„Ein Mann, der fällt“ von Ulrike Edschmid

„Ein Mann, der fällt“ ist der 2017 erschienene Roman der Schriftstellerin Ulrike Edschmid, in dem sie ihre eigenen Erlebnisse nach der traumatischen Querschnittlähmung ihres Lebensgefährten aufzeichnet. Eine Geschichte, die berührt.

„Ein heißer Tag im Juli 1986. Beim Renovieren einer Berliner Altbauwohnung stürzt ein Mann von der Leiter und bleibt bewegungslos liegen. Seine Rettung ist ein Wunder – wie das Abenteuer, das folgt. Mit dem Unfall, der dem Aufbruch zweier Menschen in die gemeinsame Zukunft ein Ende gesetzt hat, beginnt etwas Neues: Die Erforschung eines unbekannten Kontinents, des eigenen Lebens.“

Soweit der Klappentext, der den Leser auf die lakonische doch eindringliche Tonalität des Romans einstimmt, in dem kaum wörtliche Rede vorkommt und der Mann, der fällt, stets namenlos bleibt.

Der Leser begegnet dem Paar, einem Architekten und einer Schriftstellerin und Textildesignerin, als es in eine Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg einzieht und dort die Renovierungsarbeiten größtenteils selbst vornimmt. Nach einem Sturz von der Leiter, ist der Mann inkomplett querschnittgelähmt und erlebt eine von Schmerzen und Unsicherheit geprägte Rehabilitation. Beide finden sich nur langsam mit der veränderten Situation ab und stellen die Endgültigkeit der Verordnung „Rollstuhl“ entgegen der Voraussagen der Ärzte infrage. An ihrer Liebe ändert die Querschnittlähmung nichts.

Ein Mann, der fällt, und ein Mann, der geht.

Die Gehfähigkeit erlangt der Mann, der fällt, aufgrund der Inkomplettheit seiner Lähmung nach intensiver Reha und Lauftraining zurück. Er kann mit Gehhilfen gehen, manchmal auch nur mit einem Stock. Doch sicher ist sein Gang nicht und es kommt zu häufigen Stürzen, von denen zwar nur wenige zu ernsthaften Verletzungen führen, die aber auch allen Beteiligten deutlich machen, dass vom Normalzustand im Leben des Mannes nicht die Rede sein kann, und dass ein Querschnittlähmung auch dann eine ist, wenn der Betroffene nicht auf den Rollstuhl angewiesen ist. Nicht zuletzt geben die häufigen Stürze Edschmids Buch seinen Namen. „Ein Mann, der fällt.“ Ein Mann, der bei seinem Sturz von der Leiter zwar auf dem Boden aufgeschlagen ist, der aber nie aufhört zu fallen. Der, vielleicht für immer, in diesem einen Moment gefangen ist, der sein Leben veränderte. Der versucht sich an der Normalität festzuhalten und trotzdem strauchelt und immer wieder fällt.

Und doch: Wenn der Teufel ihm einen Deal anbieten würde, bei dem er seine Gehfähigkeit von früher gegen seine Seele eintauschen könnte, würde er sich nicht darauf einlassen, denn „so wie es jetzt ist, sind es seine Schritte. Es ist sein Gang. Er hat ihn sich erarbeitet. Er schlendert nicht. Es ist ein bewusstes Voranschreiten, ohne Blick nach rechts oder links. Er hält sich auf den Beinen und durchmisst, Gewichte an den Füßen und vorgebeugt, einen ihm unendlich scheinenden Raum. Ein Mann, der geht.“

