Besteck für Tetraplegiker: Die individuelle Lösung

Der Brite Richard Cartwright ist seit 2006 Tetraplegiker und war von den Hilfsmitteln, die es für Menschen mit eingeschränkter Handfunktion speziell beim Essen gibt, nicht richtig überzeugt. Deshalb schuf er sein eigenes geniales Hilfsmittel.

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Die Hilfsmittel, die bei eingeschränkter Handfunktion zur Verfügung stehen, sind möglichst genau an die Bedürfnisse von Tetraplegikern angepasst. Es gibt z. B. Besteck, das mit einem speziellen Griff mit weicher Beschichtung ausgestattet ist und so ein rutschfreies und sicheres Zugreifen ermöglicht, es gibt ultraleichtes Besteck für Menschen mit geringer Armkraft und Bestecke mit flexiblem Griff, dessen Verlängerung um das Handgelenk gebogen werden kann (siehe: Hilfsmittel Essen und Trinken). So gut diese Produkte aber auch sein mögen, lässt es sich doch nicht übersehen, dass sie nicht an die individuellen Bedürfnisse jedes Betroffenen angepasst sind. Dies liegt in der Natur der Dinge, denn jede Querschnittlähmung ist anders.

Die Gabel hat 3 Ringe: Einen an der oberen Seite für den Daumen, zwei an der unteren Seite für Ziege- und kleinen Finger.

Die Gabel hat 3 Ringe: Einen an der oberen Seite für den Daumen, zwei an der unteren Seite für Ziege- und kleinen Finger.

Für Cartwright jedenfalls kam keines der auf dem Markt vorhandenen Hilfsmittel infrage – etwas fehle immer, etwa eine angenehme Anpassung an seine Handform oder der Winkel aus dem er Druck ausüben konnte – und so schuf er sich seine eigene Lösung, ein Tetrabesteck bestehend aus Messer, Gabel und Löffel, dass er immer mit sich führt. Auch auf Reisen und eben auch auf einem Kurzurlaub in Deutschland im Hotel der Manfred-Sauer-Stiftung im November 2016, wo es dem Stiftungsgründer Manfred Sauer ins Auge stach. Natürlich nicht wortwörtlich, sondern im übertragenen Sinne. Sauer sagt: „Was mich besonders an Richard beeindruckt, ist sein Wille zur Leistung. Er hat ein Problem – er findet eine Lösung. Das Besteck ist dafür nur ein Beispiel, aber ein sehr gutes!“

So funktioniert das „Tetrabesteck“

An Gabel, Messer und Löffel sind an unterschiedlichen Stellen je drei Ringe angelötet, in die die Finger gesteckt werden. Das Besteckt liegt auf diese Weise sicher in der Hand, ohne dass man es wirklich festhalten müsste. Ein Abrutschen wird durch die Fixierung an den Fingern verhindert. Mit Löffel und Gabel kann man Speisen aufspießen bzw. aufnehmen und sicher zum Mund führen. Alleine dadurch wird das Essen vor allem in Gesellschaft schon vereinfacht, da Betroffene keine Angst haben müssen, das Besteck beim Benutzen fallen zu lassen. Richtig wertvoll wird Cartwrights Prototyp aber vornehmlich im Hinblick auf das Messer. Da Tetraplegiker, die wie Cartwright eine Lähmungshöhe von C5/6 haben, keine Trizepsfunktion haben, können sie beim Schneiden keinen Druck auf den Messergriff bzw. -rücken ausüben. Im Fall des Tetramessers liegt die Hand so auf dem Messergriff, dass sie eine Linie zum Ellbogen bildet und so das Gewicht des Arms beim Schneiden eingesetzt werden kann. Die Schneidebewegung lässt sich problemlos ausführen und auch feste Speisen können geschnitten werden. „Mit meinem Besteck ist nicht mal ein Steak ein Problem“, sagt Cartwright lächelnd.

