Heimbewohner für fünf Tage

Der Protest von Menschen mit Behinderung gegen das Bundesteilhabegesetz richtete sich auch gegen Passagen, die das Wunsch- und Wahlrecht beim Wohnen einschränken könnten. Letztlich geht es um Mietwohnung vs. Heimplatz. Der Aktivist Raúl Krauthausen hat das Leben im Heim getestet.

raul_krauthausen_4

Raúl Krauthausen, Aktivist aus Berlin und selbst Assistenznehmer, hat für fünf Tage ausprobiert, was es heißt, in einem Pflegeheim zu leben.

Er quartierte sich als „Frederic“ in einem Heim ein, um selbst sagen zu können, wie groß der Unterschied zwischen dem Wohnen in einer Wohnung mit persönlicher Assistenz und dem Wohnen in einem Pflegeheim mit Pflegekräften eigentlich ist. Mit dabei: Eine versteckte Kamera.

Kein Platz für Unternehmer

Der Film zeigt, welche Veränderungen das Leben im Heim bedeutet und dass ein Leben, wie Krauthausen es führt, so kaum möglich wäre. Oft kommt er spät abends von Lesungen, kann sich als Selbstständiger seine Arbeitszeiten flexibel einteilen, seine Assistenzen frei auswählen und mit ihnen seinen persönlichen Bedarf abstimmen. Als Heimbewohner wäre er jedoch an die Gepflogenheiten des Heimbetriebes gebunden, müsste vergleichsweise früh zu Bett gehen und immer wieder warten, bis eine von zwei Pflegekräften für zehn Heimbewohner Zeit für ihn hat.

Mit Begleitung das Heim verlassen: keine Kapazitäten. Einmal im Monat, so Krauthausen, habe es einen „Kreistag“ gegeben, bei dem ein Pfleger mit zum Shoppen oder ins Kino kommen könne. Wer es alleine nicht schaffe, müsse sich darauf beschränken – sofern diese Tage nicht dem Personalmangel zu Opfer fallen würden.

Einen guten Eindruck nahm er von dem achtsamen und professionellen Umgang mit seinen empfindlichen sogenannten „Glasknochen“ mit, empfand es aber als Nachteil, nicht mitentscheiden zu können, wer ihn pflegte.

Stern TV hat am Vorabend der Bundestagsdebatte eine rund 12-minütige Reportage dazu ausgestrahlt, eine Sammlung mit Videoclips gibt es u. a. auch auf Krauthausens Seite:

Das #Heimexperiment – Fünf Tage lebenslänglich

Assistenzleistungen nach dem BTHG

Zum Hintergrund der Aktion: Im Entwurf für das Bundesteilhabegesetz hatte § 102 festgelegt, dass bestimmte Leistungen im Zusammenhang mit Assistenzbedarf an mehrere Leistungsberechtigte gemeinsam erbracht werden können, soweit das für diese zumutbar sei. Auch § 102 und § 104 spielen eine Rolle, wenn es um das selbstbestimmte Wohnen geht. Betroffenen- und Sozialverbände kritisieren, dass damit das Recht von Menschen mit Behinderung infrage stehe, selbstbestimmt zu wählen, wie und mit wem sie wohnen möchten. Denn die Auswahl sei begrenzt, wenn behinderungsbedingte Unterstützung nur noch in gemeinschaftlichen, sogenannten „gepoolten“ Wohnformen geleistet werde. Zwar solle das Poolen an eine Zumutbarkeitsprüfung gebunden werden, „jedoch trifft die Abwägungsentscheidung, was zumutbar ist und ob (doch) gepoolt wird, nicht der behinderte Mensch, sondern der Kostenträger“ (aus der Stellungnahme des SoVD zum Referentenentwurf des BTHG).

Raúl Krauthausen und andere forderten in diesem Zusammenhang auch die Erhaltung des Grundsatzes „ambulant vor stationär“, wie er im damals geltenden Recht verankert war.

Siehe auch: