Susanne Böhme: Steh auf und flieg

„Steh auf und flieg“ ist die Autobiographie der Fallschirmspringerin Susanne Böhme. Ehrlich, packend und oft mit einem Augenzwinkern erzählt sie von ihrem Unfall, der Reha und dem Weg zurück zu dem Sport, der ihr trotz Querschnittlähmung so viel bedeutet.

Ende 2012 wurde Wingsuit-Pilotin Susanne Böhme bei einem Sprung so schwer verletzt, dass sie eine Querschnittlähmung davontrug. Nach ihrer Erstrehabilitation schafft sie es sich und ihr Leben neu zu erfinden, hält dabei aber fest an den Aspekten, die ihr wichtig waren. Sie gehört nun zum kleinen Kreis der querschnittgelähmten Fallschirmspringer; im Sommer 2016 flog sie zum ersten Mal wieder in ihrem Wingsuit.

Die Lektüre öffnet für den Leser ein Fenster in die Welt der Fallschirmsprünge und Base-Jumps. Dabei ist anzumerken, dass alle Base-Jumps Fallschirmsprünge, aber nicht alle Fallschirmsprünge Base-Jumps sind. Beim klassischen Fallschirmsprung (auch: Skydiving) springt man in bis zu 4.500 Metern Höhe über Grund meist aus einem Flugzeug und zieht die Reißleine, die den Fallschirm öffnet, wenn man eine Höhe von ca. 800 Metern erreicht hat. Bei einem Base-Jump hat man auch einen Fallschirm, springt aber von einem erhöhten festen Punkt, z. B. von einer Brücke, einem Sendemast oder einer Klippe.

Zusätzlich können sowohl Fallschirmspringer als auch Base-Jumper mit einem Wingsuit ausgerüstet sein, der ihnen das Gleiten durch die Luft erleichtert. Mit einem Wingsuit fällt man also nur vertikal nach unten, sondern man kann den Auftrieb unter den Flügeln nutzen und den Fall auch teilweise in eine horizontale Flugbewegung umwandeln.

Bewegende Bilder:

Aus dem Inhalt

Dass Böhme bei der Extremsportart, die sie gewählt hat, stets auf Sicherheit achtet, macht sie zu Beginn von „Steh auf und flieg“ deutlich. Ihre Ausrüstung kontrolliert sie minutiös und wenn nur das kleinste Detail nicht zu ihrer Zufriedenheit ist, macht sie den Base-Jump nicht und tritt notfalls den Rückweg zu Fuß zum Ausgangsort an. Doch aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz kommt es 2012 zu einem folgenschweren Unfall. Der Absprung von einem Berg missglückt – wieso genau weiß niemand, Böhme vermutet, ein Fuß sei abgerutscht – und die junge Frau prallt gegen einen Felsvorsprung. Trotz ihrer schweren Verletzung schafft sie es zu landen und wird sofort in ein Krankenhaus gebracht. Die Diagnose dort lautet „Querschnittlähmung“ – von der Hüfte abwärts ist Böhme inkomplett gelähmt.

Während ihrer Rehabilitation stehen Böhme Familie und Freunde zur Seite und die Behandlung, die ihr in der Schweizer Klinik zuteilwird, erlebt sie in der unumstößlichen Hoffnung irgendwann wieder auf die Beine zu kommen. Dennoch wird schnell klar, dass eine Rückenmarksverletzung kein Schnupfen, und dass den der Verlust der Gehfähigkeit geschuldeten Einschränkungen nicht einfach zu begegnen ist. Die Tage, die Böhme außerhalb der Klinik verbringt, zeigen dies allen Beteiligten deutlich.

