Immer zur Stelle: Der Multi-Rollstuhladapter

Wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist, möchte man manchmal gerne ein paar Sachen mitnehmen: Einkäufe, Ausrüstung, Tablets, Babys oder Kleinkinder … Der Multi-Rollstuhladapter kann dabei eine große Hilfe sein.

Sicher, für den Transport von Dingen gibt es Rollstuhltaschen (siehe: Rollstuhltaschen – Chic und Praktisch) und für das Mitnehmen von Kindern verschiedene mehr oder weniger praktikable Lösungen, die im Beitrag Wenn der Nachwuchs mitfahren soll beschrieben werden. Der Multi-Rollstuhladapter aber kann mehr. Wie der Name vermuten lässt, ist er ein Multitalent. Mit der patentierten Erfindung können wahlweise Rollstuhltische, Einkaufshilfen und Babyschalen sowie Kindersitze am Rollstuhl befestigt werden, je nachdem, wie man es gerne hätte.

Der Multiadapter wird am Rollstuhl befestigt (geeignet ist er in seinen Varianten für Falt- und Starrrahmenrollstühle und in manchen Fällen auch für E-Rollstühle) und kann mit verschiedenen Aufsätzen so aufgerüstet werden, dass ein Rollstuhltisch oder ein Einkaufskorb angebracht werden kann. Ebenfalls erhältlich ist ein Adapter für Transportschale bzw. Sitze für Babys und Kleinkinder. Der Rollstuhlfahrer hat dadurch den Nachwuchs (oder die Einkäufe) immer im Blick und hat dabei die Hände frei, was günstig ist, da man den Rollstuhl ja auch noch antreiben muss.

So entstand der Multi-Rollstuhladapter

Erfinder Michael Tanneberger erzählt: „Die Idee für diesen Adapter kam von meinem Schwager. Mein Schwager ist durch eine Multiple-Sklerose-Erkrankung auf einen Rollstuhl angewiesen. Im Jahr 2009 kam seine Tochter Merle auf die Welt. Lange Recherchen im Internet und bei Sanitätshäusern brachten keine Ergebnisse, wie man sitzend im Rollstuhl ein Baby sicher mitfahren lässt. Ich bin gelernter Industriemechaniker (Schlosser) und bekam von meinem Schwager den Auftrag eine Konstruktion für eine Auto-Babyschale zu entwerfen, damit mein Schwager Tobias seine Tochter sicher mitfahren lassen kann.

Die erste Konstruktion war bestimmt für einen Starrrahmen-Rollstuhl mit einer Aufnahme für ein Handbike. In diese erste Konstruktion konnte wirklich nur eine handelsübliche Auto-Babyschale befestigt werden. 2010 bekam mein Schwager einen neuen Rollstuhl und zwar einen Falt-Rollstuhl, den OttoBock Avantgarde. Hier galt es nun eine ganz neue Grundkonstruktion zu entwerfen. Aufgabenstellung war es, die Faltbarkeit zu erhalten, den vorhandenen Adapter weiter zu nutzen und diesen mit einer Sitzschale für Kinder zu erweitern. Merle war schließlich schon aus der Auto-Babyschale heraus gewachsen.

Erst nach Erteilung des Patentes auf meinen Rollstuhladapter im Jahre 2012 habe ich den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Nun galt es den Rollstuhladapter marktreif weiter zu entwickeln und die Adaption weiterer Komponenten voranzutreiben.“

Das kann der Multi-Rollstuhladapter

Der Multi-Rollstuhladapter aus Edelstahl besteht aus mehreren Teilen und wird in seiner Grundkonstruktion fest am Rollstuhl verschraubt. Ein Zusammenfalten des Rollstuhls ist nach wie vor möglich.

Wenn ein Aufsatz verwendet werden soll, wird ein senkrechtes Rohr samt höhenverstellbarer Federung eingeschoben, das mittels eines Bolzens gesichert wird. Darauf wird ein Querträger montiert, der je nachdem welchen Aufsatz man wählt, mit oder ohne Adapter verwendet wird.

Es gibt eine ganze Reihe an Rollstuhlzubehör, das man an den Aufsatz anschließen und im Alltag wirklich hilfreich sein kann.

  • Tisch bzw. Tablett
    Der für den Multi-Rollstuhladapter geeignete Rollstuhltisch ist 60 auf 40 cm groß. In Neigung, Weite und Höhe kann er je nach Anwendung und persönlichen Vorlieben verstellt werden.
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  • Einkaufskorb/Faltkorb
    Für Einkäufe kann man sich zwischen den Varianten Einkaufskorb und Faltkorb wählen. Beide sind in Neigung, Weite und Höhe verstellbar und können gedreht werden. Der Einkaufkorb lässt sich auch in Kombination mit Baby-Tragewannen oder Babyschalen verwenden.
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  • Babysafe und Kindersitz
    Wenn man Babys oder Kleinkinder mitnehmen möchte, hat man auch die Wahl:
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    Der Multi-Rollstuhladapter funktioniert mit handelsüblichen Baby-Tragewannen (Babysafes) oder individuell angefertigten Babyschalen (0 bis 12 Monate oder bis 13 Kilogramm) und Sitzschalen für Kleinkinder (1-6 Jahre oder bis ca. 22 Kilogramm).
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    Jede Variante ist in der Neigung, der Weite und in der Höhe verstellbar und lässt sich drehen. Ein gefedertes Element absorbiert auftretende Stöße.
    Die Sitzschale für Kinder im Alter von ca. 1 bis  6 Jahren wird direkt mit dem gefederten Element des Multi-Rollstuhladapters verschraubt. Alle weiteren Aufsätze werden durch einklicken in den Querträger angebracht.
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  • Weitere Aufsätze und Zubehör
    Zusätzlich können am Adapter weitere Utensilien wie Flaschenhalter, Beleuchtung und andere Taschenmodelle befestigt werden.

