Das Kondom-Urinal – Oft Stiefkind in der Hilfsmittelversorgung bei Inkontinenz

Das Kondom-Urinal führt in Deutschland eher ein Nischen-Dasein. Dabei könnte es vielen Betroffenen mit Inkontinenz gute Dienste leisten. Als Alternative zu Inkontinenz mit Windelversorgung oder aber auch zum Blasen-Dauer-Katheter lohnt es sich über das Urinal-Kondom einmal nachzudenken.

Die Europäische Pflegegesellschaft für Urologie-Pflege hat eine evidenzbasierte Leitlinie (Guideline) in München beim Jahreskongress im März 2016 vorgestellt. Diese ist online kostenfrei zu beziehen. Bezugsadresse findet sich am Ende des Artikels.

Die EAUN schreibt in der Einleitung zu der Guideline, dass das Kondom-Urinal in der Behandlung der männlichen Harninkontinenz eine Rolle spielt, aber oft nicht angewendet wird, weil die Kenntnisse der Anwendung fehlen. Mit diesem Artikel soll die wichtigsten Aspekte der Kondom-Urinalversorgung aus der fast 70-seitigen Guideline zusammengefasst werden.

Die Definition bzw. Umschreibung des Kondom-Urinal lautet: Ein einfaches Kondom, welches wie zur Verhütung verwendet, über den Penis gezogen wird. Anders als ein normales Kondom besitzt ein Kondom-Urinal einen Drainageschlauch, der es erlaubt, dass der Urin in einem Urinbeutel gesammelt wird. Ein Kondom-Urinal ist ein nicht invasives Hilfsmittel, da es keinen Kontakt zur Schleimhaut hat.

Das Kondom-Urinal kann nicht die Urin-Inkontinenz therapieren, aber dazu beitragen die Symptome der Urin-Inkontinenz zu bewältigen.

Indikationen für das Kondom-Urinal

  • Überaktive Blase mit Drang-Inkontinenz ohne signifikante Restharnmengen;
  • Männer mit Harninkontinenz und einer signifikanten Restharnmenge, bei denen andere Behandlungsmethoden nicht akzeptiert oder nicht anwendbar sind;
  • Stress-Inkontinenz als Konsequenz einer externen Sphinkter-Verletzung durch Prostata-Operationen, wenn andere Therapien nicht möglich sind;
  • Zur Überwachung der Urinmenge bei strikter Flüssigkeitsbilanz und Ausscheidungsbilanz, wenn Katheterisierung nicht möglich ist;
  • Urininkontinenz bei neurologischen Erkrankungen oder neuromuskulärem Syndrom;
  • Urininkontinenz bei Männern mit schlechter Handfunktion, Demenz, gestörter Wahrnehmung oder wenn der Toilettenbesuch ein Sicherheitsrisiko darstellt.

Kontraindikationen

Die einzige absolute Kontraindikation ist die Präsenz eines hohen Blasendrucks mit chronischer Harnverhalt. Das Kondom-Urinal würde hier zwar die Inkontinenz-Symptome beheben, aber nicht die Ursache für den hohen Blasendruck und Nierenschädigungen können daraus resultieren.

Relative Kontraindikationen sind eher hautspezifisch wie wie Psoriasis, Allergien sowie kognitive Einschränkungen.

Komplikationen

Harnwegsinfektionen: In einer Studie von Saint et al wurde festgestellt, dass die Kondom-Urinal-Träger weniger Bakteriurien und symptomatische Harnwegsinfekte oder Todesfälle hatten als die Vergleichsgruppe mit Dauerkathetern ohne Demenz. Allerdings konnten weniger Teilnehmer in die Studie aufgenommen werden als es geplant war. In einem Vergleich von Bakterien im Urin aus dem Urin von Kondom-Urinal-Trägern und Dauerkatheter-Trägern, war die Anzahl der Bakterien bei Kondom-Urinal höher als bei den Dauerkathetern. Der Urin von den Kondom-Urinalen hatte weniger Bio-Film produzierende Bakterien als der Urin vom Dauerkatheter. Die meisten der Kondom-Urinal assoziierten Bakteriurien repräsentieren wahrscheinlich Kontaminationen, resultierend aus fehlenden Anweisungen wie der Urin für bakteriologische Untersuchungen von Kondom-Urinal-Trägern gewonnen werden soll.

