Haltung bewahren mit Sitzschalen

Reicht die eigene Rumpfmuskulatur nicht aus, um den Oberkörper eigenständig aufrecht zu halten, können individuell angefertigte oder konfektionierte Sitz- und Rückenschalen für eine bessere Haltung und mehr Aktivität im Rollstuhl sorgen. 


Sitzschalen geben eine günstige Sitzposition vor und bewirken so Stütz- und Lagerungseffekte , wie z.B. die Aufrichtung des Beckens und Streckung der Wirbelsäule sowie die seitliche Stützung des Beckens und des Thorax. Die Positionierung des Beckens über eine Sitzschale wirkt sich auf die Segmente der Lenden- und Brustwirbelsäule aus, die damit eine natürliche Streckung erfahren. So können mit der richtigen Unterstützung Fehlstellungen und aus ihnen ggf. entstehende Beschwerden vermieden werden. Für Tetraplegiker kommt es bei der Versorgung wegen der fehlenden Sensibilität besonders auf eine ausgewogene Druckverteilung an. Sitzt die Schale optimal, dient sie auch der Dekubitusprophylaxe.

„Jede Veränderung der gewohnten Rollstuhleinstellung wirkt sich auf die Sitzeinheit und die Fahreigenschaften des Rollstuhles aus und beeinflusst in irgendeiner Weise den Körper. (…) Der Rollstuhlfahrer muss sich allmählich an die neue Situation gewöhnen dürfen, um diese Veränderungen zu akzeptieren und in seine Körperwahrnehmung integrieren zu können“ (Zäch/Koch, 2006). Fachkräfte wie Ärzte, Physio-, Ergotherapeuten oder Orthopädietechniker haben dabei die Aufgabe, die geeigneten Mittel und Methoden für eine individuelle Rumpfstabilisierung zu erfassen und den Patienten so umfassend wie nötig, aber auch nicht mehr als nötig beim Sitzen zu unterstützen.

Unterschiede bei Sitz- und Rückenschalen

Das Hilfsmittelverzeichnis des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Hilfsmittelverzeichnis) unterscheidet die Sitzschalen für Rollstühle nach ihrer Machart:

  • Sitzschalen, konfektioniert: starre Sitzschalenmodule (nur für Kinder) /Sitzschalenmodule mit Rückenverstellung
  • Sitzschalen unter Verwendung von Rohlingen zur individuellen Anpassung
  • Individuelle Sitzschale nach Formabdruck als Maßnahme mit der Hilfsmittelnummer 26.11.03.0001

Mögliches Zubehör:

  • Nacken- und Kopfstützen
  • Beinstützen oder Fußkästen,
  • Fixierungssysteme
  • Seiten- und Schulterstützen
  • Spreizkeil zur Führung der Oberschenkel in leichter Abduktionsstellung

Ob die Indikation für eine Sitz- oder Rückenschale vorliegt und welche am besten geeignet ist, entscheidet der (Fach-)arzt.

Abhängig von Intensität und Häufigkeit der Wachstumsschübe liegt die Nutzbarkeit von Sitzschalen bei Kindern und Jugendlichen durchschnittlich bei 2-3 Jahren. „Um für eine möglichst dauerhafte Versorgung die richtige Schalengröße auswählen zu können, ist in Verbindung mit der Maßnahme vor bzw. bei Einleitung der Versorgung abzuklären, wann der letzte Wachstumsschub zu verzeichnen war bzw. wann eventuell mit dem folgenden gerechnet werden muss“ (Hilfsmittelverzeichnis).

Starre, konfektionierte Sitzschalen mit Rückenverstellung

Rückenverstellbare Sitzschalen bestehen aus zwei Teilen: einem Sitzteil und einer davon getrennten Rückenschale. Sie sind z.B. aus Glasfiberkunststoff gefertigt und haben eine glatte, polierte Oberfläche. Das Material ist starr, Sitz- und Rückenteil können aber über ein Drehgelenk in ihrem Winkel zueinander verstellt werden. Damit verändert sich der Hüftbeugewinkel, etwa für einen Lagerungswechsel zur Entlastung oder im Sinne einer Sitzanpassung. Ggf. müssen Lagerungspolster, Stütz- und Fixiergurte danach ebenfalls neu angepasst werden.

Die Außenschale verfügt über eingearbeitete Schlitze für Oberkörper- und Beckengurte sowie einlegbare Polster aus Schaumstoff. Die Sitzschale ist vollständig mit Polstermaterial (Schaumstoff) ausgelegt und darüber mit einem flexiblen Bezug bezogen.

Sitzschalen unter Verwendung von Rohlingen zur individuellen Anpassung

Auch die individuell angepasste Sitzschale aus einem Rohling besteht aus einer Außenschale, einem geeigneten Polstermaterial (sog. Innenschale) sowie einem Bezug.

