Gelesen: Penguin Bloom

Dieses Buch hat die Kraft einem die Tränen in die Augen zu treiben, gleich nachdem man es das erste Mal aufgeschlagen hat: „Penguin Bloom“ erzählt, wie eine kleine Elster hilft, das Leben einer Familie nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung zum Guten zu wenden.

Eigentlich ist Penguin gar keine Elster und ein Pinguin ist sie schon gar nicht. Der kleine Vogel, den Noah Bloom eines Tages am Haus seiner Großmutter auf dem Parkplatz findet, gehört zur Familie der Würgerkrähen, einer Unterfamilie der Sperlinge. Dennoch spricht man bei der Art weithin von der „australischen Elster“. Wegen ihres schwarz-weißen Gefieders taufen Noah und seine Brüder den Findling auf den Namen Penguin. Das aufgelesene Küken war aus dem Nest gefallen – quasi geradewegs in das Leben der Familie Bloom im australischen Newport.

Wie aus einem wilden Vogelkind Penguin Bloom wird

Um dieses Familienleben ist es zu dem Zeitpunkt nicht eben gut bestellt. Zur Familie gehören Vater Cameron, der sich als erfolgreicher Fotograf für die Vogue, Harper`s Bazaar und andere bekannte Medien einen Namen gemacht hat, Mutter Sam, die einige Jahre als Krankenschwester gearbeitet hatte und dann bei den Söhnen geblieben war, und die drei Jungs Rueben, Noah und Oliver. Die Familie befindet sich in einer Art Schockstarre, nachdem  Sam sich im Urlaub bei einem Sturz vom Balkon eine Querschnittlähmung im Thorakalbereich zugezogen hat.

„Penguin hätte in keinen besseren Moment zu uns stoßen können – ich könnte auch sagen, in keinem schlimmeren Moment“, schreibt Cameron, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Gerade hat er seine Frau aus dem Krankenhaus nach Hause geholt und beobachtet besorgt, wie sie immer ernster und stiller wird. Aufgrund einer Kopfverletzung hat sie zu der Spastik und den Phantomschmerzen als Folge der Querschnittlähmung nun ständige migräneartige Kopfschmerzen. Noch dazu fehlt ihr der Geschmackssinn. Sam sieht sich als Belastung für die anderen, ihr Denken wird jeden Tag dunkler. Gefühle von Schmerz, Wut und Bedauern münden schließlich in den Gedanken, nicht länger leben zu wollen. Obwohl Sam ihre Arme bewegen kann, beschreibt Cameron sie als anfangs völlig hilflos. Er selbst scheint ebenfalls kaum in der Lage, nach vorn zu blicken. „Wir stellten uns vor, es wäre alles nur ein schlechter Traum. Am Ende würden wir die Augen aufschlagen und alles wäre wieder wie vor dem Unfall. Aber es war kein Traum.“

Auch das Vogelbaby ist verletzt und braucht die ganze Unterstützung der Blooms. Alle zwei Stunden muss es gefüttert werden, sein Flügel erholt sich nur langsam. Doch Penguin überlebt und wird allmählich größer. Sie sitzt auf Sams Schulter, sie hüpft vor dem Rollstuhl auf und ab, sie klaut Sam Gegenstände, sie macht ihr vor, wie man die Sonne genießt und zwitschert aufmunternd, wenn etwas schwieriger wird als gedacht. Der Vogel ist immer zur Stelle. Er steht mit ihr die anstrengenden Therapien durch, sitzt anschließend mit ihr im Garten und  bringt sie sogar unter der Dusche zum Lachen. „Manchmal sprach Sam in sanftem Ton mit Penguin, manchmal sang Penguin etwas für Sam, und manchmal gaben sie beide stundenlang keinen Laut von sich.“

Unzertrennlich

Ganz zaghaft scheint sich das Blatt zu wenden. Nicht nur die kleine Elster, auch die ersten Trainingserfolge geben Sam neuen Mut. Während Penguin ihr Gefieder pflegt und dem ersten freien Flug entgegensieht, beginnt auch Sam langsam weiterzuleben. Und mit ihr die Familie. „Zu Beginn dachten wir, wir würden Penguin retten, aber nun wissen wir, dass uns dieser bemerkenswerte Vogel stärker gemacht hat. Er hat uns als Familie enger zusammengeführt und uns in schwierigen Zeiten unzählige Male Anlass für ein Lächeln und zum Lachen gegeben. So hat er dazu beigetragen, dass es uns besser ging, und das körperlich wie seelisch.“

Man mag das Buch stellweise kitschig oder pathetisch oder übertrieben finden. Alle Seiten von Penguin Bloom auf einmal sind tatsächlich eine emotionale Herausforderung. Wem das zu viel ist: Jedes Foto und der Text dazu bilden eine kleine Einheit, von denen jeder seine Lieblinge finden kann. Da ist zum Beispiel Penguin im Freien mit ausgebreiteten Flügeln, bereit, vom Kopf einer der Bloom-Söhne abzuheben: „Jeden Morgen wacht Penguin in der Überzeugung auf, dass ihr die ganze Welt offen steht, damit sie sie in vollen Zügen genießt. Was, glaube ich, auch stimmt.“