Weitere Komplikationen stellen die Hautirritationen, allergische Reaktionen und die kompressiven Komplikationen dar. Die meisten Komplikationen sind nur in Fallbeschreibungen erwähnt.

Überziehhilfe: Penisschere.

Empfehlungen, die sich aus den Komplikationen ergeben

  • Beschreibungen der sachgerechten Anwendungen von Kondom-Urinalen
  • Die Haut gründlich zu inspizieren beim Kondom-Urinal-Wechsel
  • Den Patienten befragen wegen eventueller Allergien

Kondom-Urinal – Produkte und Materialien

Pflegepersonen sollten vor der Anwendung von Kondom-Urinalen ausreichende Kenntnisse zu Produkten und der Anbringung der Kondom-Urinale haben. Es existieren unterschiedliche Produkte:

  • Selbstklebende Kondom-Urinale
  • Kondom-Urinale mit separater Fixation

Spezialprodukte sind

  • Kondom-Urinal mit Ballon-Prinzip oder externem Velcro-Band
  • Das Kondom-Urinal als eine Art Tropfenfänger
  • Das KIC-System

Beim KIC-System dient anstelle des Kondom-Schlauchansatzes eine abnehmbare Kupplung als Verbindung zum Urin-Bein- oder -Bettbeutel. Diese Kupplung kann abgenommen und das Kondom – mit dem Spreizring geweitet – über den Penisschaft zurückgeführt werden, so dass die Penisspitze zum Desinfizieren und Katheterisieren frei liegt. Danach wird das Kondom wieder in die ursprüngliche Position geführt und an das bestehende Ableitungssystem gekoppelt. Dieser Vorgang lässt sich beliebig oft wiederholen.

Die Klebetechniken für die Kondom-Urinale sind

  • Kondome mit selbstklebender Ausrüstung

    Klebestreifen zum Fixieren von Kondom-Urinalen.

  • Kondome mit Klebestreifen d.h. doppelseitigem Klebeband
  • Kondome mit Hautklebern

Die Materialien der Kondomurinale können Silikon, Polyvinyl Chlorid, Polyurethane oder Latex sein. Latex kann bei einzelnen Menschen Allergien verursachen, hat aber für Kondom-Urinale die besten Materialeigenschaften.

Auch die Urinbeutel variieren vom einfachen Bettbeutelsystem, Beinbeutelsystemen bis hin zu Sportbeuteln, die sich dezent, zum Beispiel in der Badehose, verstecken lassen.

Die Prinzipien der Pflegemaßnahmen zum Kondom-Urinal

Das Kondomurinal hat den Vorteil, dass der Urin direkt in einen Beutel abgeleitet werden kann – und somit der typische Uringeruch eingedämmt werden kann. Des Weiteren wird die Haut vor direktem Kontakt mit Urin geschützt. Auch die Komplikationen, dass Stuhl in den Harntrakt eingebracht wird bei Stuhlinkontinenz oder Stuhlschmieren, insbesondere bei flüssigem Stuhl, können vermieden werden.

Patientensituation

Das pflegerische Assessment umfasst folgende Aspekte:

  • Besteht eine klare Indikation für das Kondom-Urinal?
  • Alle Kontraindikationen ausgeschlossen?
  • Gibt es bessere Alternativen als das Kondom-Urinal?
  • Passt die klinische Situation zum Kondom-Urinal?
  • Gute Hautverhältnisse zur Anpassung eines Kondoms?
  • Retrahierter Penis?
  • Mentale Fitness des Patienten
  • Ist der Patient in der Lage mit einem Kondom-Urinal umzugehen (kognitiv und psychisch)?
  • Handfunktion und Mobilität in Ordnung für die Nutzung eines Kondom-Urinals?
  • Kann der Patient die ausgewählten Materialien beziehen?
  • Ist die Kostensituation geklärt, Kostenübernahme durch Krankenkasse oder Versicherung?

