Kinästhetische Betrachtungsaspekte in der Pflege

Bei der Kinästhetik handelt es sich um ein Konzept zur Bewegung und Bewegungswahrnehmung durch erhöhte Achtsamkeit. Das Ziel: Kräfte sparen und Ressourcen mobilisieren, indem man kluge (Um-)wege wählt.

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Die Wortschöpfung kinaesthetics setzt sich aus den altgriechischen Wörter κινέω (kineō = ‚bewegen‘, ‚sich bewegen‘) und αἴσθησις (aisthēsis = ‚Wahrnehmung‘, ‚Erfahrung‘) zusammen (www.pflegewiki.de, 2016).

Anstatt en bloc unter hohem Einsatz von Körperkraft des Helfers vom Liegen zum Sitzen zu kommen, könne ein Patient beispielsweise über die Seitenlage zum Sitzen gebracht werden oder auch auf dem Umweg über die Bauchlage aufstehen, greift pflegewiki.de Beispiele für die Methode aus der neueren deutschsprachigen Fachliteratur auf. „Die Ökonomie der Bewegung, das Ausnutzen von Ressourcen des Patienten, also dessen Aktivierung, der kommunikative Aspekt und das Vermeiden übermäßiger Belastung der Pflegenden werden hierbei betont“ (www.pflegewiki.de, 2013).

Das Konzept gehört in Einrichtungen für Menschen mit Querschnittlähmung heute zum Standard.

Es geht zurück auf die US-Amerikaner Frank White Hatch und Linda Sue („Lenny“) Maietta. Sie nutzten seit Anfang der 70er-Jahre Erkenntnisse der Medizin, Psychophysik, Verhaltenskybernetik und Neurowissenschaften, um eine Systematik des Bewegungslernens zu entwickeln. Zentral ist dabei die Wahrnehmung der eigenen Bewegungen und Bewegungsressourcen.

Zunächst etablierte sich das Konzept in der Krankenpflege von Krankenhäusern und Einrichtungen, bevor auch Angebote für pflegende Angehörige entstanden. Lenny Maietta und Frank Hatch arbeiten heute weiter an der Fortentwicklung der Kinästhetik-Programme und betreuen u.a. den Berner Studienlehrgang für „Bewegungsbasierte Altersarbeit“. Da es inzwischen verschiedene Anbieter von Kinästhetik/Kinaesthetics-Programmen und -Kursen gibt, ließen Maietta und Hatch ihre Entwicklung 2006 als Marke „Maietta-Hatch (MH) Kinaesthetics – The Original“ schützen.

Auch die Diplom-Pädagogin, Krankenschwester und Kinaesthetics-Trainerin Maren Assmusen arbeitet mit „Kinaesthetics Deutschland“ an der Weiterentwicklung der Angebote.

Prävention

These: Die Art und Weise wie Menschen ihre Alltagsbewegungen ausführen, hat längerfristig Auswirkungen auf ihre Gesundheitsentwicklung.

Ziel der Kinästhetik ist nicht nur, die Gesundheit von Pflegekräften bzw. pflegenden Angehörigen durch schonende Bewegungen aufrechtzuerhalten, sondern auch die des Klienten – dadurch, dass er in Bewegung kommt und eigene Bewegungsabläufe wahrnimmt. Der Austausch bzw. die Interaktion zwischen beiden spielt eine wichtige Rolle.

Das „Kinästhetik-Konzeptsystem“

Die sechs Themenbereiche beschreiben Grundlagen physiologischer Bewegung, aus denen sich Betrachtungsaspekte ableiten und auf ganz individuelle Situationen übertragen lassen:

  • Interaktion: Wie ist die Qualität des Austausches zwischen Klient und Pflegeperson? Welche interaktiven Elemente sind förderlich bzw. hinderlich für das Ziel?
  • Funktionale Anatomie: Welche anatomischen Grundlagen sind zu beachten?
  • Menschliche Bewegung: Wie sehen Bewegungsrichtung und Bewegungsmuster aus?
  • Anstrengung: Wie kann effektives Ziehen und Drücken Anstrengung mildern und zugleich Eigenaktivität fördern?
  • Menschliche Funktion: Welche Positionen sind möglich und förderlich?
  • Umgebung: Wie sollte die Umgebung gestaltet sein, damit eine Bewegung gelingen kann? Was behindert die möglichst eigenständige Bewegung?

