Liebe Frau Gehlhaar,

schön, dass es nicht nur mir so geht – mit dem Scheiß und dem Wunderlichen und dem Komischen zum Thema Behinderung. Man hat was zu erzählen. Das haben Sie ziemlich unterhaltsam gemacht, und ich komme aus dem Nicken gar nicht mehr raus.

Als ich Ihr Buch in meiner Lieblingsbuchhandlung bestelle, komme ich mir schon ein bisschen vor wie jemand, der in genau die Schublade greift, die für ihn vorgesehen ist. „Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin“ für eine Kundin mit Gehbehinderung. Trotzdem hoffe ich, dass Ihr Erstling neben Anhängern mit Behinderung auch nichtbehinderte Leser haben wird, die sonst selten oder nie mit dem Thema in Berührung kommen. Da kann es natürlich auch nicht schaden, dass Ihr Buch – wie zu vernehmen ist – das Interesse weiterer Medien weckt.

Da ich persönlich mich darin so wiederfinde, fühle ich mich nach außen hin gut vertreten. Auch wenn Sie stets betonen, dass Sie nicht für behinderte Menschen allgemein, sondern nur für sich sprechen können. „Die Behinderten“ gibt es natürlich nicht, genauso wenig wie „die Nichtbehinderten“. Offenbar gibt es aber auf beiden Seiten wiederkehrende Muster.

Obwohl ich selbst selten Rollstuhlfahrerin bin, begegnen mir Sätze aus Ihrem „Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo“ oft in ähnlicher Form: „Ich bin auch mal vier Wochen an Krücken gelaufen, ich weiß, wie das ist!“, „Unfall?“ Im Winter grassiert überdies, häufig im Befehlston: „Langsam!!“ oder „Fallen Sie nicht!“ Dooch, ich leg mich gleich so richtig hin, dann zumindest wäre auch die nächste Frage im wahrsten Sinne hinfällig: „Warum arbeitest du überhaupt?“ Schön auch: „Sie sind meine gute Tat für heute“ (räumt ungefragt meine Sachen aus meinem Einkaufswagen auf das Kassenband).

Bullshit

Sie sagen, Sie stellen mit dem Rollstuhlfahrer-Bullshit-Bingo lediglich eine Sammlung von Sprüchen auf, keine Wertung. Allerdings dürfte allein die Bezeichnung „Bullshit“ als wenig schmeichelhaft rüber kommen. Und natürlich befreit es, über diese Erfahrungen zu lästern und zu wissen, es ist ein Schema. Es meint nicht mich persönlich, denn ich bin viel mehr oder überhaupt ganz anders. Aber – und das machen Sie ja auch deutlich: Es hat viel damit zu tun, dass Behinderung im Leben vieler Menschen nicht vorkommt. Da wo es wenig Assoziationen gibt, bleiben diese gut gemeint, aber klischeehaft. Eher eine Verlegenheitsgeste, die man unter diesem Aspekt verstehen kann. Auch die Medien berichten oft einseitig, was ja bereits ins Visier der Sozialhelden geraten ist (s. Leidmedien.de). Keine Frage, dass es wichtig ist, das Klischee zu brechen. Sie nehmen dafür im Alltag immer wieder in Kauf, damit anzuecken, wirken aber im besten Fall auch nach.

Mentale Einbahnstraßen

Auf den ersten Seiten ihres Buches landen Sie geradewegs in der Berufsberatung und Ihre Wünsche und Ideen wären wohl im Keim erstickt worden, wenn Sie nicht mit aller Kraft daran festgehalten hätten. Dabei bräuchte man ja gerade mit Behinderung dort jemanden, der sich auskennt, individuelle Interessen berücksichtigt und Lösungen findet. Wenn ich mich richtig erinnere, kam auch Raúl Krauthausen mit dem Flyer eines Berufsbildungswerks aus seiner ersten Berufsberatung, genau wie ich. Wo anderen viele Möglichkeiten eröffnet werden, müssen Schulabgänger mit Behinderung offenbar nicht selten sehr entschlossen dagegenhalten, wenn sie nicht in Sondersysteme geleitet werden wollen. Einfach nur, weil vor allem ihre Behinderung wahrgenommen wird. Das Berufsbildungswerk kann ein Weg sein. Muss es aber natürlich nicht.

Je mehr Leute mit Handicap – ich weiß, Sie mögen das Wort nicht, aber ich mag es – ihren eigenen Weg gehen, umso häufiger wird es Menschen mit Körperbehinderung auch in “untypischen“ Berufen geben. Sie werden nicht zwangsläufig Bürokauffrau und ITler, sondern Lehrer, Psychologen, Redakteure, Unternehmer und vieles mehr. Dachdecker werden sie vielleicht nicht, aber das wollten sie wohl eh nicht werden.

