vielen Menschen in ähnlicher Lage zeigen.

Qualitätskontrolle

Ein Theaterstück mit ihr und über sie gibt es bereits. Qualitätskontrolle ist das 2013 uraufgeführte Bühnenstück des Autorenteams Haug, Kaegi und Wetzel (Rimini-Protokoll), in dem das Leben der Tetraplegikerin Maria-Cristina Hallwachs szenisch dargestellt wird. Was besonders spannend ist: Die Protagonistin spielte sich selbst.

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Qualitätskontrolle spielt in einem leeren Schwimmbecken, denn die Protagonistin porträtiert sich selbst: Maria-Cristina Hallwachs, die als Abiturientin in einen Swimmingpool sprang und seither querschnittgelähmt ist. Während Recherche und Proben der Rimini Protokollanten entstand ein Stück, mit dem Hallwachs ihr eigenes Leben unter die Lupe nimmt und „das sich so unaufdringlich wie unausweichlich mit Schicksal, Lebenswert und persönlicher Haltung beschäftigt“ (WDR, 2014). Thematisiert werden neben den persönlichen Erfahrungen der Protagonistin polemische Fragen wie vorgeburtliche Gentests, Abtreibungen und das Recht auf Leben mit Behinderung. Wer hat das Recht hat zu entscheiden, ab wann ein Leben lebenswert ist? Hallwachs Antwort ist eindeutig: Nur der Betroffene selbst kann und darf das. „Ich bin jetzt 38 Jahre alt und ich bin anfällig. Anfällig für den Tod. Anfällig für das Leben.“

Aus dem Inhalt: Hallwachs erzählt

„Ich habe nie gefragt, warum mir das passiert ist. Warum ich vor 20 Jahren zur Feier meines Abiturs mit meinen Eltern aus Stuttgart nach Kreta flog. Warum ich in den Pool der Ferienanlage sprang – kopfüber, auf der Nichtschwimmerseite. Das war die letzte Bewegung, zu der ich meinen Körper antreiben konnte. Seitdem herrscht Funkstille zwischen uns, von den Schultern abwärts.

Ich wurde von meinem Vater am Rand des Pools beatmet. Ich wurde in der Klinik gefragt, ob ich überhaupt weiterleben wolle. Ich wollte unbedingt. Ich lebe fröhlichen Hauptes.

Ich werde dieses Theaterstück spielen. Es wird davon handeln, wie aus dem Abschluss der Reifeprüfung der Beginn meines Lebensweges wurde. Davon, wie sehr ich meine Schwester liebe und weshalb ich sie für einen besonders glücklichen Menschen halte, obwohl sie im Alter von 2 Jahren aufgehört hat, sich für andere messbar geistig weiterzuentwickeln.

Ich werde in diesem Stück schwimmen. Ich werde die Welt bespielen und zeigen, wie sehr ich ein ganzer Mensch bin. Ich werde mit Frauen sprechen, die ein Kind erwarten, mit Genetikern, die die Qualität entstehenden Lebens testen. Ich werde mein Pflegepersonal bitten, für mich zu gestikulieren. Ich werde meiner Schwester die Bühne überlassen. Ich werde Fragen stellen dazu, was ein Mensch ist. Ich werde meine Antworten geben. Ich werde ohne technische Hilfe lachen: Ich lächle – oft.“

Die Dokumentation

2016 folgte die 20-minütige Dokumentation: „Es gibt immer einen Weg. Mein Leben mit Beatmung“ der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der Film zeigt ihren Alltag zu zuhause und  unterwegs und ist über YouTube leicht zugänglich.

„Es gibt immer einen Weg“, sagt Hallwachs auf einem Spaziergang leicht dahin und meint eigentlich zunächst nur die Gehwege. Aber sie hat seit ihrem Unfall in vielen Lebensbereichen Wege gefunden und genommen, um weiter zu kommen. Mit dem Film kann Hallwachs Leute erreichen, die erst ganz am Anfang stehen. Die kaum etwas mehr brauchen als gute Aussichten und konkrete lebensnahe Beispiele dafür. Der Film setzt den Erinnerungen an den Unfall bzw. an die Zeit danach das Heute entgegen – ein deutlicher Kontrast, der Mut macht. Dabei lässt Hallwachs zu, dass der Zuschauer hinschauen darf, beim Transfer, beim Absaugen von Sekret aus der Luftröhre, beim Bedienen des Computers und des E-Rollstuhls über den Mund. Viele kleine und größere Lösungen, die einem Leben im Bett eine deutliche Absage erteilen.

Mit Hirn, Herz und Selbstbewusstsein

Zugleich wird aber auch klar: Es erfordert immer aufs Neue große Anstrengungen, ein Leben unter diesen Vorzeichen in ein glückliches zu verwandeln. „Die Kurve wieder kriegen“, nennt Hallwachs das und verschweigt nicht, dass es immer wieder Momente der Verzweiflung gibt, die überwunden werden wollen: „Dann geht`s morgen weiter.“

Wie sie das macht? Einen Aspekt, der auf ihrer Webseite anklingt, nennt der Film nicht. „Die Menschen nennen mich behindert, und sie haben recht, das bin ich auch. Gott nennt mich seine gute Schöpfung, und er hat recht, das bin ich auch“, zitiert sie Roland Walter und zieht mutmaßlich auch aus dieser Haltung eine Menge Kraft. Der Film legt seinen Schwerpunkt auf die praktischen Hilfen, die ihren selbstbestimmten und vielseitigen Alltag unterstützen, unabhängig von Spiritualität. Durch die offenen Einblicke in ihr Leben und die augenzwinkernden Erläuterungen erfahren Zuschauer, wie es genau gehen kann mit der Beatmung über elektrische Impulse, wie es sich nach 20 Jahren Übung anhört, bei Dauerbeatmung zu sprechen oder welche Hilfsmittel die Fortbewegung, das Telefonieren oder das Schreiben ermöglichen, wenn man nur den Kopf bewegen kann.

Mit dem Kopf managt Hallwachs ihr ganzes Leben: das Theaterspielen, die Beratung nach der Methode des Peer Counseling, Termine als Referentin oder die Organisation ihrer Assistenzen und Hilfsmittel. Sie steuert ihren E-Rollstuhl mit dem Kinn, schreibt mit dem Mund, bedient den Rechner über Pusten und Ansaugen per Integra Mouse und bedient die Umfeldsteuerung. Wesentlich ist auch die Hilfe von Freunden und Familie. „Natürlich hätte ich gern Familie, eigene Familie, einen Mann und Kinder. Ich glaube, dass das einfach nicht realisierbar ist. Ein Mann, das natürlich ja, aber Kinder …“ Abgesehen davon sei sie dafür auch schon zu alt.

„Vielleicht hat mein Unfall einen Zweck, ein Ziel, was ich gar nicht so ganz erfassen kann. (…) Auch anderen Menschen Mut zu geben, vielleicht ist das meine Aufgabe.“

Beratung

Die Beratung von Maria-Christina Hallwachs ist für Betroffene kostenfrei und schließt Rechtsfragen aus. Einer Spende für das Peer Counseling, etwa, um ihren Tank aufzufüllen, sei sie nicht abgeneigt, ergänzt Hallwachs auf ihrer Homepage. Sie lebt in Stuttgart und ist im Oktober 2016 in Frankfurt/M, Tübingen und München zu den Themen Beratung, Liebe, Sexualität und Kinderwunsch sowie Inklusion zu hören. Termine

http://leben-mit-beatmung.de

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