Behandlung neuropathischer Schmerzen mit dem Wirkstoff Capsaicin

Mit Capsaicin, dem Stoff, der Chilischoten so teuflisch auf der Zunge brennen lässt, sollen chronisch-neuropathische Schmerzen bei Querschnittlähmung gelindert werden können. Am BG-Klinikum Duisburg ist die Methode bereits erfolgreich im Einsatz.

Wie entstehen periphere neuropathische Schmerzen?

Nervenschädigungen können unterschiedliche Ursachen haben. Häufige Gründe sind u.a.Infektionen (z.B. Herpes Zoster – postzosterische Neuralgie) oder mechanische Störungen (z. B. Operationen/Verletzungen Narbenschmerzen). Wird der Nerv durch eine Schädigung in seiner Aufgabe gestört, meldet er nur noch diese Störung als Schmerzwahrnehmung an das Gehirn. Die Schmerzwahrnehmung wird häufig als brennend, einschießend, stechend oder elektrisierend wahrgenommen, aber auch Missempfindungen wie Kribbeln und Taubheitsgefühle können die Folge der Nervenschädigung sein.

Über bestimmte Hautareale (sog. Dermatome) ist das Ausbreitungsgebiet des peripheren neuropathischen Schmerzes oft klar umrissen und kann durch einfache diagnostische Maßnahmen (z.B. Berühren der Haut mit Wattestäbchen) ermittelt werden.

Die Schmerz-Situation von Querschnittpatienten

Die Behandlungssituation von Patienten mit peripheren neuropathischen Schmerzen ist besonders im Bereich der querschnittgelähmten Patienten verbesserungswürdig.

42% der Patienten, haben diese neuropathischen Schmerzen auf Höhe des verletzten Rückenmarksegments und 34% geben diese elektrisierenden Schmerzen im Bereich unterhalb der Rückenmarkverletzung an. Die komplexe Störung kann zwar medikamentös behandelt werden, jedoch ist dies bis heute oft nicht zufriedenstellend und mit einer Reihe unerwünschter Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Schwindel verbunden. Wechselwirkungen, ein (zu) langsamer Wirkungseintritt, die Notwendigkeit einer aufwändigen Dosisfindung oder mehrfach täglicher Anwendung machen die Behandlung von neuropathischen Schmerzen derzeit zu einer echten Herausforderung. Bei rund zwei Drittel der Patienten ist mit den bisher verfügbaren Behandlungsoptionen keine ausreichende Schmerzlinderung zu erzielen.

Quantitative Sensorische Testung (QST) zur Abklärung einer Neuropathie: Mechanische Schmerzschwelle, Druckschmerzschwelle und Vibrationsschwelle

Die Schmerz-Therapie mit Capsaicin

QUTENZA™ wirkt im Gegensatz zu den üblichen Therapieoptionen nur lokal, also direkt am Ort der Schmerzentstehung. Es handelt sich um ein folienartiges Hautpflaster mit 8% Capsaicin (dem Wirkstoff der Chilischoten) zur Einmalanwendung für max. eine Stunde.

Mit QUTENZA™ kann mit einer einzigen Anwendung eine Schmerzlinderung über drei Monate erreicht werden. Die hohe Konzentration von Capsaicin führt zu einer vorübergehenden Deaktivierung der hyperaktiven Rezeptorstellen in den schmerzleitenden Hautnerven (Desensibilisierung der sog. TRPV1-Rezeptoren) und zu einer lang anhaltenden Defunktionalisierung der schmerzverursachenden Nozizeptoren.

Der Funktionsverlust ist dabei vorübergehend: Nach ca. drei Monaten bilden sich die Nervenfasern in der Haut wieder zurück. Die QUTENZA™-Anwendung kann dann bei Bedarf nach 90 Tagen wiederholt werden.

Daher haben die Querschnittmediziner an der BG-Klinik in Duisburg unter der Leitung von Dr. Stefan Hobrecker in Kooperation mit der Schmerzklinik im Hause unter Leitung von Dr. Mike Papenhoff eine Testung des Capsaicin-Pflasters an inkomplett gelähmten Patienten mit nachgewiesenen lähmungsbedingten neuropathischen Schmerzen vorgenommen.

Vor der Qutenza-Anwendung, die von medizinischem Fachpersonal vorgenommen werden muss, wird eine sog. quantitative sensorische Testung (QST) zur Differenzierung der Schmerzen in der Schmerzklinik des Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikums Bergmannsheil in Bochum bei Professor Maier durchgeführt.

Patienten mit inkompletter Paraplegie oder Tetraplegie (siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung) beklagen häufig schwer zu beeinflussende, distal lokalisierte neuropathische Schmerzen. Aus der Überlegung heraus, dass auch ein spinaler Schmerz nach Verletzung des Rückenmarks durch aktivierte Nozizeptoren aus den verbliebenen Afferenzen generiert werden könnte, erfolgte die QST-Messung der Patienten mit neuropathischem Schmerz und anschließende Applikation von 8%-igem Capsaicin im Bereich der maximalen Schmerzareale.

Bei insgesamt 6 Männern und 3 Frauen im Alter von 21 – 62 Jahren, davon:

  • 4 Patienten mit inkompletter Paraplegie sub Th7, Th8, Th 11 u. Th12
  • 4 Patienten mit inkompletter Tetraplegie sub C4, C5 (2x) und sub C7 sowie
  • 1 Patient mit inkomplettem Conus-Cauda-Syndrom

kam 8%-iges Capsaicin für die Dauer von 60 Min. distal im Bereich der maximalen Schmerzregion zur Anwendung.

Alle Patienten zeigten nach der Capsaicin-Applikation eine Verringerung der Schmerzintensität um 75 % oder mehr. Der Effekt war wiederholbar. In allen Fällen fand sich in der QST eine zumindest diskret nachweisbare Sensibilität, in vier Fällen nur für thermische Reize, nur in einem anderen Fall bestand ausschließlich Berührungssensibilität.

Schlussfolgerung

Die Fälle zeigen zunächst, dass diese sehr risikoarme Therapie auch bei spinaler Schädigung erwogen werden sollte, sofern die Schmerzen in einem begrenzten Areal wahrgenommen werden. Die nachweisbare, wenn auch qualitativ unterschiedliche Restwahrnehmung kann als Anzeichen für eine Capsaicin-Wirkung angenommen werden. Der Verlauf stützt die Hypothese, dass der spinale Schmerz durch aktivierte Nozizeptoren aus den verbliebenen Afferenzen hervorgerufen wird. Zur Optimierung des Behandlungsintervalls sind jedoch noch weitere Untersuchungen erforderlich.

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.

  1. Manfred Rogg 28.05.2017, 14:46 Uhr

    Guten Tag,
    könnten sie mir schreiben wohin man sich wenden muss für diese Therapie. MFG Rogg