Rollstuhlpilger Felix Bernhard

Felix Bernhard ist der bekannteste Rollstuhlpilger im deutschsprachigen Raum. Zwei Bücher hat der ehemalige Banker über seine Pilgerreisen geschrieben: „Dem eigenen Leben auf der Spur: Als Pilger auf dem Jakobsweg“ und „Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben“.

1993 hatte der damals 19-jährige Felix Bernhard einen schweren Motorradunfall und ist seither querschnittgelähmt. Bei intensiven Pilgerreisen fand er einen sportlichen Ausgleich zu seinen damals langen Arbeitstagen als Banker und Muße zur tiefen Reflexion. Über 3.000 Kilometer hat er mit dem Rollstuhl auf verschiedenen Jakobswegen durch Spanien, Portugal, Frankreich, Polen, Deutschland und inzwischen auch Israel zurückgelegt: Seine Eindrücke beschreibt er in den beiden 2007 und 2010 erschienenen Büchern „Dem eigenen Leben auf der Spur: Als Pilger auf dem Jakobsweg“ und „Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben“.

Dem eigenen Leben auf der Spur: Als Pilger auf dem Jakobsweg

Felix Bernhard beschreibt seine persönlichen Erfahrungen auf der bekanntesten Pilgerroute Europas, dem Jakobsweg. Der junge Mann bewältigt die südliche, rund 1.200 Kilometer lange Variante von Sevilla nach Santiago de Compostela mit dem Rollstuhl; eine beachtliche Leistung, die Bernhard vollbringt, noch dazu, da er noch zwei weitere 700 und 550 Kilometer lange Touren vorab meisterte. Und mit ihnen steile Pässe, weite Ebenen in sengender Hitze und schlammige Pfade im strömenden Regen, einsame Momente und verzweifelte Situationen, wenn er wieder einmal mit einem Platten oder Barrieren in Form unüberwindbarer Passagen konfrontiert wurde.

Aus dem Inhalt

Santiago de Compostela

Der Leser begegnet Bernhard mitten im Geschehen, zunächst bei seiner Ankunft im spanischen Barcelona, von wo aus er sich auf seine Pilgerfahrt von Sevilla nach Santiago de Compostela begibt – d. h. vom südlichsten in den nördlichsten Winkel Spaniens.

Nun ist der Jakobsweg für jeden eine Herausforderung, ob er nun von Menschen mit oder ohne Behinderung begangen wird. Aber für Rollstuhlfahrer ist das Pilgern nochmal einen Ticken anspruchsvoller, denn barrierefrei sind weder die Wege selbst noch die Herbergen, in denen die Wanderer übernachten.

Zunächst mag man als Leser Bernhard eine gewissen Unbedarftheit bei der Planung seiner Reise unterstellten. Das ist insofern verwunderlich, als dass Bernhard nicht zum ersten Mal auf Pilgertour ist. Bereits in anderen Ländern war er den Jakobsweg gewandert; dass Pfade und Unterkünfte nicht rollstuhlgerecht sind, hätte ihm klar sein können. Und während man bei der Wahl der Herberge als Rollstuhlpilger vermutlich nicht wählerisch sein kann, so kann man sich auf die unebenen und holprigen Wege durchaus vorbereiten, z. B. in dem man den Rollstuhl entsprechend aufrüstet. Radfahrenden Pilgern würde es auch nicht einfallen anstelle ihres Geländerads mit breiten Reifen und dickem Profil ein Klapprad zu verwenden. Und wenn man als Rollstuhlfahrer nicht weiß, ob und wann man am Ende des Tages auch wirklich am Zielort ankommt, wäre es geschickt mit einem Helfer vor Ort zu vereinbaren ab wann Hilfe angezeigt ist.

Bernhard allerdings fährt im manuellen Rollstuhl ohne Vorspannrad, ohne verlustsichere Rollstuhltasche und ohne Plan auf dem Jakobsweg. Wenn er unterwegs auf Hindernisse oder an seine Grenzen stößt, ist er auf die Unterstützung Fremder angewiesen. Die er auch immer erhält, denn die Hilfsbereitschaft ist bei Einheimischen und Mitpilgern stets gegeben. Ähnliches gilt für die Herbergen. Wenn es Stufen gibt oder Zimmer bzw. Badezimmer nur über eine Treppe erreichbar sind, dann tragen andere Bernhard nach oben. Wie bereitwillig er sich in diese Abhängigkeit begibt, ist manchmal erstaunlich.