Die Idee

Der Löffel hat ebenfalls drei Ringe, die allerdings anders angeordnet sind als bei der Gabel. Die beiden Ringe an der unteren Seite stehen dichter beieinander und sind nur für den Zeigefinger.

Der Löffel hat ebenfalls drei Ringe, die allerdings anders angeordnet sind als bei der Gabel. Die beiden Ringe an der unteren Seite stehen dichter beieinander und sind nur für den Zeigefinger.

Bei seiner Rehabilitation in der Klinik habe es ähnliche Lösungen gegeben, sagt Cartwright, allerdings hätten diese aus mit Plastikringen versehenen Plastikbestecken bestanden. „Diese Plastikvarianten sind zwar leichter zusammenzubasteln, aber sie halten nicht lange, man kann nicht alles damit schneiden und spülmaschinenfest sind sie auch nicht. Mein Besteck aus rostfreiem Edelstahl mit den Metallringen kann man problemlos in die Spülmaschine geben und sie halten ewig. Genau wie alle anderen normalen Messer, Gabeln und Löffel eben auch.“ Andere Bestecke oder Greifhilfen für Menschen mit eingeschränkter Handfunktion und/oder –kraft habe Cartwright ebenfalls ausprobiert, doch keine kamen in ihrer Funktionalität an „sein“ Besteck heran.

Und dann ist da noch die Optik: Cartwrights besteck ist aus Edelstahl, die Ringe sind versilbert und sehen in seiner Hand einfach sehr stilvoll und elegant aus. Wenn man ihn essen sieht, sieht er nicht aus als würde er ein Hilfsmittel benutzen, sondern edle, glänzende Designerstücke. Was seine Messer, Löffel und Gabeln ja auch sind.

Die Umsetzung

Zur Umsetzung kam es  Ende 2006 dank Cartwrights Vater und dessen Arbeitskollegen, eigentlich ein Schiffsmechaniker, der sich bereiterklärte in Ringe geschnittene Metallröhren an handelsübliches Edelstahlbesteck zu schweißen. Es waren ein paar Anläufe und Anpassungen notwendig, doch schließlich schaffte es das Trio Messer, Gabel und Löffel herzustellen, die genau Cartwrights Anforderungen gerecht wurde.

Beim Messer, das für Rechtshänder gemacht ist, ist der Ring für den Daumen an der rechten Seite. Zwei Ringe für Zeige- und Mittelfinger befinden sich links, wobei der zweite Ring nicht an den Messergriff selbst sondern an den ersten Ring geschweißt ist.

Beim Messer, das für Rechtshänder gemacht ist, ist der Ring für den Daumen an der rechten Seite. Zwei Ringe für Zeige- und Mittelfinger befinden sich links, wobei der zweite Ring nicht an den Messergriff selbst sondern an den ersten Ring geschweißt ist.

Die Frage nach eine kommerziellen Vermarktung des Tetrabestecks, stellte sich Cartwright nicht. „Das Besteck in Serie herzustellen, wird sich wahrscheinlich nicht rentieren“, sagt Cartwright. „Zum einen ist die Zielgruppe doch recht klein, zum anderen ist mein Besteck eine Maßanfertigung. Die Handgröße, Fingerlänge und der Abstand der Ringe muss genau bestimmt werden, damit es angenehm in der Hand liegt und eben auch seinem Zweck dienen kann.“

Auf die Frage, ob er noch andere brillante Ideen habe, antwortet Cartwright bescheiden: „Andere Messer, die zum Kochen verwendet werden, könnten wahrscheinlich auf eine ähnliche Art und Weise für Tetraplegiker nutzbar gemacht werden. Dann kann man sich in der Küche nützlich machen. Aber ob das so brillant ist? Ich weiß nicht. In jedem Fall würde ich mich sehr freuen, wenn dieses Idee einen Unterschied für Menschen machen könnte, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich und es nachbauen lassen möchten.“

 

