Querschnittlähmung und Bluthochdruck

Eigentlich würde man erwarten, dass Querschnittgelähmte weniger häufig an Bluthochdruck leiden als die Normalbevölkerung. Dies entspricht aber nicht den klinischen Beobachtungen. – Ein Beitrag von Dr. med. H. G. Koch, Schweizer Paraplegiker-Vereinigung.

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Akute Querschnittlähmung

In der Aktuphase spielt zuerst der „Spinale Schock“ (Ausfall von motorischen und sensiblen Funktionen, Ausfall der Reflexe) die hauptsächliche Rolle für einen Blutdruckabfall. Der „spinale Schock“ dauert aber nur Stunden bis Tage (siehe: Der spinale Schock).

Durch die Verletzung des Rückenmarks (z. B. im Halsbereich) wird die Kontrolle des Hirns über den Sympathikus (Teil des autonomen Nervensystems) unterbrochen. Damit entfällt der stimulierende, vom Hirn ausgehende Einfluss auf das sympathische Nervensystem und es kommt zu einem längerdauernden Blutdruckabfall durch die Erschlaffung der Arterien. Der Einfluss des Parasympathikus (= anderer Teil des autonomen Nervensystems), welcher über Hirnnerven außerhalb des Rückenmarks geleitet wird (und bei Querschnittlähmung nicht unterbrochen wird), bleibt erhalten. Dies führt zu einer Verlangsamung der Herzfrequenz und Verlangsamung der Erregungsleitung am Herzen. Tetraplegiker und hohe Paraplegiker kämpfen darum während der Rehabilitation oft mit zu tiefer Herzfrequenz und zu tiefem Blutdruck und dies auch noch lange danach.

Querschnittgelähmte mit Lähmungshöhe oberhalb Th7 leben zudem mit dem Risiko der autonomen Hyperreflexie (früher: Gutmann Reaktion), einer vorübergehenden (manchmal lebensgefährlichen) Blutdruckerhöhung. Die autonome Hyperreflexie ist eine plötzlich auftretende schubweise Blutdruckerhöhung (bis >200 mm Hg syst.) mit gleichzeitigem Herzfrequenzabfall. Ausgelöst wird eine solche Fehlreaktion des sympathischen Nervensystems durch einen Reiz unterhalb des Lähmungsniveaus (Überdehnung von Blase oder Darm, Schmerz u.v.m.). Das Hirn hat, wegen der Unterbrechung der Bahnen im Halsmark die dämpfende Kontrolle über diese reflexartige Reaktion verloren.
(Siehe auch: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?)

Chronische Querschnittlähmung

In der chronischen Phase der Querschnittlähmung sieht man bei Personen vor allem mit tieferen Lähmungshöhen, dass sich der Blutdruck normalisiert und schließlich sogar in eine Hypertonie (zu hoher Blutdruck) umschlagen kann. Bei Paraplegikern kommt es zu einem über die Jahre kontinuierlichen Blutdruckanstieg, je tiefer die Lähmung, desto häufiger. Paraplegiker sind sogar häufiger von Hypertonie betroffen als die Normalbevölkerung.

Warum dies so ist, ist nach wie vor Gegenstand der Diskussion. Man verdächtigt natürlich zuerst die allgemein bekannten Risikofaktoren für Bluthochdruck wie Nikotin, Kaffee, Alkohol, Medikamente, Drogen etc.. Dazu kommen Risikofaktoren einer Herzkreislauferkrankung, die nach einer Querschnittlähmung häufiger auftreten. Es sind dies reduzierte körperliche Aktivität, Adipositas, Hypercholesterinämie (erhöhte Blutfette) reduzierte Glucosetoleranz, chronische Entzündungen und weitere Faktoren bis hin zu Veränderungen am Gefässsystem selbst. Ab dem Eintreten der Querschnittlähmung steigt das Chance an einer kardiovaskulären Erkrankung zu erkranken deutlich stärker an als bei der Normalbevölkerung. (Chance an einer Herzkrankheit zu erkranken ist bei Querschnittgelähmten über 2 x grösser, für einen Hirnschlag über 3 x größer (Cragg, 2013). Die kardiovaskulären Todesursachen stehen heute bei querschnittgelähmten Personen bereits an erster Stelle (Garshick, 2005).

Eine aktuelle Studie, die in verschiedenen Querschnittszentren in den Niederlanden durchgeführt wurde, bestätigt die oben diskutierten Tatsachen (Jacinthe J.E., 2016). Es wurden 282 Personen mit Querschnittlähmung untersucht und bei 21,5% wurde eine Hypertonie festgestellt. Signifikanten Einfluss hatte dabei eine Lähmungshöhe unterhalb C8 (Tetraplegiker haben das Problem der Hypertonie in dieser Studie (erwartungsgemäß) nicht). Je tiefer gelähmt, desto häufiger trat eine Hypertonie auf. Ebenfalls beeinflusste die Hypercholesterinämie das Auftreten einer Hypertonie wie auch bereits längeres Bestehen der Querschnittlähmung und zunehmendes Alter der Probanden.

Knapp die Hälfte der Querschnittgelähmten mit Läsionshöhe unterhalb C8 hatten erhöhten Blutdruck oder waren bereits medikamentös behandelt. In der niederländischen Normalbevölkerung wären es aber nur 31% der Männer und 18% der Frauen. Die Forscher schließen daraus, dass eine regelmässige Blutdruckmessung bei den jährlichen Check-ups zur Erkennung einer Hypertonie notwendig ist, speziell bei Personen mit Läsionshöhe unterhalb C8 (= Paraplegiker) und einem Alter über 45 Jahren oder bei einer Lähmung, die bereits länger als 20 Jahre besteht.

Diagnostik

sh_130170527-alexanderraths-kleinEine arterielle Hypertonie sollte behandelt werden, wenn bei mindestens drei verschiedenen Arztbesuchen ein Blutdruck von über 140/90 mm Hg gemessen wurde. Bevor man eine Behandlung beginnt, müssen die Risikofaktoren abgeklärt werden und man sollte sicher sein, dass es sich nicht um eine sekundäre Hypertonie handelt, also ob sie nicht durch eine andere (behandelbare) Gesundheitsstörung hervorgerufen wird.

Sicher braucht es neben einer detaillierten Anamnese (Lifestyle, Medikamente, Familie) eine Laboruntersuchung mit Urinstatus Serumelektrolyten, Entzündungswerten Kreatininclearance (Nierenfunktion, bei Tetraplegikern häufig falsch normal wegen fehlender Muskelmasse. Besser wäre Cystatin C bestimmen), T3/T4 TSH (Schilddrüse) wie auch der Feststellung von Blutfetten und Blutzucker. Daneben empfiehlt sich eine neurourologische Untersuchung mit Blasendruckmessung, 24-Std. Blutdruckmessung, EKG (Sokolow Index?), Echokardiografie, Abdomensonografie und evtl. Augenhintergrundspiegelung um die sekundären Ursachen weiter einzukreisen. Man sucht nach einer renalen oder endokrinen Hypertonie bzw. kardialen Ursachen des Bluthochdrucks.

Nicht zu vergessen bei nächtlichen Hypertonien ist das (oft zentrale) Schlafapnoesyndrom (siehe: Schlafapnoe bei Querschnittlähmung), das bei Tetraplegikern gehäuft vorkommt. Durch den Stress der Hypoventilation (zu geringer Gasaustausch) kommt es zur Blutdruckerhöhung.

Weitere Überlegungen

Bei lageabhängiger Hypertension ist immer auch an einen vom Patienten nicht wahrgenommenen Schmerz unterhalb des Lähmungsniveaus, häufig in der Wirbelsäule (neuropathische Arthropathie, Charcot Spine) zu denken. Bei Querschnittlähmung wird oft die häufigste Gruppe der Komplikationen, nämlich diejenige des Urogenitalsystems, für die im Langzeitverlauf zunehmende Hypertonie verantwortlich gemacht. Es sind dies Nierenerkrankungen wie Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung), Nephritis (Nierenentzündung) und Niereninsuffizienz.

Bei mehr als 2/3 der Patienten ist es aber nicht möglich, eine Begleiterkrankung der Querschnittlähmung als sekundäre Ursache für die Hypertonie zu finden. Es handelt sich dann um eine sog. primäre oder essentielle Hypertonie.

 

Siehe auch: Kreislaufprobleme bei Querschnittlähmung

Fragen & Kommentare

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  1. Heike Menzel 12.12.2016, 23:25 Uhr

    Habe seit einer Darm-OP vor 3 Wochen, bei der mir die re. Darmhälfte entfernt wurde, fast ununterbrochen autonome Sysreflexie. Dabei wechseln sich kalte Schweißausbrüche ab mit Spasmus in Bauch und Beinen. Bei letzterem steigt die Körpertemperatur bis auf 38 Grad an.
    Von außen sieht die Wunde/Narbe gut aus, lediglich 2 Fäden haben sich noch nicht aufgelöst. Von innen hat leider noch niemand nachgesehen (kein CT oder MRT). Meine Rekonvaleszenz wird dadurch stark negativ beeinflusst, Novalgin Tropfen helfen kaum.
    Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht uns einen Tipp für mich?
    Vielen Dank und viele Grüße von heikemarie.