Neuentwicklung zur Behandlung traumatischer Rückenmarksverletzungen in der Akutphase

Die britische Studie Injured Spinal Cord Pressure Evaluation Procedure (ISCoPE) (dt.: Prozedur zur Druckbestimmung im verletzten Rückenmark), die derzeit Teilnehmer behandelt und 2019 enden soll, zeigt vielversprechende Ergebnisse mit der „Spinal Tap“-Methode.

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Ein neues nervenerhaltendes Verfahren könnte die Schäden, die eine Rückenmarksverletzung verursacht, in Zukunft erheblich reduzieren. Dabei werden erstmals die Entzündungen im Rückenmark behandelt, die innerhalb von Stunden oder Tagen nach Eintritt der Verletzung auftreten können.

Wenn dieses System in der Akutphase eingesetzt wird, misst und reduzierte es den Druck, der durch Schwellungen innerhalb der Wirbelsäule entstehen und erhält so wichtige Nervenfunktionen. Die behandelten Ärzte vom St George’s Krankenhaus in London geben an, bei den behandelten Patienten bahnbrechende Resultate erreicht zu haben, die jenseits des Erwarteten seien.

Gehfähigkeit nach drei Monaten

Einer der ersten Patienten, die mit dem Spinal Tap behandelt wurden, ist der Brite Steven Dowd, der sich im Juni 2016 eine massive Halsverletzung zuzog und laut eigenen Angaben einen totalen Mobilitäts- und Sensibilitätsverlust unterhalb der Läsionshöhe hat. Da er allerdings auch angibt, dass die Lungenfunktion nicht beeinträchtigt war, lässt sich schließen, dass seine Lähmung von Anfang an inkomplett war. Nichtsdestotrotz bezeichnet der behandelnde Neurochirurg Prof. Marios Papadopoulos gegenüber dem britischen Magazin Daily Mail Dowds Verletzung als „am ernsthaften Ende des Spektrums“. Dowd hätte keinerlei Sensibilität unterhalb des Halses gehabt, aber es wären noch gewisse Reflexe vorhanden gewesen. „Wir wissen nicht, wie seine Rehabilitation ohne die neue Behandlungsmethode verlaufen wäre, aber die Ergebnisse sprechen für sich”.

Im Zeitraum von zwei Monate nach dem Eingriff zur Stabilisierung der Wirbelsäule unter dem Einsatz der ISCoPE Methode gewann Dowd die Sensibilität und Mobilität in zuerst den Schultern, dann Füßen, Knien, Armen und Händen zurück. Ende September 2016, weniger als vier Monate nach seinem Unfall, läuft Dowd mit Hilfe eines Gehstocks.

Spinal Tap: Die Methode

Die Wirbelsäule besteht aus Wirbeln und Bandscheiben, die das Rückenmark umschließen, in dem die Nervenbahnen verlaufen. Bei einer traumatischen Rückenmarksverletzung werden sofort Knochen und Nerven in einem gewissen Umfang geschädigt, doch der Ausmaß der Querschnittlähmung wird von weiteren Faktoren bestimmt, z. B. von der Freisetzung von körpereigenen Chemikalien oder dem Anschwellen des Rückenmarks und der damit verbundenen mangelnden Durchblutung der Nervenzellen an der Läsionsstelle, was zu einem Verlust beteiligter Nerven führen kann.

Die gängige Methode zur operativen Versorgung bei Querschnittlähmung konzentriert sich auf die Heilung der verletzen Wirbel und die Stabilisierung der Wirbelsäule. Jedoch scheint der Erhalt von nur zehn Prozent der Nervenzellen, die durch Sekundärschäden bei Rückenmarksverletzungen zerstört werden, für einen erheblichen Unterschied beim Funktionsausfall sorgen zu können.

Hier setzt Injured Spinal Cord Pressure Evaluation Procedure (ISCoPE) an. Bei der Notfallversorgung nach Eintritt der Rückenmarksverletzung werden an der Läsionsstelle zwei dünne “Zapfhähne” eingesetzt. Einer misst die Druckverhältnisse im Rückenmark, der andere ermöglicht es kleine Mengen Gewebeflüssigkeit abzupumpen, das auf Chemikalien untersucht wird, die darauf hindeuten können, dass die Nervenzellen absterben. Wenn eine Unterversorgung der Nervenzellen droht, können Medikamente eingesetzt werden, die mehr Blut an die Läsionsstelle lenken und so Nervenschäden verhindern.

Dr Samira Saadoun, Neurowissenschaftlerin an der Universität London, entwickelte diese Methode gemeinsam mit Papadopoulos und sagt: “Traditionell verwenden Chirurgen Schrauben und Stifte, um die gebrochenen Wirbel zu stabilisieren, aber niemand weiß genau, was mit dem beschädigten Rückenmark im Wirbelkanal geschieht. Die hier ansässigen Neuronen in einem Frühstadium zu retten, könnte beispielsweise den Unterschied beim Erhalt von motorischen Funktion oder der Blasenkontrolle machen.“

Aussichten

Die an ISCoPE Studie beteiligten Wissenschaftler hoffen, dass die Methode in Großbritannien im Lauf des Jahres 2019 zugelassen werden wird. Wann und ob sie anderswo Anwendung finden wird, ist derzeit noch offen.