Wheelchair Man – M. Sayeds Superheld im Rollstuhl

All die Batmans, Captain Americas, Dare Devils und Wonder Womans da draußen können sich schon mal warm anziehen, denn die Rettung naht fortan in Form von Wheelchair Man, dem ersten Superhelden auf Rädern.

Wenn man sich auf der Welt so umschaut, wird klar, dass sie Helden braucht. Ganz dringend. Und vielleicht ist es ja Wheelchair Man, der Superheld aus der Feder des afghanisch-amerikanischen Mohammed Syed, der den entscheidenden Beitrag zur Rettung der Erde und ihrer Bewohner leistet. Vielleicht wird er aber auch einfach nur dazu beitragen, dass sich der Blickwinkel auf und der Umgang mit Menschen mit den verschiedensten Hintergründen und mit oder ohne Behinderungen verändert. Und da selbst die größten Wandel immer in den Köpfen der Menschen beginnen, mag das vielleicht auf dasselbe hinauslaufen.

Comic oder Wirklichkeit

Das Schicksal, das aus einer normalen Comic-Figur einen Superhelden macht, ist meist ein hartes. Allzu oft geschehen furchtbare Unfälle oder Gräueltaten, die den Protagonisten physisch und psychisch über seine Belastungsgrenze bringen. Der Held überlebt die Tragödie und stellt fest, dass er Superkräfte hat, mit denen er erstmal klarkommen muss. Schlussendlich setzt er sie dann zum Guten ein und geht gestärkt aus dem Leiden hervor.

Im Leben von Wheelchair Man-Autor Mohammed Syed ist ein schreckliches Schicksal kein Produkt der Fantasie. Der mittlerweile (2017) 20-jährige Sayed wuchs in einem von Unruhen und Krieg gebeutelten Afghanistan auf. Als kleines Kind spielte er mit Waffen, statt mit Spielzeug und behauptete oft, dass die Bomben, die um ihn herum fielen, ihn nicht ängstigten. Er hatte seine Familie; er fühlte sich geborgen. Doch als er fünf Jahre alt war, starb seine Mutter an Krebs. Wenige Tage später wurde das Zuhause der Familie bei einem erneuten Bombenangriff getroffen und Sayed schwer verletzt. Sein Vater brachte ihn in ein Krankenhaus in Kabul – und kehrte nie zurück.

„Ich war fünf Jahre alt, von der Brust abwärts querschnittgelähmt und ganz alleine. Ich musste herausfinden, wie ich überleben konnte“, erzählt Sayed. „Wenn einem so etwas passiert, braucht man vor allem zwei Dinge: Hoffnung und einen starken Glauben.“

Sieben Jahre Krankenhaus

Wie er überleben konnte, lernte Sayed in einem von einer italienischen Hilfsorganisation geführten Krankenhaus im 150 km nördlich von Kabul gelegenen Pandschschir-Tal im Hindukusch-Gebiet, in dem er sieben Jahre verbrachte. Als er acht Jahre alt war, begann er seinen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Mobiltelefone reparierte und Fotoaufnahmen machte, die er ausdruckte und verkaufte. Diese Fähigkeiten – und auch die englische Sprache – hatte er sich autodidaktisch beigebracht; die Ausrüstung, mit der er sein erstes Unternehmen startete, hatte er geschenkt bekommen. Als Sayed zwölf war, schloss das Krankenhaus unerwartet; er blieb als einziger zurück und lebte in einer Geisterstadt.

Dies ist bis hierher noch keine fiktive Tragödie, die zwischen zwei Buchdeckeln stattfindet, die nie passiert ist, und die man getrost wieder vergessen kann, sobald man das Buch zu Ende gelesen hat. Diese Geschichte ist diesem kleinen Jungen – als einem von vielen – wirklich passiert. Doch im Gegensatz zu wer-weiß- wie-vielen anderen hat sie ein Happy End.

Neuanfang in den USA

Sayed hatte Glück. Eine amerikanische Krankenschwester hatte von ihm erfahren und im Pandschschir-Tal ausfindig gemacht. Nach über zwei Jahren und einem harten Kampf mit den Behörden gelang es Maria Pia Sanchez schließlich Sayed zu adoptieren und mit in die USA zu nehmen, wo er nicht nur eine weiterführende Schule besuchen konnte, sondern auch eine verbesserte medizinische Versorgung erhielt, die die Begleiterkrankungen seiner Lähmung, z. B. Kontrakturen (siehe: Kontrakturen bei Querschnittlähmung), verbesserten.

Obwohl Sayed, wie er sagt, in den USA mit seiner neuen Mutter und in einer Umgebung, in der er sich sicher und geliebt fühlt, sehr glücklich war, fühlte er sich zunächst oft als Außenseiter. Und das nicht nur wegen seiner Herkunft und den kulturellen Unterschieden, sondern oft auch wegen des Rollstuhls. An seinen Schulen und an dem Institut, an dem er seine Ausbildung zum Ingenieur machte, war er stets der einzige Rollstuhlfahrer. Aufhalten ließ er sich davon natürlich nicht.