Über Richard Cartwright

Im Herbst 2006 verletzte sich der damals 21 Jahre alte Cartwright beim Kopfsprung in einen Springbrunnen. Er erzählt: „Es hätte ein Spaß sein sollen. Es war spät am Abend und ein Kumpel und ich sprangen beide in den Brunnen. Er mit den Füßen voran… und ich mit dem Kopf. Ich erinnere mich wie ich mit dem Gesicht nach unten im Wasser lag und dachte ‘Okay, jetzt muss ich aufstehen.’ aber meine Beine gehorchten nicht. Ich versuchte mich mit den Armen hochzudrücken, aber auch das funktionierte nicht. Ich hatte gerade begriffen, dass ich mich nicht einmal umdrehen konnte, als ein Mann vom Sicherheitspersonal der Uni mich aus dem Wasser zog.“

Unterhalb der Brust hatte Cartwright keinerlei Gefühl mehr und als man ihm im Krankenhaus die Röntgenaufnahmen seiner Wirbelsäule zeigt, erklärte ihm der Arzt genau, wo sein Hals gebrochen war und der Knochen auf die Rückenmark drückte. „Ich fragte ihn, ob ich wieder gehen würde können und er sagte mir, er bezweifele es. So richtig begreifen konnte ich die Situation aber nicht wirklich, denn eines der ersten Dinge, die ich tat, war bei der Arbeit anzurufen und zu sagen ‚Keine Sorge, alles wird gut, aber ich habe mir den Hals gebrochen und bin gelähmt.‘ Mein Chef rief meine Eltern an und sagte: ‚Konzentriert euch darauf ihn durch die Reha zu kriegen, danach kümmern wir uns darum ihn zurück zur Arbeit zu bekommen. ‘“

Cartwright kämpfte schwer darum optimistisch zu bleiben und zu akzeptieren, dass er den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen würde. „Ich konnte nicht richtig für mich selbst sorgen“, berichtet er, „und ich werde immer jemanden brauchen, der mir beim Waschen und Anziehen hilft. Es gab ein paar wirklich dunkle Tage, aber ich hatte ein Ziel auf das ich hinarbeitete. Dass mein Job auf mich wartete, gab der ganzen Anstrengung einen Sinn.“

img_9422_richardNach sechswöchiger Rehabilitation konnte Cartwright 25 Minuten aufrecht in einem Rollstuhl sitzen und nach neun Monaten war er damit mobil unterwegs. Er zog bei seinen Eltern ein und genau ein Jahr nach meinem Unfall begann er zu arbeiten. In seiner Freizeit spielt er Rollstuhl-Rugby in einem von ihm gegründeten Club.

Den Gedanken an eine Partnerschaft legte der junge Mann zunächst auf Eis, da er an einen Punkt kommen wollte, an dem seine Querschnittlähmung, wie er sagt, das am wenigsten Interessante an ihm wäre. Irgendwann war es soweit. „Ich traf Laura 2014 und inzwischen sind wir verheiratet. Ihr einen Antrag zu machen war nicht einfach. Ich hatte die romantische Vorstellung im Urlaub um ihre Hand anzuhalten, aber ich brauchte Hilfe mit dem Ring. Letztendlich hab ich sie dann beim Pizzaessen zuhause gefragt…“

„Ich finde, ich habe großes Glück gehabt“, sagt Cartwright, „und ich bin ein glücklicher Mensch. Ich liebe meinen Job, ich bin sportlich aktiv und ich habe diese wundervolle Frau in meinem Leben. Manchmal frage ich mich schon, wie alles gekommen wäre, wenn ich nicht den Kopfsprung in diesen Brunnen gemacht hätte. Wenn ich morgen aufwachen könnte und meine Querschnittlähmung wäre verschwunden, fände ich das natürlich großartig. Aber den Unfall rückgängig machen würde ich nicht wollen. Ich habe so vieles erreicht. Und zwar nicht alleine trotz des Unfalls; in einigen Fällen war es deswegen.”

 

 

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