Während der verstellbare Tisch und der mitführbare Einkaufskorb an sich schon gute Ideen für Rollstuhlfahrer sind, schließt die Möglichkeit Babyschalen und Kindersitze mitzuführen eine wirkliche Lücke. Den Nachwuchs zu transportieren stellt für Eltern im Rollstuhl nämlich eine ernste Herausforderung dar und die Lösungen, die es bisher dafür gab, waren entweder extrem teuer, mit einem enormen Beschaffungsaufwand verbunden oder noch im Prototypen-Stadium (siehe: Kindervorspannwagen und Co.). Mit dem Multi-Adapter wird für viele dieses Problem der Vergangenheit angehören.

Kosten

Der Preis des Adapters richtet sich, laut Hersteller, nach den Komponenten, die für einen Rollstuhl benötigt werden. Ist z.B. schon ein Kupplungssystem für Handbikes vorhanden beginnt es bei ca. 1.400 Euro (Ausstattung mit Aufbau-Adapter und Rollstuhltisch). Für die Mitnahme eines Babys und der Ausstattung mit Grundadapter, Aufbau-Adapter, Liegeschale für Babys, Liegeschale für Kinder und Montagekosten liegen die Kosten bei ca. 3.000 Euro (Stand: Jan. 2017).

Für eventuelle Abrechnungsmöglichkeiten über die Leistungsträger siehe den Produktkatalog des Herstellers: Produktkatalog – 2016 (Stand: Jan. 2017)

Erfahrungsbericht von Tobias Tewes

Tobias Tewes und Tochter Merle.

Tannebergers Schwager, Tobias Tewes, erzählt, wie die Familienerfindung sein Leben bereichert hat: „Glücklich, seit 2009 eine Familie zu sein, lag zu Beginn sowohl bei Wegen im Haus als auch bei kurzen Distanzen außerhalb unsere Tochter als Säugling ungesichert auf meinen Oberschenkeln. Maximale Aufmerksamkeit war gefordert, um uns sicher bewegen zu können. Bei jeglichem „Zwischenfall“ wie Hunger, einer vollen Windel oder nur dem heruntergefallenen Kuscheltier mussten wir bei arretierten Bremsen einen nicht ganz ungefährlichen Balanceakt praktizieren. Mal eben schnell ins Kinderzimmer oder in die Küche flitzen funktionierte nur bedingt.

Dank des universell an meinen Rollstühlen nutzbaren Adapters, veränderte sich unser Aktionsradius sprunghaft. Während ich meine Hände wieder mehr für den Antrieb des Rollstuhls nutzen konnte, vergnügte sich unsere Tochter, inspizierte die Umwelt und griff nach allem, was sie erreichen konnte.

Gleichzeitig wurde aber vor allem die Sicherheit erheblich verbessert. Der Adapter machte es möglich, die kleine Dame samt Auto-Babyschale quasi auf meinem Schoß zu arretieren. Ich hatte sie direkt vor mir, konnte sie sehen, mit ihr spielen und sie pflegen. Da sie im Maxi-Cosi CabrioFix angeschnallt werden konnte, waren aber auch Spaziergänge und Einkäufe außerhalb problemlos möglich.

Dank der mit dem Maxi-Cosi CabrioFix kompatiblen Konstruktion, waren für meine Tochter und mich auch Wege mit dem Auto problemlos möglich. Vom Rollstuhladapter aus konnte ich die Auto-Babyschale direkt in das Auto heben und dort wiederum in der Auto-Basisstation Maxi-Cosi FamilyFix verankern. Wenige Handgriffe, die es uns dank dem Adapter ermöglicht haben, auch mal ohne Mama unterwegs sein zu können.

Als unsere Tochter dann aus der Auto-Babyschale herausgewachsen war, änderte sich an der liebgewonnenen Freiheit zum Glück nichts. Eine frei drehbare und in der Neigung verstellbare Sitzschale für Kinder mit Anschnallgurten wurde auf den Adapter gesteckt und die Fahrt konnte weitergehen. Bei Unebenheiten wie abgesenkten Borden oder Pflasterbelägen gleicht die integrierte Federung die Vibrationen etwas aus. Mal mit Blick zum Papa, mal mit Blick in die Fahrtrichtung haben wir etliche Kilometer gemeinsam und ohne fremde Hilfe gemeistert. Es muss nicht immer der gewöhnliche Kinderwagen sein!

Und für den Fall, dass einmal größere Einkäufe anstehen, lässt sich auf dem Adapter übrigens ein handelsüblicher Faltkorb mit wenigen Handgriffen befestigen.

Der Adapter unterstützt mich in vielen Dingen des alltäglichen Lebens, ermöglicht uns als Familie einen deutlich größeren Aktionsradius und gibt mir Freiheiten zurück, die ich lange vermisst habe.“

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