Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt

Walter Beutler betrachtet Indien aus einer ungewöhnlichen Perspektive, nämlich aus einer sitzenden. Seit früher Kindheit ist Beutler Rollstuhlfahrer, und neben seiner freiberuflichen Tätigkeit als Kolumnist und Redakteur ist er Weltenbummler mit Leib und Seele. 


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Der geheimnisvoll anmutende Subkontinent Indien ist mit mehr als 1,2 Milliarden Einwohnern der zweitbevölkerungsreichste Staat der Welt und gilt als Heimat von Call-Centern, Pyjamas, des Kamasutras und einer Gewürzpalette, die auch hierzulande für viele nicht mehr wegzudenken ist.

Aus den Medien kennen wir Indien aber auch als Land großer Armut, sozialer Ungerechtigkeit und Gewalt. Unvorstellbares Elend gehen einher mit wirtschaftlichem Fortschritt, Tempelfesten, Kultur und bunter Lebensfreude. Wer sich ein differenziertes Bild machen und all seine Fragen beantwortet haben möchte, reist am besten selbst in den Süden Asiens und erfährt dies Land mit all seinen Gegensätzen aus erster Hand. So dachte sich das auch Walter Beutler, der der Flut an Fragen, die er zum Thema Indien hatte, noch eine weitere hinzufügen musste: „Wie schaff ich das im Rollstuhl?“

Seine Eindrücke hält er in dem Buch „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt“ fest, das der Schweizer Johannes Petri Verlag mit folgendem Klappentext bewirbt:

„Im Winter 2015 bereiste der Autor mit dem Rollstuhl während dreier Monate Indien. Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Blogeinträge zu dieser Reise bilden das Rohmaterial für das vorliegende Buch. Daraus wurde ein geschickt komponiertes und sprachlich sorgfältiges Mosaik aus Journaleinträgen, Reflexionen und Betrachtungen zur indischen Lebenswelt.

Die Texte behandeln Gesellschaft und Religion ebenso wie die Freuden und Tücken, die ein Rollstuhlfahrer in diesem Land erfährt. Vor uns entsteht ein vielfarbiges Bild einer ungewöhnlichen Indienreise, ergänzt mit Fotos, Routenplänen und, wo nötig, knapp gehaltenen Sachinformationen. Das Buch ist kein herkömmlicher Reiseführer. Es möchte den Leser ob mit oder ohne Beeinträchtigung dazu ermutigen, doch das Unkonventionelle, ja das scheinbar Unmögliche zu wagen.“

Aus dem Inhalt

Beutlers Reise nach Indien unterteilt sich in verschiedene Etappen, von denen die erste ein dreiwöchiger Aufenthalt in der Aussteiger-Stadt Auroville an der Ostküste Indiens darstellt.

Von diesem Ankerpunkt aus plant er seine Touren und beschreibt welche Verkehrsmittel in Indien für Rollstuhlfahrer am ehesten geeignet sind und welche nicht. Mit der Bahn zu fahren beschreibt er z. B. als „schwierig bis unmöglich“, Fliegen als „kostengünstig aber kompliziert“ und Taxifahren als „das Mittel erster Wahl“. Zudem nennt er das Reisen mit (vor Ort rekrutierter) persönlicher Begleitung die Chance, mit der in Indien „Unmögliches möglich wird“.

Beutler liefert dem Leser persönliche Eindrücke und sachliche Informationen, die er der besseren Lesbarkeit wegen farblich abgrenzt. Seine Journaleinträge bilden den Rahmen, in den sich seine Betrachtungen und Reflektionen – abgesetzt durch grüne Überschriften – einfügen. Unabhängig davon lassen sich die sachbezogenen Erklärungen lesen, die grau unterlegt und mit einer blauen Überschrift versehen sind.

Wie liest es sich

In „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt“ richtet sich trotz des Titels nicht ein Rollstuhlfahrer an andere Rollstuhlfahrer sondern es richtet sich ein Europäer an andere Europäer. Beutler beschreibt, wie er mit der indischen Kultur, der Infrastruktur und der allgegenwärtigen Armut klarkommt, an welche Grenzen er stößt, wo Welten aufeinander prallen und wie solche Situationen gemeistert werden können – auch aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers aber bei weitem nicht nur.

Bei der Lektüre wird schnell klar, dass Beutler sein Handwerk gelernt hat. Hier schreibt nicht mehr schlecht als recht ein Abenteurer, der sich dachte, seine Reisen könnten die Welt interessieren. Hier schreibt ein professioneller Autor, Lektor und Übersetzer – und sein Thema ist in diesem Fall seine Indienreise. Seine Eindrücke, Erlebnisbeschreibungen und Anekdoten sind für Fußgänger und Rollstuhlfahrer gleichermaßen informativ und unterhaltsam. Über manche Begebenheiten schmunzelt man mit dem Autor, über manch andere schüttelt man mit ihm den Kopf. Dabei schafft es Beutler weitgehend sich auf knapp 200 Seiten auf das wichtigste zu begrenzen und nicht mit unnötigen Ausschweifungen zu ermüden.

Je nach dem was man erwartet, könnte sich für manchen Leser die Lektüre von „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt“ bis Kapitel „Thanjavur, 9. Februar“ ein bisschen hinziehen, denn die eigentliche Reise mit all ihren bunten Eindrücken beginnt erst hier. Vorher hält der Autor sich in der autonomen Stadt Auroville auf, dem „Indien light“, wie er es nennt. Dass er sich dort weitgehend langweilt, ist nicht zu überlesen und wer einen spannenden Reisebericht erwartet, wird an dieser Stelle etwas enttäuscht sein. Aber danach nehmen Beutler und seine Geschichte Fahrt auf. Und Leser bekommen große Lust, wenn schon nicht seinen Fußstapfen, so doch seinen Fahrtrillen zu folgen.

Guido Zäch, Ehrenpräsident der Schweizer Paraplegiker-Stiftung, sagt zu „Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt“: „Der Mensch findet im Kopf und im Herzen statt, nicht in den Armen und Beinen… Im Rollstuhl hat er (Walter Beutler) ab 2009 dank mutigem Herzen und klarem Geist Reisen bis ans ‚Ende der Welt‘ gewagt und seine Erlebnisse aufgeschrieben. Für viele Rollstuhlfahrer, aber auch für Fußgänger, ist er damit ein leuchtendes Beispiel.“

Das Buch Bild cover pc_5111 Copyright Verlag Johannes Petri, 2016 Mit freundlicher Genehmigung von Cecilia Bächlin

Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt

  • Autor: Walter Beutler
  • Seiten: 192
  • Mit 20 Abbildungen in Farbe
  • ISBN: 978 3037841051
  • Preis: ca. 25 € (Stand Sept. 2020)

Über den Autor

Walter Beutler, 1956 in Basel geboren, ist gelernter Übersetzer, Rollstuhlfahrer und Weltenreisender und publiziert regelmäßig Kolumnen und redaktionelle Beiträge in verschiedenen Medien.

Zusätzlich zu seiner Tätigkeit als freier Autor führt Beutler seinen eigenen Blog, Walter BS Textereien, auf dem er seinen Gedanken und seinem Talent auf kreative Weise nachgeht.