Rückenmarksmechanismus für Ejakulation identifiziert

Französische Forscher haben im Rückenmark ein Neuronenfeld gefunden, das für die Koordination von Ejakulationen zuständig ist. Diese lokale Einschränkung erhöht die Chancen mit externer Stimulation oder mit Medikamenten entsprechende Dysfunktionen behandeln zu können.

Die Forscher arbeiten mit querschnittgelähmten Patienten, die Hauptnutznießer einer entsprechend erfolgreichen Therapie wären, da die Sexualfunktion bei Rückenmarksverletzungen oft eingeschränkt ist. Die Studie beschreibt SEG (spinal ejaculation generator = Ejakulationsgenerator im Rückenmark) beim Menschen und bereitet den Weg für neue Behandlungsmöglichkeiten verschiedener Dysfunktionen inkl. Anejakulation, der Unfähigkeit zu ejakulieren, die auch Männer ohne Rückenmarksverletzung betreffen kann. Das Hauptaugenmerk der aktuellen Studie und der von Folgestudien läge allerdings auf der Wiederherstellung der Ejakulationsfähigkeit von Querschnittpatienten, so die Forscher, da dies die Notwendigkeit assistierter Fortpflanzung entfallen ließe.

Der Hauptautor der Studie, François Giuliano, MD, Hôpital Raymond Poincaré, Garches, France, erklärt gegenüber dem Magazin Medscape Medical News die Hauptprobleme männlicher Querschnittgelähmter hinsichtlich ihrer Zeugungsfähigkeit:

„Patienten mit Rückenmarksverletzungen sind häufig junge Menschen — die Sport- oder Autounfälle hatten — und viele sind Männer, die noch kein Kind gezeugt haben, aber für die die Fortpflanzung noch immer ein wichtiges Thema ist. Ich sehe diese Patienten jeden Tag und die meisten sagen, dass sie sich wünschen Kinder zeugen zu können.“

Giuliano erläutert weiter, dass es bei 9 von 10 Patienten mit Rückenmarksverletzungen nicht zu einem normalen Samenerguss kommt. Obwohl manche Patienten Geschlechtsverkehr haben könnten – meist mithilfe entsprechender Medikamente (siehe: Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen) – könnten die meisten, ca. 90%, nicht ejakulieren. Bei der Samengewinnung zum Zweck einer künstlichen Befruchtung, gäbe es Möglichkeiten einer intensiven, medizinischen Stimulation, die bei manchen zu einer Ejakulation führe, doch für andere führe auch dieser Weg nicht zum Ziel (siehe: Vater werden mit Querschnittlähmung). Die neuen Entdeckungen könnten dazu beitragen, dass Behandlungsmöglichkeiten gefunden würden, die hier Abhilfe schaffen.

Die aktuelle Studie umfasst zwei Hauptpunkte:

  1. Eine klinische Analyse von 384 Querschnittpatienten mit dem Ziel herauszufinden ob die Fähigkeit bei peniler Vibratorstimulation zu ejakulieren mit der Läsionsstelle in Verbindung steht; und
  2. eine neuroanatomische Analyse von postmortal entnommenem Rückenmarksgewebe von je sechs Frauen und Männern ohne Querschnittlähmung, bei der die Wissenschaftler verschiedene Marker suchten, von denen man weiß, dass sie für Neuronen charakteristisch sind, die für die Ejakulation männlicher Ratten verantwortlich sind.

Frühere Studien an Ratten haben ergeben, dass im Rückenmark ein bestimmtes Neuronenfeld für Ejakulationen verantwortlich ist. Diese Studien haben den Begriff SEG (spinal ejaculation generator = Ejakulationsgenerator im Rückenmark) geprägt. Laut Giuliano handele es sich dabei um eine kleine Gruppe von Neuronen, die jedes einzelne physiologische Ereignis, das zur Ejakulation führt, kontrolliert. Die vorliegende Studie habe gezeigt, dass es dieses Neuronenfeld auch beim Menschen (allerdings nur bei Männern, nicht bei Frauen) gäbe.

Segmente L3 bis L5 sind entscheidend

Die beiden Teile der Studie stimmten in folgendem wichtigen Punkt überein: Die klinische Analyse ergab, dass bei Lähmungshöhen von L3 bis L5 eine penile Vibrationsstimulation nicht zu Ejakulationen führte, während die neuroanatomische Analyse zeigte, dass SEGs in eben diesen Segmenten des Rückenmarks zu finden sind.

Die Forscher glauben nun, dass bei einer Verletzung auf Höhe L3 bis L5 die SEGs unerreichbar werden und eine periphere Stimulation alleine nicht genügt. Giuliano sagt: „Nun, da wir diesen spezialisierten Bereich ausgemacht haben, besteht die Hoffnung, dass wir andere Wege finden diese Neuronen zu stimulieren, sei es auf elektrischem, magnetischem oder medikamentösem Weg, so dass eine Ejakulation ausgelöst werden kann.“

Es wäre allerdings ein Fehler zu glauben, dass bei einer Querschnittlähmung das Wiedererlangen der Ejakulationsfähigkeit auch das Erleben eines sexuellen Höhepunktes mit sich bringt (wie es bei anderen Krankheitsbildern mit Anejakulation der Fall wäre). „Auch wenn wir es schaffen eine Ejakulation auszulösen, bezweifle ich doch sehr, dass diese Methoden den Patienten auch zum Orgasmus führen würden“, sagt Guiliano, weist aber darauf hin, dass Querschnittpatienten andere Vorteile durch das Wiedererlangen des Ejakulationsvermögens hätten „Z. B. sind viele Querschnittgelähmte von Spastik betroffen (siehe: Spastik als Folge einer Querschnittlähmung) und aus unbekannten Gründen kann die Symptomatik nach einer Ejakulation für viele Stunden verbessert sein, was zu einer allgemeinen Entspannung beiträgt. Diese Gefühl alleine ist befriedigend.“

Künftige Forschungen sollen sich nun darauf konzentrieren, eine Stimulationsmethode zu finden, die Areale der SEGs ansteuern zu können.

Die Studie wurde am 5. Dezember 2016 (in englischer Sprache) im Fachmagazin Annals of Neurology veröffentlicht: Human spinal ejaculation generator