Anpassen/Messen

  • Länge und Umfang
  • Nutzung von Maßband oder Schablone (Achtung: Das Maßband oder die Schablone muss zum jeweiligen Produkt passen!)

Auswahl

  • Materialauswahl
  • Wahl der Applikationstechnik
  • Wahl des Urinbeutels

Die Auswahl des Materials und der Applikationstechnik hängst stark von den Vorlieben des Patienten ab und auch davon, mit welchem Material oder welcher Klebetechnik er am besten klar kommt.

Die Auswahl des Urinbeutels ist abhängig von folgenden Faktoren:

  • Grund der Anwendung
  • Tragedauer
  • Patientenmobilität und Aktivität
  • Vorliebe des Patienten

Die Beutel für Fußgänger und Rollstuhlfahrer können variieren. S. Bild

Beinbeutel und Beinbeutel für Rollstuhlfahrer

Einige Tipps und Hinweise zum Anbringen und zur Überwachung des Kondom-Urinals

Ein Schutz der Schambehaarung kann hilfreich sein für das Anbringen des Kondom-Urinals. Einige Anbieter liefern ein Tuch mit Loch – so dass die Schambehaarung nicht mitgeklebt wird. Aber auch ein Küchentuch, in das ein Loch gerissen wird, kann seine Dienste tun.

Ölhaltige Pflegeprodukte können die Hautbeschaffenheit verändern und das Kleben erschweren, so dass das Kondom abfallen kann oder Undichtigkeiten auftreten. Normale Körperhygiene reicht in der Regel bei Kondom-Trägern aus.

Um Inkontinenzereignisse zu verhindern, ist eine Überwachung des Kondom-Urinals sinnvoll. Vor allem beim ersten Anbringen des Kondom-Urinals muss überwacht werden, dass das Kondom hält, keine Hautirritationen auftreten und der Patient sich sicher und wohl fühlt.

Sollte das Kondom-Urinal undicht sein, dann können folgende Ursachen dafür verantwortlich sein

  • Stärkerer Kleber ist notwendig
  • Kondom ist zu groß
  • Inkompatibiliät der Produkte – Kleber passt nicht zum Kondom
  • Inkorrekte Applikation
  • Retrahierter Penis
  • Harnwegsinfektion
  • Starker schwallartiger Urinabfluss
  • Schwitzen
  • Schamhaare oder
  • Kombinationen der vorgestellten Ursachen.

Wechsel des Kondom-Urinals

Ein täglicher Wechsel des Kondom-Urinals wird empfohlen. Wenn das Kondom früher abfällt, muss es früher erneuert werden. Der Urinbeutel ist nicht steril. Er sollte einmal wöchentlich gewechselt werden.

Entfernen des Kondom-Urinals

Das Kondom-Urinal kann in der Regel abgerollt werden. Der Kleber kommt dabei meist mit. Reste des Klebers können bei der Routinereinigung mit Wasser und Seife oder Waschlotion entfernt werden. Produkte zur Kleberentfernung aus der Stomapflege können angewendet werden. Acetonhaltige oder ähnliche Produkte sollen vermieden werden, da die Hautschicht dadurch zerstört wird.

Gewinnung einer Urinprobe bei Kondom-Urinal-Trägern

  • Reinigung der Harnröhrenöffnung (Meatus)
  • Haut gut trocknen
  • Neues Kondom-Urinal anbringen
  • Urindrainage abklemmen und Urin aus der Punktionsstelle entnehmen.
  • Urin ins Labor bringen

 

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