Mini-Scaffold zur Behandlung von Rückenmarksverletzungen

Die neue Methode des Herstellers InVivo Therapeutics könnte die Regeneration nach Rückenmarksverletzungen entscheidend verbessern und dabei helfen Funktionen zurückzugewinnen. Ein Mini-Implantat soll dabei vor allem Sekundärschäden verhindern.

Das US-amerikanische Unternehmen InVivo Therapeutics hat ein Implantat, genannt Mini-Scaffold (dt. Mini-Gerüst), entwickelt, das die Regeneration nach einer Rückenmarksverletzung verbessern soll. Das engporige Teil ist ca. einen Zentimeter klein und besteht aus einem Polymermaterial, das sich nach einigen Wochen im Körper wieder aufzulösen beginnt. Im März 2017 fand eine klinische Studie des Implantats mit 20 Patienten statt; laut InVivo waren erste Resultate vielversprechend.

Was das Implantat kann

Beim Eintritt einer Querschnittlähmung wirken enorme Kräfte auf das Rückenmark ein, die zu Schwellungen und Blutungen führen, was den Schaden der eigentlichen Verletzung noch vergrößert, da sie das Absterben betroffener Zellen verursachen können. Vor allem, wenn die weiße Substanz, die aus Lipiden und Proteinen bestehenden Zellfortsätze um den Zellkörper, betroffen ist, kann dies zu Problemen kommen, da hier die Axone an die Zelle andocken.

Wenn Zellen absterben, können sie sich innerhalb von 24 Stunden auflösen und ein „Loch“ im Rückenmark hinterlassen. Hier kommt das InVivo-Mini-Gerüst zum Einsatz. Durch intraoperativen Ultraschall kann gemessen werden, wie tief die entstandene Aushöhlung ins Rückenmark geht. Das Implantat wird an eine Größe von bis zu einem Zentimeter angepasst und in die Aushöhlung eingefügt. Nun hat es eine stützende Funktion für das Gewebe ringsum, doch der eigentliche Nutzen ist ein anderer:

„Wenn man nichts unternimmt, entsteht eine große, mit Flüssigkeit gefüllte Blase und Sekundärschäden entstehen, da diese Blase größer wird und gegen die weiße Substanz drückt“, erklärt Firmenchef Mark Perrin. „Aber wenn man das Implantat einfügt, wird die Größe der Blase reduziert, was zu einem Erhalt der weißen Substanz und zu einer Neubildung von Gewebe führt.“

Bei diesem neugebildeten Gewebe handelt es sich nicht einfach um Narbengewebe; es verhält sich vielmehr hochgradig neuropermissiv, d. h. es lässt neuronales Wachstum zu. In Tierversuchen fand neben neuronalem Wachstum auch ein Neuwachstum der Myelinschicht statt, die die Axonenenden umgibt.

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Die INSPIRE Studie

Allen Patienten, die an der ersten stattfindenden INSPIRE Studie teilnehmen, wurde das Mini-Gerüst innerhalb von 96 Stunden nach Eintritt der Rückenmarksverletzung eingesetzt. Allen 20 wurde ursprünglich eine komplette Querschnittlähmung diagnostiziert, d. h. es waren keine motorischen oder sensorischen Funktionen unterhalb der Lähmungshöhe gegeben.

Ziel der Studie ist es nun herauszufinden, ob mit dem Implantat motorische oder sensorische Funktionen innerhalb von sechs Monaten ganz oder teilweise wiederhergestellt werden können. Ohne eine Behandlung kommt es in diesem Zeitraum bei 15 Prozent aller kompletten Querschnittlähmungen zu einer Verschiebung in Richtung inkomplette Lähmung. Bei einem Erfolg der Methode müsste diese Zahl höher liegen.

Bisher ist es im Rahmen der aktuellen INSPIRE Studie zu einer Erholung in 55 Prozent der Fälle gekommen, d. h. Patienten, die ursprünglich als komplett gelähmt (A auf der ASIA Skala) eingestuft wurden, werden nun als inkomplett gelähmt (B auf der ASIA Skala) eingeordnet. Über die Lähmungshöhe macht InVivo keine Angaben, was das Beispiel über den Studienteilnehmer, der heute mit Orthesen und Gehhilfe gehen kann, etwas entkräftet.

Nach den vielversprechenden Ergebnissen 2017 und 2018 wird die Studie auch 2019/20 mit fünf Patienten fortgesetzt. Über eine Standardisierung der Methode ist noch nichts bekannt.

Weitere Informationen

InVivo Therapeutics arbeitet neben diesem Produkt für akute Rückenmarksverletzungen auch an einem System für den Einsatz bei Langzeitverletzten, das die Möglichkeiten der Stammzellentherapie miteinbezieht.

Zur Firmenwebsite geht es hier: www.invivotherapeutics.com