Edschmid gewährt dem Leser einen Einblick in ihr Leben und die Erfahrungen, die sie und ihr Lebensgefährte machten, ohne dabei je bitter oder vorwurfsvoll zu klingen. Und trotzdem ist der Schmerz, den sie gefühlt haben musste, greifbar. Etwa als sie aus dem Fenster beobachtet wie ihr Mann nach Hause kommt, seinen Sonderparkplatz besetzt vorfindet und nach einem anstrengenden Arbeitstag um sein Recht vor der eigenen Haustür parken zu dürfen kämpfen muss. „Von oben sehe ich, wie erschöpft er ist, wie schwer ihm jeder Schritt fällt. Ein Mensch, der nicht mehr kann, nur noch nach Hause will. Immer wieder deutet er auf die Schilder mit dem Rollstuhlzeichen, auf seine Stücke, auf das Schild in seinem Auto. Als ich nach unten komme, fällt das Wort ‚Polizei‘. Da gibt der junge Mann einen einzigen Laut von sich. Wie ein Zischen fährt es aus ihm heraus: ‚Nazi!‘.“ Diese Situation wird kein Einzelfall bleiben mit der Annahme, dass das Schild, das einen Sonderparkplatz ausweist, bloße Dekoration sei, in den Köpfen jeder neuen Bezugsgruppe fest verankert.

Das Haus in Charlottenburg

Neben den beiden Hauptpersonen, dem Mann, der fällt, und der Frau an seiner Seite, gibt es einen weiteren Protagonisten in Edschmids Roman. Das Eckhaus im Berliner Stadtteil Charlottenburg, das Beobachtungsstätte und Zufluchtsort ist und einen Angelpunkt darstellt in einem Leben, das durch einen Unfall auf den Kopf gestellt, erschwert und im Alltag verlangsamt wurde und das trotzdem weiterging. Das Haus, dessen Umfeld sich nach dem Mauerfall wandelt und dessen Bewohner vorüberziehen wie die Jahre selbst. Die Ich-Erzählerin sieht Menschen – junge Familien, iranische Oppositionelle, Kleinunternehmer, russische Neureiche, Roma-Flüchtlinge, chinesische Diplomaten – kommen und gehen. Beobachtet, erahnt oder erfährt persönliche Schicksale, knüpft fragile Freundschaften und verliert Menschen, mit denen sie die Nachbarschaft verband, wieder aus den Augen. Auf der Straße vor dem Haus wird das Leben schneller, lauter und roher. Verbrechen häufen sich und schockieren durch ihre Brutalität. „Dann leert sich das Haus“, so der Klappentext. „Am Ende bleibt das alte Liebespaar – und der lebenslange Versuch, standzuhalten.“

Das Buch

  • Ein Mann, der fällt
    • Von: Ulrike Edschmid
    • Seiten: 187
    • ISBN: 978-3-518-42581-7
    • Preis: ca. 20 Euro (Stand: April 2017)

„Ein Mann, der fällt“ ist ein Roman der auf wahren Begebenheiten beruht. Dennoch, so heißt es in einem Nachwort, ist keine Person, kein Ort und kein Geschehnis mit der Wirklichkeit gleichzusetzen – auch wenn sich alle beschriebenen Situationen ähnlich zugetragen haben. Bei der Ich-Erzählerin und dem Mann handelt es sich um Ulrike Edschmid und ihren Lebensgefährten, der sich vor etwa 30 Jahren eine inkomplette Querschnittlähmung zuzog.

Über die Autorin

Die 1940 geborene Ulrike Edschmid studierte Literaturwissenschaft und Pädagogik in Berlin und Frankfurt. Literarisches Aufsehen erregte sie nach mehreren veröffentlichten biographischen Erzählungen mit ihrem Briefroman „Wir wollen nicht mehr darüber reden“. In diesem 1999 erschienenen Werk stellt sie Auszüge aus der Korrespondenz von über 600 Briefen zwischen dem 1933 vom Nationalsozialismus getrennten Paar Erna Pinner und Edschmids ehemaligem Schwiegervater Kasimir vor, der dem Leser Einblicke in die Nachkriegszeit und den Wiederaufbau gewährt.

Diesem Erfolg folgten weitere Werke, von denen es einige in die Bestsellerlisten schafften, u. a. der 2013 erschienene Roman „Das Verschwinden des Philip S.“, in dem Edschmid den Tod ihres damaligen Lebensgefährten Werner Saubers verarbeitet, der Mitglied einer Terrororganisation war und 1975 erschossen wurde.

Heute lebt und arbeitet die Autorin und Textilkünstlerin mit ihrem Lebensgefährten in Berlin.

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