„Penguin war nicht nur mit von der Partie, wenn es um Spaß und Abenteuer ging.“

Sam Bloom

Zum Schluss kommt auch Sam Bloom zu Wort und richtet sich direkt an Menschen, die wie sie eine Querschnittlähmung haben. Da sie weiß, dass eine Elster für andere kaum der rettende Anker sein wird, konzentriert sie sich dabei auf die Dinge, die ihr unabhängig von dem tierischen Familienzuwachs geholfen haben, das Leben wieder aufzunehmen und positiv zu betrachten: der Kreis an engen Vertrauten, Gespräche, Unternehmungen außer Haus, das Training, jede Art von Aktivität oder das Führen eines Tagebuchs. Zugleich hat sie die Hoffnung auf medizinischen Fortschritt nicht aufgegeben. Mit dem Buch will die Familie die Arbeit von Wings for Life unterstützen; ein Teil der Honorare geht an die Stiftung (siehe auch: Wings for Life – Die Organisation).

Eigen ist dem Buch auch, dass Sam und Cameron nicht in einen Alles-hat-seinen-Sinn-Modus verfallen. „Querschnittgelähmt zu sein, ist kein unerwartetes Geschenk; die neuen Sichtweisen, die es mir bescherte, haben mit einem großen spirituellen Erwachen nichts zu tun, und ich nehme auch nicht wahr, dass mich diese Erfahrung zu einem besseren Menschen gemacht oder mir ein neues Lebensziel gegeben hätte.“ Vielmehr vermute sie, dass ihr immer eine kleine Gewitterwolke aus Traurigkeit und Zorn im Nacken hängen werde, schreibt Sam. Auch Cameron vertraut nicht auf einen höheren Sinn: „Für mich wird Sams Unfall niemals irgendeinem göttlichen Plan entsprungen sein; ihr Leid ist zu groß, als dass ich solche Dinge glauben könnte.“

Dennoch nimmt die Familie den Aufwärtstrend, den nicht zuletzt Penguin mit in ihr Leben brachte, als Geschenk. „Penguins Verwandlung erinnert uns täglich daran, dass wir nicht unsere Vergangenheit sind, egal wie traumatisch oder lebensverändernd diese gewesen sein mag.“

„Jede noch so banale Verrichtung, die zu unserem Menschsein gehört, konnte demütigend sein.“

Eine bewegende Einheit: Bild und Text

Es ist ein Glück, dass die Geschichte der Familie Bloom und ihrer australischen Elster durch den professionellen Fotografen Cameron Bloom in so umwerfenden Bildern festgehalten werden konnte. Er hat nachdenkliche, fröhliche, witzige und auch ganz ruhige Momente eingefangen.

Penguin hingegen wurde für dieses Buch nicht eingeengt oder festgehalten; sie lebt in Freiheit und besucht die Blooms heute nur noch ab und zu. Gelegentlich rufen Menschen aus der Umgebung Familie Bloom zur Hilfe, wenn Penguin es sich bei ihnen allzu gemütlich machen möchte.

Den Text aus der Sicht von Cameron und Sam Bloom hat Bestsellerautor Bradley Trevor Greive geschrieben. Ins Deutsche übersetzte ihn Ralf Pannowitsch. „Penguin Bloom – Der kleine Vogel, der unsere Familie rettete“ erschien in Deutschland bei Knaus, wie schon zuvor bei HarperCollins, in einem hochwertig gestalteten Querformat. Die bereits jetzt gut vermarktete Erzählung soll demnächst verfilmt werden.

Als kleines Coffee Table Book hat der Bildband das Potenzial, immer wieder zur Hand genommen zu werden, zu beglücken, zu berühren und zu trösten. Am Ende wünscht sich jeder eine kleine Elster zur Seite. Aber die war dort, wo sie wirklich gebraucht wurde.

Cameron Bloom, Bradley Trevor Greive: Penguin Bloom; gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag; Albrecht Knaus Verlag, München; Februar 2017; 208 Seiten; 19,99 Euro (Stand: Januar 2019).

ISBN-13: 978-3813507614

 

 

 

 

 

 

 

www.penguinthemagpie.com

 

 

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

PHA+PGlmcmFtZSBzcmM9Imh0dHBzOi8vd3d3LnlvdXR1YmUtbm9jb29raWUuY29tL2VtYmVkL19kX2hIZmZpMGMwP3JlbD0wIiB3aWR0aD0iNjQwIiBoZWlnaHQ9IjM2MCIgZnJhbWVib3JkZXI9IjAiIGFsbG93ZnVsbHNjcmVlbj0iYWxsb3dmdWxsc2NyZWVuIj48L2lmcmFtZT48L3A+