Pokémon Go für Rollstuhlfahrer

Eigentlich sollte es ja Pokémon Roll heißen, wenn Rollstuhlfahrer das seit Sommer 2016 von so vielen heiß geliebte interaktive Suchspiel spielen, bei dem niedlich-skurrile Fantasiefiguren gejagt werden. Aber wie funktioniert das überhaupt im Rollstuhl? Oder bei eingeschränkter Handfunktion?

Bild img_2773 Copyright Manfred Sauer Stiftung, 2016 Pikachu: freundliche Leihgabe von Laura und Lara Radloff

An Pokémon Go kommt man einfach nicht vorbei. Spätestens wenn man eine Horde Poke-Jäger mit einem Besen aus dem eigenen Vorgarten scheuchen musste, fragt man sich doch: Was ist dran an diesem Spiel, das die quietschbunten, glupschäugigen Zeichentrickfiguren einer längst vergessenen Epoche (nämlich der 90er) wiederbelebt?

Und dann lädt man die kostenfreie App auf das eigene Smartphone…

… und steckt plötzlich mitten drin im Pokémon Fieber und kommt im schlimmsten Fall ohne professionelle Hilfe nicht mehr davon los.

Das Spiel

Nach der Registrierung erschafft man zunächst einen Avatar, der sich in der virtuellen Welt des Spiels bewegt – und das zu Fuß, denn anders als bei der Xbox gibt es bei Pokémon Go derzeit noch keine Avatare im Rollstuhl. Der Avatar ist auf der virtuellen Landkarte des Spiels stets abhängig vom realen Standort des Spielers unterwegs. Dies funktioniert über Standortortung des Spielers via Global Positioning System (GPS) und Mobilfunkortung. Die virtuelle Landkarte basiert auf den Daten von Google Maps. Um den Avatar in der Spielwelt auf etwas zugehen zu lassen, muss der Spieler in der realen Welt auf das Ziel zurollen. Ziele sind Pokéstops (wo man spielrelevante Gegenstände erhält) und Arenen (Austragungsort für Pokémon-Kämpfe), die die Grafik abbildet, wenn der Spieler in die Nähe kommt.

So spielen Rollstuhlfahrer Pokémon Go

Für Paraplegiker dürfte es kein Problem sein Pokémon Go zu spielen: Während Fußgänger das Handy in einer Hand halten und ständig auf den Bildschirm starren müssen, während sie durch die Gegend laufen, um sofort reagieren zu können, sobald ein Pokémon erscheint, ist das bei Rollstuhlfahrern nur minimal anders. Sie müssen das Telefon auf den Schoß legen und ständig auf den Bildschirm starren, während sie durch die Gegend rollen. Für beide Gruppen – und unschuldige Passanten – ist das vor allem im Straßenverkehr nicht ganz ungefährlich. Der Rest – das Beschießen der Pokémons mit Bällen und das Einsammeln der Beute – bleibt wie gehabt.

Schon schwieriger wird es für Tetraplegiker mit eingeschränkter oder nicht vorhandener Handfunktion, denn eine Sprachsteuerung des Spiels bietet der Hersteller derzeit nicht an. Diesem Problem haben sich die Hersteller des Tecla Shield von Komodo OpenLab angenommen. Mit dem Tecla Shield können Tetraplegiker Smartphones, Tablets  und alle anderen Arten von Computern steuern. Es wird direkt am Rollstuhl installiert und über Bluetooth mit dem mobilen Gerät, das man verwendet, verbunden. Bedient wird das Gerät dann wahlweise über einen Joystick, eine Kinn-, Augen-, Kopf oder Sip & Puff-Steuerung .

Das Komodo Team hat das Tecla Shield bei der Verwendung von Pokémon Go getestet und für gut empfunden. Der Haken an der Sache: Das Tecla Shield kostet ca. 350 $ (ca. 315 €). Ob dieser Preis die Sache wert ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Wer über ausreichend Mobilität in den Händen verfügt, aber nicht genug Sensibilität und Fingerkraft hat, um die Spielbewegungen auf dem Bildschirm des Smartphones auszuführen, könnte sich auch für den Sixth Digit interessieren. Dieser Stahlstift an dessen Ende sich eine weiche, austauschbare Spitze mit einem Überzug aus Mikrofasernetz befindet, vereinfacht die Bedienung von berührungssensible Oberflächen wie die Bildschirme von Smartphones oder Tabletts. Für Details siehe: Kleine Hilfsmittel bei eingeschränkter Handfunktion.

