Erste Erfolge bei Stammzellentherapie

Kristopher Boesen ist ein US-amerikanischer Tetraplegiker, der sich als einer der ersten Patienten weltweit einer Stammzellentherapie unterzog. Seine Lähmungshöhe konnte um zwei Segmente gesenkt werden.

Stammzellen bergen das Potential sich in verschiedenartige Körperzellen zu verwandeln. Diese Zellen könnten theoretisch dabei helfen beschädigtes Gewebe zu reparieren oder zu ersetzen. Nach Jahrzehnten der Forschung wird die Theorie seit wenigen Jahren am Patienten getestet.

Im März 2016 hatte Kristopher Boesen einen schweren Autounfall, bei dem er sich den Hals brach. Als Folge musste der junge Mann beatmet werden und war unterhalb der Lähmungshöhe fast vollständig bewegungsunfähig mit Ausnahme des linken Arms, den er heben und senken konnte.

Der Neurochirurg, der Boesen nach seinem Unfall behandelte, erkannte beim Einrichten der Halswirbel, dass der junge Mann möglicherweise ein geeigneter Kandidat für die Stammzellentherapie sein könnte, mit denen die Klinik Keck Medicine of USC zu der Zeit Versuche unternahm.

Die Methode unter der Studienleitung von Neurologe Charles Liu sieht vor Stammzellen direkt ins Rückenmark zu spritzen. Ziel des Eingriffs sollte einerseits der Beweis sein, dass die Anwendung für Menschen sicher sei. Andererseits bestand auch die Hoffnung, dass Boesen eine gewisse Mobilität in den oberen Extremitäten zurückerlangen könnte. Liu erklärte, dass der Eingriff den Unterschied machen könnte, zwischen einer fast vollständigen Lähmung und einer tieferen Lähmung mit der Möglichkeit die Hände und Finger zu benutzen und den Rollstuhl anzutreiben oder ein Telefon verwenden zu können.

Ganz risikofrei ist der Eingriff laut Verantwortlichen allerdings nicht: Boesen hätte die zunächst gegebene Restfunktion seines linken Armes einbüßen können. Zudem sei immer die Möglichkeit gegeben, dass Stammzellen sich zu einem Tumor entwickelten.

Die Operation wurde vier Wochen nach dem Unfall vorgenommen, als Boesen nicht mehr künstlich beatmet werden musste sowie sprechen und seine Zustimmung geben konnte.

Die Methode

Liu und sein Team arbeiten mit Oligodendrozyten-Vorläuferzellen (oligodendrocyte progenitor cells kurz: OPCs). Oligodendrozyten sind bestimmten Gliazellen im Gehirn und Rückenmark, die die Nervenzellfortsätze mit einer Isolierschicht (Myelin) umhüllen, was zu einer schnelleren und zuverlässigeren Impulsweiterleitung führt. Die Wissenschaftler glauben, dass diese im Labor gezüchteten OPCs nicht nur die beschädigte Isolierung reparieren können, sondern es auch Blutgefäßen wieder den Weg in die Verletzungsstelle ebnet. Zudem setzen sie Substanzen frei, die Nerven nähren und haben so das Potential fast abgestorbene Zellen wiederzubeleben.

Der Eingriff konnte in den ersten Tagen und Wochen nach dem Eintritt der Querschnittlähmung nicht durchgeführt werden, da Schwellungen und Entzündungen im Rückenmark ein Ansiedeln der Stammzellen verhindert hätten. Für Verletzungen, die allerdings länger als einen Monat zurück liegen, taugt die Methode auch nicht, da das an der Verletzungsstelle entstehende Narbengewebe einen negativen Einfluss auf die Stammzellen haben würde.

Die Ergebnisse

Bei dem Eingriff im April 2016, bei dem Boesens Atmung kurzzeitig ausgeschalten werden musste, um Bewegungen zu verhindern, wurde Boesens Nacken geöffnet, eine Nadel ins Rückenmark eingeführt und 10 Millionen Stammzellen eingespritzt. Liu sagte: “Gewöhnlich wird bei einer Rückenmarksverletzung ein operative Eingriff vorgenommen, mit dem die Wirbelsäule stabilisiert wird, der allerdings nicht dazu beiträgt motorische oder sensorische Funktionen zu verbessern. Mit unserer Studie testen wir ein Vorgehen, mit dem neurologische Funktionen evtl. wiederhergestellt werden können.”

Nach dreiwöchiger Physiotherapie zeigten sich erste Verbesserungen und nach zwei Monaten intensiven Trainings von Bewegungen in Bereichen täglichen Lebens hatte sich Boesens motorische Fähigkeiten deutlich verbessert: Er konnte das Telefon abnehmen, seinen Namen schreiben, selbstständig essen und einen Elektro-Rollstuhl bedienen konnte.

Seine Lähmungshöhe konnte um zwei Rückenmarksegmente gesenkt werden, was dem jungen Mann eingeschränkte Bewegungsfähigkeit der oberen Extremitäten und damit eine gewisse Unabhängigkeit ermöglicht. Dies seien laut Liu signifikante Verbesserungen, die vom normalen Regenerationsprozess abweichen würden. Trotzdem räumt Liu ein, dass sie auch Teil des natürlichen Verbesserungsprozesses sein könnten.

Angemerkt werden muss, dass es während der ersten paar Monate nach Eintritt einer Querschnittlähmung im Laufe der Rehabilitation zu Verbesserungen des Lähmungsbildes und zum Wiedererlangen von Funktionen kommen kann, vor allem wenn es sich um eine inkomplette Lähmung handelt (siehe: Die inkomplette Querschnittlähmung). Inwieweit Boesen ohne die Stammzellentherapie Funktionen hätte zurückerlangen können, kann nicht gesagt werden.

Obwohl die Ärzte keinerlei Voraussagen machen können, ob und wie sich Boesens Zustand weiter verbessern wird, wollen sie laut Liu und seinem Team die Stammzellenforschung gezielt fortführen, um die Wahrscheinlichkeit ein Heilmittel für Querschnittlähmung zu finden zu verbessern.

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