Die Unterstützungshöhe reicht bei den meisten Produkten bis zum Scheitelpunkt des Kyphosebogens der Wirbelsäule, d. h. sie erfasst den Rundrücken, bzw. wenige Zentimeter darüber hinaus. Teilweise sind hier die Schulterblätter ausgespart, um die aktive Armbewegung zu fördern. Die haltungsgerechte Lagerung von Kopf und Nacken erfolgt meist mit extern befestigten, einstellbaren Stützen.

Zur individuellen Anpassung der Innenschale an die Körpermaße, den Korrekturbedarf und die Deformitäten können verschiedene Verfahren zum Einsatz kommen.

  • Polsterung bzw. Abtragung:
    Ein Rohling wird an den erforderlichen Stellen durch Aufpolstern verstärkt oder durch das Abtragen von Polsterteilen reduziert. Dieses Verfahren eignet sich, wenn die Änderungen eher gering sind.
  • Ausschäumung am Körper:
    Liegt ein höherer Anpassungsbedarf vor, kommt z.B. eine Ausschäumung infrage. Der Betroffene sitzt dabei mit Unterstützung so in einer Außenschale, wie er auch später in einer korrigierten Haltung sitzen soll. Um ihn herum werden die Lücken mit einem Weichschaum aufgefüllt, der sich in kurzer Zeit genau an die bestehenden Hohlräume anpasst und dann erstarrt.
  • „Matrix-System“:
    Aus vielen sternförmig aufgebauten Modulen, die in sich und gegeneinander drehbar sind, wird eine Matte zusammengesetzt. Nachträgliche Formänderungen sind jederzeit möglich. Ein ebenfalls einstellbares, aus einzelnen Rohrelementen gefügtes Stützskelett stabilisiert die Schale von außen. Der so entstandene Schalenkörper wird innen mit Weichschaum gepolstert und anschließend bezogen. Er hat allerdings ein hohes Eigengewicht.
  • Schaumstoffrohling:
    Dieses System besteht aus einer Außenschale und einem Schaumstoffblock. Der Orthopädietechniker erstellt hier einen Abdruck der jeweiligen Körperform im Vorfeld und bearbeitet den Block dann entsprechend.

Auch bei Sitzschalen aus Rohlingen können Zusatzelemente wie Spreizkeile oder Stützelemente ergänzt werden.

Individuell angefertigte Sitzschalen

Diese Sitzschalen werden nach Abnahme der individuellen Körperformen ohne die Verwendung von Rohlingen hergestellt.

Das folgende Video soll veranschaulichen, welche Rolle die Digitalisierung inzwischen dabei spielt und exemplarisch einen möglichen Ablauf zur individuellen Anpassung und Fertigung einer Sitzschale darstellen. Es ist nicht als Empfehlung des genannten Unternehmens zu verstehen.

Maßnehmen:

  • Softwareunterstütztes Maßnehmen
  • Formabdruck
    • Gipsabdruck
    • Vakuumverfahren unter Verwendung von Vakuumkissen (vgl. Video oben)

Das sehr aufwendige Verfahren  wird von den gesetzlichen Krankenkassen nur übernommen, wenn keine andere Anpassung möglich ist. Für den zu Versorgenden bedeutet die Anfertigung zunächst, dass ein Abdruck seiner Körperform in der später beabsichtigten Sitzhaltung genommen wird. Im Unterschied zu zuvor beschriebenen Verfahren kann der Orthopädietechniker im weiteren Verlauf nicht auf industriell vorgefertigte Elemente zurückgreifen, sondern orientiert sich – ggf. unter Einbeziehung digitaler Techniken – individuell an seinem Klienten. Er kann die Gestaltung der Sitzbettung und die der Rückenschale sowie die Auswahl der Materialien genau anpassen und so eine optimale Druckverteilung erreichen. Zur Dekubitusprophylaxe werden charakteristische Körperpunkte oder gefährdete Hautstellen durch zusätzlichen Expansionsraum entlastet.

Insgesamt haben individuell angefertigte Sitz- und Rückenschalen auch den Vorteil, dass sie kosmetisch meist unauffälliger gefertigt werden können als konfektionierte Systeme.

Testung

Es empfiehlt sich Sitz- und Rückenschalen zunächst im Rohbau zu testen, ggf. für einen längeren Zeitraum von 1-2 Wochen. Nachpassungen und Korrekturen können dann bei der Fertigstellung berücksichtigt werden. Dank des meist thermoplastischen Materials besteht auch danach noch die Möglichkeit Änderungen umzusetzen.

Siehe auch: Skoliose bei Querschnittlähmung

 

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