Aber andererseits ist es vielleicht Teil einer Pilgerreise sich unvorbereitet und mit einem gewissen Gottvertrauen ins Abenteuer zu stürzen. Oder eben mit Vertrauen auf seine Mitmenschen oder die eigene Fähigkeit Unannehmlichkeiten zu ertragen. Der Weg, den man geht, kann tiefe Einblicke in die eigene Persönlichkeit gewähren und dabei helfen eigene Schwächen und Stärken zu erkennen und mit ihnen umzugehen. Er kann, wie Bernhard sagt, dazu beitragen Ängste zu überwinden, Grenzen zu verschieben und Wunder zu erleben. Und letztendlich ist es wohl so, dass man sich sowohl dem physischen als auch der spirituellen Reise auf dem Jakobsweg, durchaus auch auf Gott verlassen darf.

Wie liest es sich?

„Dem eigenen Leben auf der Spur“ ist ein Reisebericht über das Pilgern und beim Pilgern findet die Reise nicht nur von einem geographischen, sondern auch von einem seelischen A nach B statt. Bernhard gewährt dem Leser tiefe Einblicke in die Zeit vor und nach dem Motorradunfall, den er mit fast 20 Jahren erlebte. Er spricht von der Rehabilitation, von der Neuordnung seines Lebens nach der Reha… und er berichtet davon, dass „es noch mal mehrere Jahre dauert, bis auch der Kopf im Rollstuhl sitzt“. Zusätzlich zu seinem Unfall, wird Bernhards Leben vom Krebstod seines Vaters überschattet, an dem er sich teilweise die Schuld gibt, und mit dem er nur schwer zurande kommt.

Diese (und weitere) tragischen Ereignisse, gepaart mit der Beschreibung der Hindernisse und Unannehmlichkeiten auf seiner Reise, machen die Lektüre von „Dem eigenen Leben auf der Spur“ etwas schwer und düster. Dem Leser muss klar sein: Einen Unterhaltungsroman liest er hier nicht und auch kein Selbsthilfebuch, in dem es Pep-Talk hagelt. Optimismus und Willenskraft fallen für Bernhard nicht vom Himmel. Sie müssen errungen werden.

Aber genau darum geht es beim Pilgern. Menschen machen sich nicht auf die Suche, wenn sie nicht etwas vermissen oder verloren haben. Sie machen sich auf, um ihren Schatten zu begegnen und ihre Dämonen zu bekämpfen. Und um sich den dunklen Kapiteln in ihrem Leben zu stellen und mit ihnen im besten Fall ins Reine zu kommen. An diesem Prozess lässt Bernhard den Leser teilhaben. Allein wegen dieses Mutes und dieser Aufrichtigkeit sind seine Bücher das Lesen wert.

  • Das Buch
    • Dem eigenen Leben auf der Spur: Als Pilger auf dem Jakobsweg
    • Von Felix Bernhard
    • Gebunden/Taschenbuch
    • Seiten: 224
    • ISBN 978-3-502-150-930
    • Preis: ab 8,95 Euro (Stand: Feb. 2017)

 

Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben

2010 erschien der Folgeband „Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben“ in dem Bernhard zurückblickt auf eine Schlüsselstelle des Jakobsweges, den Punkt, an dem er fast scheiterte. Der Autor nimmt seine Leser mit auf den Weg seines Lebens, schildert seinen Alltag, seine Träume und seine Pläne. Er hat noch viel vor. Und er weiß: Weglaufen ist nicht. Immer wieder kommt ihm etwas in die Quere, gibt es für ihn als Rollstuhlfahrer scheinbar unüberwindbare Hindernisse. Aber er plant eine weitere, große „Wanderung“ zu einem neuen Ort seiner Sehnsucht: Jerusalem …

  • Das Buch
    • Weglaufen ist nicht. Eine andere Perspektive aufs Leben
    • Von Felix Bernhard
    • Gebunden
    • Seiten: 224
    • ISBN 978-3-942-208-208
    • Preis: 11,50 Euro (Stand: Feb. 2017)

 

Für alle, die das Pilgern gerne selbst einmal ausprobieren möchten, gibt es den Beitrag: Barrierefreies Pilgern – Der Weg ist das Ziel

 

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