Kinästhetische Grundlagen anwenden: Der Transfer

Den kinästhetischen Knietransfer gibt es gar nicht“, sagen Kinästhetik-Experten und wollen das Konzept damit vor einer Reduzierung auf starre Techniken bewahren. Jede Anwendung sei hochspezifisch und ansonsten geradezu gefährlich. Die Kinaesthetics-Trainerin Anette Vogel zeigt, worauf es beim Transfer nach kinästhetischem Konzept ankommt.

Wer sich mit Kinaesthetics (die Bezeichnung des Kinaesthetics Verein Deutschland e.V.) oder Kinästhetik befasst, stellt fest, dass es sich dabei mehr um eine Herangehensweise als um eine Technik handelt. Zwar erfahren Trainer auch zahlreiche Möglichkeiten, Bewegung zielgerichtet einzusetzen, zugleich wissen sie, dass das nicht schematisch geht. Dass es sogar gefährlich sein kann, ein Muster anzuwenden, ohne die vielen Faktoren zu berücksichtigen, die eine Situation von der anderen unterschieden können. Dazu gehören nach kinästhetischem Konzept:

  • Umgebung
  • Interaktion
  • Funktionale Anatomie
  • Menschliche Bewegung
  • Anstrengung
  • Menschliche Funktion

Die Ursprünge der konzeptionellen Entwicklung der Kinästhetik gehen auf die US-Amerikaner Frank White Hatch und Linda Sue Maietta zurück. Für eine nähere Beschreibung siehe auch: Kinästhetische Betrachtungsaspekte in der Pflege

Man müsse verstehen, sagt die Kinaesthetics-Trainerin Anette Vogel, dass jeder Patient anders und immer auch die konkrete Situation zu berücksichtigen sei. „Morgens kann ein Patient z.B. eine andere Kraft haben als am Abend. Macht er Fortschritte oder baut er ab? Bei Menschen mit Querschnittlähmung kommen viele Faktoren hinzu, die je nach Situation variieren können.“ Das gelte für jede Bewegungsaktion. Damit diese gelinge, müssten Anwender ihre eigenen Bewegungsmöglichkeiten und -abläufe gut kennen und verstehen und ebenso alle relevanten Bedingungen eines Patienten sowie Kontextfaktoren einbeziehen.

Anette Vogel arbeitet seit 25 Jahren in der Klinik für Paraplegiologie des Universitätsklinikums Heidelberg. „Bei Menschen mit Querschnittlähmung ist von einer geringeren Knochendichte auszugehen, wenn sie schon länger betroffen sind“, sagt Vogel. „Ein Knochen bleibt gesund, wenn er aktiv Druck erfährt; den braucht er auch für seinen Stoffwechsel.“ Zugleich wirke sich vermehrte Bewegung bis in den Darm aus und fördere die Verdauung – eines der wesentlichen Themen für viele von einer Querschnittlähmung Betroffene. „Man merkt schon, wie komplex das Ganze ist“, sagt Anette Vogel. In jede Situation kommt sie mit dem Kinaesthetics-Konzeptsystem wie mit einem Instrument, das je nach Umfeld anders klingt und mit dem ganz unterschiedliche Spielarten möglich sind.

Auch in dem oben gezeigten Beispiel hat Vogel zunächst die Umgebung erfasst:

  • Bodenbeläge
  • Betthöhe/Verstellbarkeit
  • Rollstuhlbeschaffenheit u.a.

Durch ihre Erfahrung als Krankenschwester in einer Klinik für Paraplegiologie verfügt Vogel insbesondere über ein breites Wissen hinsichtlich der funktionalen Anatomie bei unterschiedlichen Läsionshöhen des Rückenmarks. In der Interaktion gewinnt sie darüber hinaus Kenntnisse über die individuellen Möglichkeiten ihres Gegenübers, über seine Tagesform, ggf. vorübergehende Komplikationen wie Dekubiti sowie persönliche Stärken, die im Transfer nutzbar sein könnten, und mehr.

Ihr Wissen als Kinaesthetics-Trainerin über die Faktoren Menschliche Bewegung, Anstrengung und Menschliche Funktion und über ihre eigene Bewegungskompetenz gleicht Anette Vogel mit diesen Informationen ab und gewinnt so ein ganz individuelles Bild von der Situation und den Möglichkeiten des Transfers. Ihr ist es wichtig, dass der entstandene Film unter diesen Vorzeichen verstanden wird. Der Ablauf gelingt durch die vielen kleinen Anpassungen, die Vogel vornimmt und auf die sie zum Teil während des Films hinweist. Bei einer anderen Person und in einer anderen Umgebung könnten diese ganz anders aussehen. Daher ist es wichtig, den Transfer nach kinästhetischem Konzept nur unter fachkundiger Anleitung auszuführen.

Die Redaktion dankt den beiden Mitwirkenden für ihren Einsatz!

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