Behinderte sind keine Inspiration

Das britische Magazin The Guardian hat ein Video veröffentlicht in dem kritisiert wird, dass – vor allem im Hinblick auf die Paralympics – Begriffe wie „inspirierend“ und „übermenschlich“ schnell verwendet werden, um Menschen mit Behinderungen zu beschreiben.

Bild 199419065 Copyright AnthonyMooney, 2016 Mit Genehmigung von Shutterstock.com

Wenn paralympische Athleten als „Inspiration“ und ihre Leistungen als „übermenschlich“ bezeichnet werden, sei das natürlich als Kompliment gemeint, doch, so Sprecherin Dr. Frances Ryan, spräche es ihnen ab einfach Menschen zu sein. Zudem reduziere es ihr Leben auf„Inspirations-Pornographie“, die dazu diene nicht-behinderten Menschen ein warmes, glückliches Gefühl zu geben.

It’s time to stop calling disabled people ‚inspirational‘ / Es ist an der Zeit damit aufzuhören Behinderte als „Inspiration“ zu bezeichnen.

Im Folgenden zu sehen, ist das Originalvideo des Guardian; der Text im Anschluss ist die deutsche Übersetzung.

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Es ist an der Zeit damit aufzuhören Behinderte als „Inspiration“ zu bezeichnen.

„Du bist solch eine Inspiration.“ Dies ist ein Satz, den Menschen mit Behinderungen oft hören. Und im Zuge der Paralympics, mit all diesen beeindruckenden Athleten auf den Bildschirmen, ist es sehr wahrscheinlich, dass wir diesen Satz in nächster Zeit sehr oft hören werden.

Wie im Jahr 2012 werden auch in diesem Jahr paralympische Athleten als „übermenschlich“ bezeichnet. Auf gewisse Weise ist das natürlich positiv, doch die Bezeichnung trägt in sich auch die zeitlose Vorstellung, dass behinderte Menschen etwas anderes als einfach „nur“ Menschen sind.

Zudem impliziert das Schlagwort „There is no such thing as can’t.“ / “Es gibt kein ‘Ich kann nicht’.” das jeder Behinderte alles tun kann, wenn er sich nur genug Mühe gibt.

Nehmen wir z. B. Stephen Hawking. Anstatt die vielen Hindernisse anzuerkennen, die Behinderte in der Gesellschaft zu überwinden haben, liegt das Hauptaugenmerk auf dem Individuum und darauf ob sie Lobpreisungen verdienen oder nicht.

Aber wer möchte nicht als „Inspiration“ bezeichnet werden? Ist das nicht etwas Gutes? Wenn wir uns eingehender damit beschäftigen, beschwört die Gleichsetzung von „Behinderung“ und „Inspiration“ zwei besorgniserregende Annahmen herauf:

  • Die Behinderung ist automatisch eine schreckliche Tragödie, die überwunden werden muss.
  • Jeder Erfolg, den Behinderte erkämpfen, hat lediglich die Aufgabe Nicht-Behinderten ein gutes Gefühl zu geben.

Diese Repräsentation Behinderter wird oft als „Inspirations-Porno“ bezeichnet. Laut Definition wird eine Person – hier ein Behinderter – vergegenständlicht, sodass der Betrachter einen Nutzen daraus zieht. Wir sehen das z. B. in vielgeteilten Videos von Teenagern mit Down-Syndrom, die zum Schulball eingeladen werden, oder in Social Media Memes mit Bildern von Stephen Hawking und motivierenden Sprüchen über seinem Rollstuhl.

Es ist die Tiny-Tim* Philosophie: Behinderte Menschen, mutig aber bemitleidenswert, existieren um nicht-behinderten Menschen ein warmes, glückliches Gefühl zu geben, oder um ihnen eine im Vergleich positiverer Bewertung ihres eigenen Lebens zu ermöglichen.

Es ist an der Zeit damit aufzuhören, Menschen mit Behinderungen als „Inspiration“ zu bezeichnen. Ein wahrer Fortschritt wird dann erreicht werden, wenn Behinderte so gesehen werden wie alle anderen auch.

Kontrovers diskutiert

Mit dieser Videobotschaft, die in der Kategorie „In my Opinion“ / „Meiner Meinung nach“ erschienen ist, ruft Ryan ein vielfältiges Echo hervor.

In Kommentarbereichen wird darauf hingewiesen, dass Sportler, die sich für Olympia qualifiziert haben, eine Inspiration sind – egal ob sie nun behindert sind oder nicht. So wie eben alle Menschen, die etwas Großartiges leisten für andere als Vorbild dienen können. Vielen Behinderten jedoch spricht Ryan aus der Seele, denn wo Begriffe wie „Inspiration und übermenschlich fallen, sind tapfer gegen das Schicksal ankämpfen und an den Rollstuhl gefesselt nicht weit. In der Wahrnehmung anderer sollten Behinderte weder glorifiziert noch schwarzgemalt werden. Wie Ryan sagt, reicht ein wahrhaftiges Wahrnehmen völlig aus.

Ganz offensichtlich schient, dass Ryan die alte Debatte um Begrifflichkeiten und Umgangston wieder losgetreten hat. Wie lange darüber noch diskutiert werden muss, wird die Zukunft zeigen.

*Gehbehindertes Kind in Dickens Weihnachtsgeschichte.