Gelesen: Nujeen – Flucht in die Freiheit

Im September 2015 erreichen Nujeen und ihre Schwester Nasrine Deutschland. Neun Länder haben die beiden auf ihrer Fluchtroute von Syrien aus passiert und sich dabei nie davon abhalten lassen, dass Nujeen im Rollstuhl sitzt. 

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Aleppo 2011: Nujeen Mustafa ist ein Seifenopern-Junkie, und kaum ein anderes Thema beschäftigt ihre kurdische Familie Anfang des Jahres mehr, als dass Bruder Mustafa mit 35 noch nicht geheiratet hat. Gerade hat Nujeen mehrere Operationen hinter sich gebracht, die helfen sollen, ihre durch eine Cerebralparese bedingte Fehlstellung der Füße zu korrigieren. Zum ersten Mal kann sie mit Gehhilfen stehen und sich in der Wohnung im fünften Stock (ohne Aufzug) ohne Hilfe bewegen. Wegen häufiger Asthmaanfälle geht sie nicht zur Schule.

Doch nach und nach verschärft sich die politische Lage. Nujeen beschreibt, wie es nach den Unruhen des „Arabischen Frühlings“ auch in Syrien zu Protesten kommt, die sich gegen Machthaber Baschar al-Assad wenden. Dieser zögert nicht lange und lässt seine Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten vorgehen. Die Rebellen beginnen sich zu organisieren; die Regierung verstärkt ihren militärischen Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt hört Nujeen vor allem durch die Medien davon: „Es war eine merkwürdige Situation, als gebe es parallel zwei verschiedene Welten. Da fand eine Revolution statt, die täglich Opfer forderte und zur Zerstörung von Homs führte, doch hier in Aleppo gingen die Leute ins Kino oder machten Picknicks und es wurden Häuser gebaut, als hätte sich nichts geändert.“ In dieser Zeit bessert sich zumindest Nujeens Asthma.

„Sie hörten auf zu singen und es wurde ganz still“

Im Frühling 2012 erreichen die Unruhen Aleppo. Vor allem im Ostteil kommt es zu Protesten. Nujeen bewundert die Revolutionäre und bedauert, wegen ihrer Behinderung nicht einmal ein Assad-Plakat abreißen zu können. Ihre Schwester Nasrine, die in Aleppo studiert, hat die Revolutionslieder auf ihrem Handy.

„Spüren Vögel eine bevorstehende Bombardierung? Ich hatte jedenfalls den Eindruck. Sie hörten auf zu singen und es wurde ganz still, als sei die Zeit stehen geblieben, und dann hörte man das Dröhnen der hintereinander herkommenden Flugzeuge.“ Nujeens Familie flüchtet in diesen Situationen nicht in den Keller, weil Nujeen dorthin nicht flüchten kann. Stattdessen sitzen Eltern und Kinder im fünften Stock und spüren das Haus erzittern.

Im Sommer verlässt die Familie Aleppo und kehrt zurück nach Manbidsch, wo Nujeen ihre ersten vier Lebensjahre verbracht hatte. Kurz nachdem sie Aleppo verlassen, fallen dort Fassbomben voller Metallteile oder Chemikalien. Im September brennt der Basar.

Auch Manbidsch wird bombardiert, eine Verwaltung gibt es nicht mehr, kein Internet, kaum Benzin und Wasser. „Zeit der Sehnsucht wurde zu meiner Rettung. Die Serie war das Einzige, das mich die Bomben vergessen ließ“, schreibt Nujeen. Zu Silvester 2013 kündigt sich ihr ältester Bruder Shiar an, der in Deutschland als Regisseur arbeitet und einen Film über Syrien drehen will. Für Nujeen ist es die erste Begegnung mit dem Bruder überhaupt, und sie ist sehr glücklich.

Zugleich verlassen immer mehr Freunde der Familie das Land. Der Begriff „Islamischer Staat“ taucht auf. Anfangs seien die Männer in Schwarz nett gewesen, schreibt Nujeen, sie hätten ärztliche Dienste und Benzin gebracht. Doch später verlangen die Männer, dass Frauen Kopftücher tragen und Männer fünfmal am Tag beten sollen. Wieder werden Proteste mit dem Tod bestraft.

Als die Lage immer aussichtsloser wird und die Taten immer grausamer, verlassen die Schwestern Nujeen und Nasrine Manbidsch. Das Ziel: Die Türkei. Mit dem Onkel, der einen Pass hat und deshalb über die Grenze darf, kommen Nujeen, Nasrine und ihre Schwägerin Dozgeen an die türkische Grenze. Dort wird Nujeen zum ersten Mal bewusst, dass sie nun ein Flüchtling ist.