Sein kreatives und gestalterisches Talent nutzte Sayed, indem er verschiedene hilfreiche Komponenten für den Rollstuhl erfand. Ein Adapter, der Wheelchair Arm, macht es möglich Kamerastative, Tabletts und Regenschirme an seiner Rollstuhllehne zu befestigen; eine faltbare Rampe macht Sayed mobil, auch wenn er an Orten unterwegs ist, an denen (bis zu drei) Stufen vorhanden sind. Alle Produkte, die er designte, können via 3D-Druck realisiert werden und sind daher relativ kostengünstig. 2015 brachte ihn sein Ideenreichtum eine Einladung ins Weiße Haus ein, wo er dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama seine Visionen von einer barrierearmen Gesellschaft zeigen konnte.

Wheelchair Man

Ein weiter Ausdruck seines kreativen Schaffens ist das Comic Wheelchair Man, in dem Sayed seine eigene bewegende Geschichte verarbeitet. Wieso es in einem Land, in dem es eigentlich alles gibt, keinen Superhelden im Rollstuhl gab, war Sayed, als er in den USA ankam, nämlich unerklärlich. In Wheelchair Man spinnt er die Geschichte seines Lebens weiter und verwebt Fakten mit Fiktion und Superkräften. Die Inhalte und Dialoge des Comics stammen von ihm selbst; unterstützt wird er bei seiner Arbeit von Comiczeichner Arielle Epstein und dem Team seiner neu-gegründeten Firma RimPower.

Der Klappentext ließt sich wie folgt: „Wheelchair Man ist die Geschichte einer zerstörten Kindheit und dem steinigen Weg zum Superhelden. Als Moh noch sehr jung ist, muss er sich den ultimativen Konsequenzen des Krieges stellen. Seine Kindheit findet aufgrund der allgegenwärtigen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ein jähes Ende. Indem er es schafft mit den physischen Behinderungen und dem Verlust, den er erlitten hat, zurande zu kommen, entwickelt Moh außergewöhnliche Fähigkeiten. Diese versetzen ihn dazu in die Lage, anderen, die ein ähnliches Schicksal ob der Grausamkeit des Krieges erlitten,  zu helfen und sie zu beschützen.“

Wheelchair Man ist ein Superheld der anderen Art und seine Superkräfte sind einzigartig. Gut, er kann das gängige Zeug, wie fliegen und seine Rollstuhlreifen als Schutzschild verwenden, aber das ist nicht alles:

  • Wheelchair Man kann Menschen die Konsequenzen ihrer Taten erkennen lassen, bevor sie sie begehen.

Und:

  • Wheelchair Man hat die Fähigkeit keine Gewalt einzusetzen.
    Nicht nur in der Welt, der Wheelchair Man entstammt und in der er seine Abenteuer besteht, in der Krieg herrscht und in der jeder Verzicht auf Gewalt als Schwäche interpretiert wird, ist das eine großartige Leistung. Auch in unserer eigenen Welt, in der es eigentlich zivilisiert und gesittet zugehen sollte, Gewalt aber allzu oft eine verbale Form annimmt und Ratschläge auch Schläge sind, könnten viele Menschen von dieser besonderen Fähigkeit profitieren und mit ihrem Einsatz die Erde zu einem besseren Planeten machen.

Die erste und zweite (englischsprachige) Ausgabe von Wheelchair Man ist online als Vielfarb- oder Schwarzweißdruck ab ca. 15 – 20 US$* (ca. 13,20 – 17,50 €) zzgl. Versandkosten zu beziehen. Downloads stehen für 10 bzw. 20 US$ ( 8,80 – 17,50 €) zur Verfügung

Auch Wheelchair Woman und Wheelchair Kid sind in Planung. Sayed hofft mit seiner Arbeit vor allem Kindern mit Behinderungen eine Botschaft der Hoffnung und des Empowerments zu vermitteln. Er möchte dazu beitragen, dass andere Menschen physische Herausforderungen wie traumatische Querschnittlähmungen annehmen und daran wachsen, so wie er es getan hat. Zudem hofft er nicht nur, betroffenen Kindern und Erwachsenen dabei helfen zu können neue Hoffnung und ein neues Selbstvertrauen aufzubauen, er wünscht sich auch, dazu beitragen zu können das Bewusstsein über die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen zu stärken.

Das Ziel von Wheelchair Man

Die erste Ausgabe von Wheelchair Man soll noch 2017 realisiert werden. Sayed möchte, dass seine Comics nicht nur in Querschnittzentren und Rehabilitationseinrichtungen in den USA ausliegen, sondern auch in Entwicklungsländern, wo Behinderte oft als Ausgestoßene behandelt werden.

Wer die weitere Realisierung von Wheelchair Man und Co. finanziell unterstützten möchte, kann dies unter Gofundme.com tun. Knapp die Hälfte der benötigten Mittel hat Sayed durch diese Foundraising-Kampagne schon erreicht.

Für Beispieltexte aus dem Comic siehe: www.rimpower.org

 

*Stand: Feb. 2019

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