Dergin Tokmak: Tänzer auf Krücken

Dergin Tokmak gehörte sieben Jahre als einziger deutscher Artist und als einziger körperbehinderter Künstler zum Ensemble des Cirque du Soleil. Seine Erfahrungen beschreibt er in seiner Autobiographie „Stix: Mein Weg zum Tänzer auf Krücken“.

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„Stix: Mein Weg zum Tänzer auf Krücken“ ist die 2012 erschienenen Autobiographie, des gelähmten Breakdancers Dergin Tokmak, der es als erster Deutscher schafft in den erlauchten Kreis der Akrobaten des weltberühmten Cirque du Soleil aufgenommen zu werden. Tokmak wurde als Kind türkischer Einwanderer 1972 in Augsburg geboren. Daran, dass er Tänzer werden könnte, war zunächst nicht zu denken, da er aufgrund einer Polioerkrankung, die er sich in seinem ersten Lebensjahr bei einem Besuch im Dorf seiner Großeltern zuzog, an beiden Beinen gelähmt ist. Die Einschränkungen konnten trotz mehrerer Operationen, bei denen Sehnen entfernt und verpflanzt und das Hüftgelenk mit Schrauben fixiert wurde, nicht behoben werden. Dennoch begann Tokmak bereits im Kindesalter auf seinen Gehhilfen akrobatische Kunststücke zu vollführen und zu tanzen. Als Breakdancer machte er schließlich Karriere. Seinen Weg schildert er in seiner Autobiographie und hofft vor allem eines zu sein: Ein bewegendes Beispiel für mentale Stärke, körperliche Kraft und den Glauben an sich selbst.

Aus dem Inhalt

Der Leser wird in „Stix: Mein Weg zum Tänzer auf Krücken“ zunächst in eine für die meisten vermutlich neue Welt des Street Dancings entführt. Tokmak beschreibt eingängig den Tanzstil, den er als Alternativer zur allgegenwärtigen Straßengewalt in seinem Umfeld im Trainingszentrum eines Jugendhauses kennenlernte und der sein Leben verändern sollte: „Für mich war der Breakdance die Entdeckung schlechthin, denn er ist die einzige darstellende Kunst, bei der es egal ist, wie man aussieht, ob man schwarz ist oder weiß, türkisch oder deutsch, behindert oder nicht behindert. Jeder, der seine eigenen Ideen beisteuert, kann mitmachen. … Und mit meinem Tanz auf Krücken hatte ich einen entscheidenden Vorteil: Niemand außer mir konnte so etwas bieten, ich hatte also keine Konkurrenz. Ich konnte einfach meinen eigenen Stil mit  einbringen, indem ich die Musik mit meinem Krückentanz interpretierte.“

Nach seinem Schulabschluss machte Tokmak eine Ausbildung zum technischen Zeichner in einer Bildungswerkstatt. In dieser Zeit begannen seine bundesweiten Auftritte mit seiner Hip-Hop Tanztruppe, den II Hype Dancer und führt diesen Weg später mit der Gruppe The Funky United Nation Krew fort. Mitte der 90er folgten Siege bei Tanzmeisterschaften, Fernsehauftritte und das Mitwirken in der Respekt-Kampagne der Aktion Mensch. 2003 beginnt Tokmaks Karriere im Cirque du Soleil, dem kanadischen Zirkus „der Sonne“, dessen Shows und Tourneen Elemente von Livemusik, Schauspiel, Tanz und Akrobatik verknüpfen.

Nomadenleben im Rollstuhl

Der Veranstalter suchte damals nach einem Tänzer mit Gehhilfen und luden Tokmak mach Montreal ein. Dass Tokmak im Alltag einen Rollstuhl verwendet, irritierte die Verantwortlichen beim Vorstellungsgespräch zunächst und es stand die rein praktische Frage im Raum: „Dergin, wir haben auf deinem Tape gesehen, dass du ausgeprägte akrobatische Fähigkeiten hast. Aber wir müssen möglichst alles bedenken und besprechen, bevor wir uns für einen neuen Mitarbeiter entscheiden. Kämst du mit dem Rollstuhl überhaupt klar, wenn wir auf Tour sind?“

Nachdem Tokmak seinerseits die Für und Wider der Rolle, die im angeboten wurden, abgewägt hatte, entschied er sich für das Nomadenleben im Rollstuhl, bei dem er über ein Jahr von zuhause weg sein und über 400 Vorstellungen tanzen würde, und nahm die Rolle des „hinkenden Engels“ an. Mit blauweißgeschminktem Gesicht und nacktem Oberkörper begeisterte er das Publikum weltweit in einer über fünf Minuten andauernden Nummer, die von jedem Artisten das äußerste fordern würde.

In seinem Buch spricht Tokmak von dem harten Training, den Herausforderungen an seinen Körper, den Rückschlägen, dem Sturz, der seiner Karriere im Cirque du Soleil fast ein Ende bereitet hätte bevor sie überhaupt angefangen hatte, von der Verletzung, den schmerzhaften Konsequenzen und der Reha und dem anschließenden Wiedereinstieg in das Training und schließlich seine Rückkehr zur Show. Tokmak schreibt: „Der hinkende Engel war gestürzt, aber er hatte sich wieder aufgerappelt. Die Show würde weitergehen – auch für mich.“

Dass der Weg, den er gewählt hat, kein leichter war, wird deutlich. Ebenso deutlich wird, dass Tokmak aus dem besonders harten Holz ist, aus dem Zirkusartisten nun mal geschnitzt sein müssen, um ihren harten Alltag zu überstehen. Seine Behinderung jedenfalls war für ihn nie ein Grund aufzugeben. Sein Wille, seine Zähigkeit, sein Mut und seine Leistungsbereitschaft, haben ihm den Erfolg eingebracht, denn er sich wünschte, als er als Kind mit dem Tanzen auf Krücken anfing. Sie verdienen Respekt und Anerkennung. Und sie fordern ein Nachahmen heraus, hofft Tokmak, anderen zeigen zu können, dass ein fester Glaube an die eigenen Fähigkeiten jedes Ziel erreichbar macht.

Seit 2011 lebt und arbeitet Tokmak wieder in Deutschland. Auf seine Website Stixsteps.de schreibt er: „Ich will die nächste Generation inspirieren… so können die Menschen sehen, dass keine Behinderung zu groß oder einschränkend ist, um jemand vom Tanzen abzuhalten. Meine Hoffnung als Künstler ist, der Welt zu zeigen, dass es in jedem Menschen eine schöpferische Seele gibt, ganz gleich ob er eine Behinderung hat, oder nicht.“

Das Buch

  • Stix: Mein Weg zum Tänzer auf Krücken
    • Von: Dergin Tokmak
    • Seiten: 256
    • ISBN: 978-3424151251
    • Preis: ca. 13 Euro (Stand: April 2017)