Die junge Frau beginnt ihre Rehabilitation in Bad Wildbad entschlossen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und mit der realistischen Einschätzung, dass es deutlich schlimmer hätte kommen können. Sie entdeckt, was geht und was nicht mehr geht und gewinnt mit Hilfe der Physiotherapie verlorengeglaubte Funktionen zurück. Gleichzeitig beschäftigt sich Böhme mit der Zukunft ihrer sportlichen Aktivität. Sie will das Fallschirmspringen nicht aufgeben, recherchiert und wird fündig: International gibt es einige wenige Springer im Rollstuhl, von denen Böhme eine werden wird.

Der Leser begleitet Susanne Böhme vom Zeitpunkt ihres Unfalls durch die Reha, bei der Suche und Anwendung von Therapien, die ihr das Wiedererlangen verlorengeglaubter Funktionen ermöglicht, der Wohnungssuche, bei der Wiedereingliederung in Alltag und Beruf. Und schließlich bei ihrer Neuentdeckung des Fallschirmspringsports, der mit gewissen Adaptionen und aller Widerstände zum Trotz auch für Paraplegiker möglich ist – und das nicht nur als Tandemsprung.

Nach ihrem ersten Sprung schreibt sie: „In den nächsten Wochen werden noch einige Sprünge folgen. Ich lerne, mich vom Rücken auf den Bauch zu drehen, bin Teil von Formationen, versuche zu tracken (so wird das fliegen nach vorne ohne Wingsuit genannt), was ganz gut gelingt, und in Rückenlage zu fliegen, was sich schnell als unmöglich erweist. Die Landungen werden routinierter, ich taste mich an kleinere, schneller fliegende Schirme heran. Die Zweifler um mich herum sind verstimmt.“

Das größte Abenteuer

Bei der Lektüre von „Steh auf und flieg“ liest man nicht die Geschichte einer Frau, die Opfer ihres Schicksals ist, sondern trotz ihrer schwierigen Lage alles erreicht, was sie zu erreichen wünscht. Inklusive des größten Abenteuers von allen: dem Mutter-Werden und Mutter-Sein, das Böhme als Naturgewalt bezeichnet.

Sie schreibt: „Ich ging davon aus, mich mit Grenzerfahrungen auszukennen. Diese hier spielt in einer ganz anderen Liga. Wie viele Gedanken hatten wir uns gemacht, ob mein Körper überhaupt in der Lage wäre, ein Kind auf natürlichem Weg zu gebären. Viele Unsicherheiten blieben… Jetzt bäumt sich mein Körper zur Höchstleistung auf. Ärzte und Hebammen sind da, müssen aber nur selten eingreifen… Und dann ist unser Baby da, schrumpelig, warm, das Händchen immer noch vor dem Gesicht, wie auf fast jedem Ultraschallbild. … Als ich langsam aus meiner Trance zurückkehre, merke ich, dass ich bereits schwer verliebt bin in dieses kleine, perfekte Wesen.“

Wenn man einem geflügelten Wort glauben darf, ist nur fliegen schöner. Aber vielleicht ist es auch so, dass nur fliegen zumindest ansatzweise schafft heranzukommen an dieses Gefühl des grenzenlosen Glücks.

 Das Buch

  • Steh auf und flieg
    • Von: Susanne Böhme
    • Seiten: 250
    • Mit 16 Abbildungen in Farbe
    • ISBN: 978 3 9817836 2 9
    • Preis: 18,90 Euro (Stand: Jan. 2017)

Über die Autorin

Susanne Böhme wurde 1979 in Heidelberg geboren und erwarb bereits mit 17 Jahren ihre Fallschirmsprunglizenz. Als eine der ersten Wingsuit-Pilotinnen in Deutschland nahm sie an mehreren Wettkämpfen teil und war mit ihrem Team zwei Jahre in Folge bestes deutsches Team beim Artistic Wingsuit Competition. Heute lebt sie mit Mann und Kind in Karlsruhe und arbeitet als Fallschirmtechnikerin in einer eigenen Werkstatt und kann mit Gehhilfen kurze Strecken wieder gehen. Den Fallschimspringsport betreibt sie weiterhin.

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.