Auch später noch habe ich mehrfach erlebt, dass es schon an der Anmeldung der Agentur für Arbeit hieß: Was machen wir denn jetzt mit Ihnen? Das Beraterteam für Akademiker kenne sich mit Behinderung nicht aus. Und das Reha-Team nicht mit Akademikern. So war es dann auch. Akademiker mit Behinderung gibt es schließlich gar nicht.

Ins Gefecht

„Gell, da kommen Sie auch mal raus“, lächelt mich eine freundliche Dame mitleidig ist und ich denke mir meinen Teil.

Ich muss gestehen, laut protestiere ich längst nicht immer. Vielleicht aus Bequemlichkeit, vielleicht auch aus Arroganz. Oder weil der Versuch, so etwas auf nette Art in ein anderes Licht zu rücken Geduld braucht und möglicherweise dennoch falsch verstanden wird.

So wie bei Ihrem Date Hannes, der einfach nur irritiert war und verwirrt und wahrscheinlich auch gekränkt. Der nicht verstehen konnte, was Sie an dem Satz „Irgendwie sind wir ja alle behindert“ so gestört hat und an dem Vergleich mit seiner übergewichtigen Ex. Vielleicht braucht es manchmal mehr, um die Denkrichtung ein stückweit zu ändern. Zum Beispiel Ihr Buch.

Eine Geschichte, die ausholt und erzählt, dass es ein Schwarz-Weiß nicht gibt. Die einen zum Lachen bringt und fast auch zum Weinen, die das Berufsbildungswerk durch ein Studium in den Niederlanden, Behindertenwohnheim durch Wohnung, schwungvolle Schritte durch schwungvollen Manfred (den Rollstuhl), Freund im Rollstuhl durch Pappnasen und Zimtliebhaber und Herzschmerz gar nicht ersetzt. Dem Buch zufolge hat Ihre Story sogar ein Happy End. Wobei – das muss ich sagen – der Satz „Es ist der größte Scheiß!“ in all dem derzeit in der Szene angesagten „Glücklich mit Behinderung“ auch mal ganz gut tut.

Denn das Buch ist ja nicht nur eine Kampfansage an Klischees, sondern auch ein Energiekick für Leser mit Behinderung. Insbesondere natürlich für Frauen, denen sich eine Identifikationsfigur quasi in den Weg wirft und schreit: „Dachtest wohl, du bist allein auf weiter Flur, was?“ Denn weibliche Vorbilder wie Sie, die ihren eigenen Weg finden und vormachen, dass man dabei alles empfinden darf, gibt`s noch viel zu selten. Opfer und Helden in Reinform braucht schließlich keiner.

Lieblingszitate:

Neulich in der U-Bahn meinte ein Mann seinem Kumpel erklären zu müssen, dass mein Rollstuhl, in dem ich ja nun zufällig und ganz nebenbei saß, mit Spinergy-Reifen ausgestattet sei.Und während dieser Mann seinem Kumpel die Vorzüge dieser Reifen erklärte, trat er kräftig gegen mein rechtes Rad, einfach so, um noch einmal deutlich zu machen, dass er genau diese Reifen, meine Reifen, meinte! (…) „Ähm, hallo!? Soll ich meiner Freundin jetzt auch mal erzählen, dass Ihre Hose aus billigem Kord ist und dann mal volle Kanne gegen Ihr Bein treten?!“

Hier sitzt jemand vor mir (Raúl Krauthausen, Anm. d. Red.), der aus eigener Lebenserfahrung weiß, das der Anspruch an einen Partner niemals wegen einer Behinderung herutergeschraubt werden sollte.

Jeden Tag drohe ich mehr zu vergammeln, denn – mal ganz ehrlich und Hand aufs Herz – wer verschwendet denn eine ganze wertvolle Stunde damit, sich morgens zu duschen und schick anzuziehen, wenn man die Bude sowieso nicht verlässt!? Also ich nicht!

Frau Gehlhaar via Handy zu dem Mann ihres Herzens: „Der Duschhocker ist zusammengebrochen. Ich bin nass und nackt und komm‘ nicht mehr hoch.“ „Hört sich geil an. Bin in fünf Minuten da.“

Vielen Dank für Ihre Offenheit auf dem Papier und Ihre Eigenwilligkeit im Alltag. Es wäre schön, wenn man bei Laura Gehlhaar: Kann man da noch was machen? – Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin (Heyne, 9,90 Euro) von einem Debüt sprechen könnte, dem weiterer Stoff folgt.

Bis dahin verweise ich auf Ihren Blog Frau Gehlhaar | Über das Großstadtleben und das Rollstuhlfahren

Herzliche Grüße,

Nikola Hahn