Die sechs Bereiche gliedern sich in weitere Unterpunkte auf:

  • Interaktion Sinne – Bewegungselemente – Interaktionsformen
  • Funktionale Anatomie Knochen und Muskeln – Maßen und Zwischenräume – Orientierung im Körper
  • Menschliche Bewegung Haltungs- und Transportbewegung – Parallele und spiralartige Bewegungsmuster
  • Anstrengung Dynamischer Aufbau von Ziehen und Drücken im jeweiligen Körper
  • Menschliche Funktion Positionen und Grundpositionen (einfache Funktion) – Fortbewegung und Bewegung am Ort (komplexe Funktion)
  • Umgebung Gestaltung der Umgebung

Nach diesem Denkmodell geht es in der Kinästhetik zunächst darum festzustellen, was ein Klient von sich aus mitbringt, um eine Aktivität möglichst eigenständig auszuführen und welche Hilfen sinnvoll sind. Mit Bezug zum Aspekt „Umwelt“ kann er dabei z.B. durch Kissen, Anti-Rutschmatten, Glideboards und Ähnliches unterstützt werden.

Ein Beispiel

In dem Fachblatt „Die Schwester Der Pfleger“ (42.Jahrgang 3/03) beschreibt Maren Asmussen, wie eine ältere Dame mithilfe einer TV-Zeitschrift in einer Sichthülle, die unter ihren Brustkorb gelegt wird, weitgehend selbstständig im Bett nach oben rutschen kann. Neben einer genauen Analyse ihrer für die Bewegung notwendigen Ressourcen und Grenzen erhielt sie  Unterstützungsangebote durch weitere Hilfsmittel wie eine Anti-Rutschmatte für die Füße. Berücksichtigt wurden auch individuelle Schmerzen.

Anstatt die Dame also mit vereinten Kräften im Bett nach oben zu hieven, konnte mit dem dafür nötigen Zeitaufwand und unter Berücksichtigung der sechs Betrachtungsaspekte des Kinästhetik-Konzeptsystems die Eigenaktivität der Klientin unterstützt und die Kraft Dritter geschont werden.

Die Autorin weist darauf hin, dass in der beschriebenen Situation nur augenscheinlich die Hilfsmittel entscheidend für den Erfolg gewesen seien. Ebenso wichtig sei jedoch die Aktivität von Klientin und Pflegenden und die Berücksichtigung des Aspektes Interaktion: den inneren Bewegungselementen Zeit, Raum und Anstrengung passend zu begegnen. „Damit sollte auch deutlich werden, dass Kinästhetik keine starre Technik ist, sondern Pflegenden ein Verständnis und eine Fähigkeit vermitteln will, wie sie pflegebedürftige Menschen individuell unterstützen können, so dass die Gesundheit der Klienten und der Pflegenden gleichzeitig erhalten beziehungsweise gefördert wird“ (Asmussen-Claussen, 2003).

Beurteilung

Im Entwurf des Expertenstandards zum Thema Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege vom März 2014 heißt es: „Kinästhetik ist ein Bewegungskonzept, das in der Langzeitpflege in Deutschland zur Bewegungsunterstützung von Patienten zunehmend Verwendung findet. […] Im Rahmen der Literaturanalyse konnten allerdings keine systematischen Übersichtsarbeiten oder Primärstudien identifiziert werden, die den zuvor definierten Einschlusskriterien entsprachen. […] Eine Beurteilung der Wirksamkeit von Kinästhetik bei der Mobilitätsförderung oder dem Mobilitätserhalt in der ambulanten und stationären Langzeitpflege kann daher gegenwärtig nicht getroffen werden“ (Expertenstandard Erhaltung und Förderung der Mobilität in der Pflege, 2014).

Für pflegende Angehörige gibt es dennoch Grund- und Aufbaukurse zum Thema Kinästhetik, die von den Pflegekassen im Rahmen der Bestimmungen des § 45 SGB XI (Zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen) übernommen werden können (www.pflegewiki.de, 2013). Bei konkretem Bedarf kann man sich dazu bei den Pflegekassen beraten lassen.

Weitere Informationen

www.kinaesthetics.de

www.kinaesthetics.com

Deutsche Gesellschaft für Kinästhetik und Kommunikation e.V.

 

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