„Noch nicht am Ende der Reise“

In der Türkei treffen die Schwestern ihre Eltern und Brüder wieder. Sie mieten eine Wohnung in dem Ort Gaziantep, wo es nach Pistanzien und Rosenwasser und Schischas duftet – so wie früher in Aleppo, findet Nujeen. „Doch ich spürte instinktiv, dass wir noch nicht am Ende der Reise angelangt waren. Shiar hatte von Deutschland gesprochen. Eines Nachts, als alle schliefen, lieh ich mir heimlich Shiars Laptop aus und googelte ‚Deutschland Therapien für Zerebralparese’“.

„Ein Wendepunkt in meinem Leben“

Wie sie mit ihrer Schwester Nasrine über die Insel Lesbos, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland kommt, beschreibt Nujeen im zweiten Teil ihres Buches über ihre Flucht im Rollstuhl. Dieser ist auf der Flucht nicht unbedingt nützlich, aber durch ihren intensiven TV- Konsum spricht Nujeen inzwischen einigermaßen gut Englisch, was den beiden sehr hilft. „Wir waren dreieinhalb Stunden auf See. Die Sonne ging unter und wir froren, als plötzlich die Insel wie ein riesiger schwarzer Fels vor uns aufragte. Bald konnten wir Menschen ausmachen, die am Strand warteten. ‚Spricht hier irgendjemand Englisch?‘ , hörten wir jemand rufen. ‚Ich!‘, schrie ich zurück. Alle blickten mich an. Es war ein Wendepunkt in meinem Leben …“

Die Menschen staunen über das Mädchen, das Europa im Rollstuhl durchquert, viele helfen. „Wieder einmal brachte die Behinderung gewisse Vorteile!“, stellt Nujeen fest, als ein türkischer Flüchtlingshelfer die Schwestern im Auto mitnimmt. Auf Lesbos beobachten sie die Touristen: „Das Ganze kam mir ziemlich unwirklich vor – die Menschen hier, die ahnungslos ihren Urlaub genossen, obwohl nicht weit entfernt ganze Familien an der Straße kampieren mussten, weil sie vor Krieg und Bombardierung geflohen waren.“ Noch oft wird Nujeen diese Schere bitter aufstoßen: „Wir waren bestimmt eine Menge von Menschen, dachte ich unwillkürlich, aber selbst wenn wir eine Million waren, dann war das nicht einmal 0,2 Prozent der 500 Millionen Einwohner der EU – dort, wo wir herkamen, hätte man einen Bedürftigen niemals abgewiesen.“

„Nujeen bedeutet ‚Neues Leben‘“

Mehr als 6.000 km liegen hinter ihnen, als Nujeen und Nasrine nach 4-wöchiger Reise in Deutschland ankommen. Neben allem Überfluss, dem sie in Deutschland begegnen, und dem Wiedersehen mit zweien ihrer Brüder erlebt Nujeen eines besonders intensiv: In den USA berichtet ein Journalist im Fernsehen über sie. Nujeen hatte Journalisten auf der Flucht u.a. erzählt, wie traurig sie über den Tod der Hauptfigur in ihrer Lieblingsserie Zeit der Sehnsucht war. Für sie inszenieren die Fernsehmacher das Ende neu, und „EJ“ darf wieder leben. Nujeen telefoniert mit ihren Lieblingsschauspielern und findet das Ganze selbst etwas unrealistisch. Aber das stört sie nur bedingt.

Und heute?

In Bonn besucht Nujeen eine Schule für Schüler mit Körperbehinderung. Sie erfährt, dass sie offiziell eine „Tetraspastik“ hat und dass es auch in Deutschland bislang keine Heilung dafür gibt. Stattdessen lernt sie, besser mit ihrer Behinderung zu leben und bekommt Medikamente gegen die Spastik. „Ich habe das Gefühl, viel versäumt zu haben. Ich meine, ich gehe ja jetzt erst zur Schule. Wenn ich dann noch studiere, bin ich bei meinem Abschluss dreißig. Aber die Hauptsache ist, dass ich jetzt endlich das normale Leben führe, von dem ich immer geträumt habe.“

Die Journalistin Christina Lamb ist Co-Autorin der im Oktober 2016 erschienenen Geschichte von Nujeen Mustafa.

Nujeen Mustafa mit Christina Lamb: Nujeen – Flucht in die Freiheit. Im Rollstuhl von Aleppo nach Deutschland, Harper Collins, 2016, 299 S., ISBN 978-3-95967-075-3