„Du sitzt vor deinem Zelt, guckst in die Landschaft und hast einfach Zeit“ – vom Zelten mit Handicap

Martina Fey und Andreas Winkel haben 30 Jahre Campingerfahrung. Ein Zelt sei per se barrierefrei, sagen sie und erzählen von dem einfachen Leben in der Natur, der ausgesprochen netten Camping-Community und dem einen oder anderen Plumpsklo.

Martina und Andreas, was ist so toll am Zelten?

Martina Fey: Das Schöne ist, dass man so nah an der Natur ist und ganz viel draußen. Die Lage ist ganz wichtig. Da kennen wir mittlerweile viele sehr schöne Plätze.

Andreas Winkel: Du sitzt vor deinem Zelt, guckst in die Landschaft und hast einfach Zeit. Viele Rollstuhlfahrer denken, dass Zelten für sie nicht infrage kommt. Dabei spricht vieles dafür. Ein Zelt hat nie eine Stufe, da fallen viele Hindernisse im Vergleich zum Hotel schon mal weg. Im Hotel muss man klären, wie breit sind die Türen, gibt es Stufen, sind die Räume groß genug … Ein Zelt muss einfach nur groß sein. Gerade für Paras geht das dann locker. Zu zweit und mit der entsprechenden Ausstattung ist es auch für mich als Tetra kein Problem.

Außerdem ist Urlaub auf dem Campingplatz viel weniger anonym als im Hotel. Wir haben schon so nette Leute kennen gelernt. Und es hilft immer jemand, wenn man Hilfe braucht, z.B. beim Zeltaufbau; das ist in der Camping-Community so. Abends trifft man sich vor dem Zelt auf ein Glas Wein und bekommt wieder neue Tipps, wo es schön ist oder was man in der Gegend so unternehmen kann.

Wie bereitet ihr euch auf einen Campingurlaub vor?

Martina Fey: Das kommt ganz drauf an, was man will. Am Anfang sind wir sehr spartanisch verreist und dann zunehmend komfortabler. Andreas kam nicht mehr so ohne Weiteres auf eine Isomatte, also reisten wir die letzten Male mit zwei Feldbetten, einem 6-Mann-Zelt, einem kleinen Beizelt, Isomatten, Decken und Schlafsäcken und diversen Haushaltsgegenständen. Wir haben sogar ein Nudelsieb – was eigentlich nicht wirklich nötig ist … Die Herausforderung besteht darin zu erkennen, was man braucht und was nicht.

Andreas Winkel: Mit den Jahren wächst die Ausstattung einfach. In unserem großen Zelt haben die beiden Feldbetten Platz und der Rollstuhl kommt trotzdem noch durch. In unseren Kombi passt alles, was wir brauchen. Wir überlegen, was wir sehen wollen, packen das Auto voll und los geht`s.

Was macht für euch einen guten Campingplatz aus?

Wer Camping im Zelt macht, ist näher dran – am eigenen Auto, an den Nachbarn, an der Natur.

Andreas Winkel: Neben der Lage geht es für uns natürlich auch um Barrierefreiheit. Camping boomt in den letzten Jahren, und ich würde sagen, dass da ganz überwiegend auf Barrierefreiheit geachtet wird. Womöglich auch, weil es oft ältere Menschen sind, die campen. Häufig sind schon die Standardeinrichtungen rollstuhlgerecht. Ansonsten ist z. B. der Boden wichtig: Sandige Böden bilden nach kurzer Zeit Löcher, wenn man da mit dem Rollstuhl unterwegs ist. Aber das kriegt man ganz schnell raus.

Martina Fey: Heute gibt es beim Campen ja so viele Möglichkeiten. Über die Icons auf der Webseite eines Campingplatzes kann man schon vorab auswählen, was es sein soll: Ob mit oder ohne Disco, Restaurant, Kaffeebar, Kinder-Animation …  Wir mögen es ruhig und achten darauf, dass es nicht zu viele Angebote gibt. Der Platz, den wir mieten, sollte ebenerdig sein. Hilfreich ist auch ein Baum in der Nähe, um eine Plane zu spannen. Es sollte natürlich eine ebenerdige Dusche geben und der Campingplatz muss insgesamt gut befahrbar sein. Und wenn es doch mal nicht so gut passt, geht es eben nach ein paar Tagen weiter zum nächsten.

Eure Lieblingsplätze?

Martina Fey: Die Plätze in der Schweiz haben durchweg eine gute Ausstattung, würde ich sagen. Da waren wir mal 100 m weg vom Genfer See. Ein wunderbares Panorama: rechts die Schweizer Alpen, links Montreux und vor uns der See … Dort kann man auch ganz toll Rad fahren bzw. Handbike.

Andreas Winkel: Auch am Bodensee gibt es gut angelegte Plätze mit ausgebauten Wegen, die sind dann aber nicht mehr so naturbelassen. Auf der Mecklenburgischen Seenplatte konnte man bis vor wenigen Jahren noch sehr naturnah zelten, mit einem Beutel voll Wasser als Dusche, Plumpsklo und ringsum nur Landschaft.

 Wie kommt man als Tetra mit einem Plumpsklo klar?

Andreas Winkel: Ich hatte meinen Toilettenstuhl dabei. Diesen Campingplatz gibt es allerdings nicht mehr. Viele Plätze wurden modernisiert. Eine Ausnahme sind vielleicht noch die Flächen, die privat, z. B. von Bauern, angeboten werden. Die sind mit zehn oder 20 Parteien geradezu familiär – morgens bringen dir die Gastgeber frische Brötchen und Milch von den eigenen Kühen.

Was ist eure Empfehlung für diesen Sommer?

Andreas Winkel: Wer Camping erst mal ausprobieren will, ist sicher am Bodensee gut aufgehoben. Dort sind die Wege eben und alles ist rollstuhlgeeignet. Die Schweiz, wie gesagt, hat ein sehr gutes Angebot, aber z. B. auch in Frankreich oder Italien oder an der Ostsee, auf Usedom, haben wir schon sehr schön gezeltet. Ich würde Rollstuhlfahrern empfehlen, sich so viel Zeit zu nehmen, die Plätze vor Ort miteinander zu vergleichen, bevor sie sich für einen entscheiden. So machen wir es. Plätze, die man kennt, kann man natürlich auch vorab buchen.

Martina Fey: Man kann sich auch mit Campingführern behelfen, die oft eine Kennzeichnung für Rollstuhlfahrer haben. Wie es wirklich aussieht, erfährt man allerdings erst vor Ort. Ganz wichtig ist, möglichst eine Schönwetterperiode auszunutzen. Nur dann macht Camping wirklich Spaß.

Tipps für gute Campingplätze von Martina Fey und Andreas Winkel:

  • Campingplatz Iriswiese am Bodensee
    Tunau 16
    88079 Kressbronn am Bodensee
  • Camping les Grangettes
    Route des Grangettes 31
    1845 Noville, Schweiz

Wer Camping macht, kommt an die schönsten Orte – wie hier nach Lausanne am See.


Martina Fey und Andreas Winkel
sind verheiratet und leben im hessischen Offenbach. Für ihren nächsten Campingurlaub möchten sie sich ein barrierefreies Wohnmobil zulegen.

Siehe auch: Das barrierefreie Wohnmobil

 

 

 

 

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