Pokémons fangen

Knifflig für sowohl Para- als auch Tetraplegiker kann es werden, wenn das Pokémon, hinter dem man her ist, sich auf unwegsamem Terrain befindet, z. B. ganz oben auf einem steilen Hügel, auf der anderen Seite eines kleine Baches, umgeben von Gebüsch oder Geröll oder mitten im Trevi-Brunnen. Es gibt ein paar Strategien, die dabei nützlich sein können:

  1. Offroad Fahrzeuge verwenden.
    Wenn man auf Pokémonjagd geht, ist man am besten auf alle Eventualitäten vorbereitet und rüstet den Rollstuhl entsprechend auf. Das kann man entweder mit Vorspannrädern machen (siehe: Das Vorspannrad – Ein fünftes Rad am Rollstuhl oder Mobil mit Speedy, SwissTrac und Co. ) oder man macht gleich den ganzen Schritt und fährt mit Outdoor-Elektrorollstühlen (siehe: Outdoor-Elektrorollstühle für den Trip ins Abenteuer) oder manuellen Outdoor-Rollstühlen ( siehe: Ab ins Gelände mit manuellen Outdoor-Rollstühlen). Mit Handbikes geht es natürlich auch (siehe: Handbikes: Varianten von Hybrid bis Extrem)!
  2. Leute um Hilfe bitten.
    Um die eigene soziale Kompetenz zu erweitern, kann man auch als Rollstuhlfahrer einfach mal über seinen Schatten springen und Leute ansprechen und um Hilfe bitten, bei einer Sache, die alles andere als notwendig ist. „Könnten Sie bitte die Schuhe ausziehen, in diesen Brunnen waten und mir den MachoMei fangen, der sich unter der Fontaine versteckt?“ hat doch wirklich das Potential zum besten Eisbrecher des Jahres zu werden, oder etwa nicht?
  3. Drone verwenden.
    Ja, die gibt es wirklich. Eine Mini-Drone, die extra angefertigt wurde, um Pokémons zu fangen, nämlich die Pokédrone des niederländischen Herstellers TRNDlabs. Damit kann man einfach dort stehenbleiben wo der Weg aufhört oder unbefahrbar wird und die Drone fliegt zum Pokémon und erledigt den Rest. Folgendes Video zeigt wie es geht; zu beziehen ist die Pokédrone für ca. 65 € direkt beim Hersteller (Stand: Sept. 2016).

Eier ausbrüten: „Es ist ein Monster!“

Und dann stellt sich noch die Frage nach dem Ausbrüten von Eiern. In den Eiern sitzen Babypokémons, die man nicht umständlich einfangen sondern einfach ausbrüten kann. Doch der Brütvorgang ist abhängig davon, wie viel man unterwegs ist: Zwei bis zehn Kilometer müssen zurückgelegt werden, bis das Monsterbaby schlüpft. Dabei misst der Inkubator nur Bewegungen unter 20 km/h, wie Gehen oder Rollstuhlfahren, d. h. Strecken, die man im Auto oder Bus zurücklegt, zählen nicht. Für Leute mit manuellen Rollstühlen, kann das ganz schön anstrengend werden. Neben dem Umsteigen in Handbikes oder Outdoor-Rollstühlen, gibt es aber noch zwei, drei Tricks, mit denen man schneller an den Pokénachwuchs rankommt. Dieses Youtube-Video zeigt wie’s geht:

Nicht im Video zu sehen ist die Methode, die Modelleisenbahn vom Sohnemann zu zweckentfremden, die aber auch zu funktionieren scheint. Diese kleinen Betrügereien sollten aber die Ausnahme bleiben, denn erstens drohen Strafen falls man erwischt wird und zweitens entgeht einem der ganze Spaß, den die Jagd im Freien macht.

Unabhängig davon ob man Rollstuhlfahrer ist oder nicht, kann es positive Aspekte haben, Pokémon Go zu spielen: Man sitzt nicht zuhause herum, sondern ist draußen unterwegs. An der frischen Luft. Und man kann viele nette Menschen treffen, die Leidenschaft für das Sammeln kleiner, bunter Mutantenwesen teilen. Gesundheit und Sozialkontakte werden einem die Pokémonjagd ganz sicher danken. Und das möglicherweise für die nächsten paar Jahre, denn wie gesagt, you: „Gotta catch’ em all“.

 

 

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