Rückenmarksverletzungen und Rollstühle in der Geschichte

Auch nach einer Rückenmarksverletzung ist es für Betroffene möglich ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Der Rollstuhl ist das Hilfsmittel, das den 1,5 Millionen Gehbehinderten in Deutschland maximale Mobilität ermöglicht. Doch der Weg hierher war lang.

Die Behandlung von Rückenmarksverletzungen vor Ludwig Guttmann

Rückenmarksverletzungen gab es seit Anbeginn der Menschheit, wie prähistorische Funde von Wirbelsäulen mit eingekeilten Pfeilspitzen belegen, und weitere Ursachen sind bei der belegten Nutzung von Hieb- und Stichwaffen in unserer wenig friedlichen Vergangenheit mehr als denkbar. Die älteste Beschreibung einer Querschnittlähmung findet man, laut Zäch und Koch, auf der 1930 veröffentlichten Übersetzung des Edwin-Smith-Papyrus, einem Text aus dem 16. Jahrhundert vor Christus, selbst eine Kopie eines noch älteren Textes aus dem fast 5.000 Jahre zurückliegenden alten ägyptischen Reich (Zäch/Koch, 2006).

Die Überlebenschancen im Fall einer Rückenmarksverletzung waren schwindend gering. Zwar werden die Symptome von den griechischen und arabischen Ärzten der Antike beobachtet und in ihren Werken beschrieben – und es werden auch chirurgische Eingriffe vorgenommen – doch von den Ergebnissen solcher Operationen ist nichts bekannt. Auch im Mittelalter und der Renaissance wird vereinzelt über Patienten mit Rückenmarksverletzungen berichtet; von den Ärzten werden solche Verletzungen meist als tödlich betrachtet. Die Behandlung konzentrierte sich zunächst auf die Stabilisierung der betroffenen Wirbel, später kamen Versuche zur Dekubitiusprophylaxe hinzu. Den Blasenkatheter, der bei einer Blasendysfunktion eingesetzt werden kann, gibt es allerdings (in metallener Form) schon seit der Antike.

Erst im 19. Jahrhundert verbesserten sich die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung von Verletzten mit dem Aufkommen von Anästhesie, Blutsperre und Blutleere, Antisepsis und Asepsis sowie dem Röntgenverfahren signifikant. Erstmals wurden an der Wirbelsäule eine Spina bifida und ein Rückenmarktumor operiert und die Neurologie entwickelte sich zu einem neuen, eigenständigen Fachbereich der Medizin.

Verschiedene Ärzte befassten sich mit der Problematik Rückenmarksverletzung und kamen zu neuen Erkenntnissen in Diagnostik und Akutbehandlung. Darüber ob nun der Dauerkatheter oder der intermittierende Katheterismus bei einer Blasenfunktionsstörung vorzuziehen sei, herrscht keine einheitliche Meinung, ebenso empfehlen manche beim Transport von Verletzten ein Wasserbett zu verwenden, was andere strikt ablehnen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stehen Behelfe zur Behandlung Querschnittgelähmter zur Verfügung, wie mit Rädern versehene Bahren oder Bettgalgen. Es gibt Ausführungen über Querschnittlähmungen in neurologischen Lehrbüchern; und 1918 stellt man fest, dass eine komplette Querschnittlähmung meist drei Phasen durchläuft, als erste den spinalen Schock (siehe: Der spinale Schock). Durch eine intensive Behandlung von Rückenmarksverletzten in eigens dafür vorgesehenen Einrichtungen konnten Patienten besser von geschultem Personal versorgt werden. Vor allem die urologischen Untersuchungen werden verfeinert und vervollständigt und erstmals wird bestätigt, dass das Katheterisieren nicht die einzige Ursache für die Entstehung von Harnwegsinfekten ist (Zäch/Koch, 2006).

Trotz dieser Fortschritte überlebten Menschen mit Rückenmarksverletzungen vor dem Zweiten Weltkrieg i. d. R. keine drei Monate. Gründe hierfür war das mangelnde Wissen hinsichtlich Prophylaxe und Behandlung von Komplikation und Folgeerkrankungen wie z. B. Nierenversagen, ausgelöst durch die unzureichend behandelte Blasenlähmung, Lungeninsuffizienzen oder Sepsen als Folge offener Dekubiti (Gerner, 2016). Erst mit Ludwig Guttmann und seinem beispiellosen Einsatz in der britischen Einrichtung Stoke Mandeville änderte sich die desolate Situation bei der Versorgung von Querschnittgelähmten. Siehe hierzu den Beitrag von Prof. Hans Jürgen Gerner Versorgung von Rückenmarksverletzungen gestern und heute und den Erfahrungsbericht Manfred Sauer über Stoke Mandeville.

Rollstühle in der Geschichte

Mobilität beschäftigt die Menschen schon immer. Deshalb erstaunt es nicht, dass Rollstühle seit Jahrtausenden bekannt sind: 1.300 Jahre vor Christus saßen alte oder gehbehinderte Chinesen in Sesseln mit Rollen; Abbildungen auf griechischen Vasen und Gravuren auf Sarkophagen belegen die Existenz von Möbelstücken mit Rädern“, erklärt Petr Sika in seinem Vortrag „Unbekannte Geschichte des Rollstuhles“. Tatsächlich finden sich die ältesten dokumentierten Hinweise auf rollendes Mobiliar als Inschrift auf einer chinesischen Steintafel und als Bildnis auf einer griechischen Vase. Beide Werke lassen sich auf das 6. und 5. vorchristliche Jahrhundert datieren. Drei Jahrhunderte später wurden Menschen und schwere Gegenstände in einer Art Schubkarre transportiert; wieder einige Jahrhunderte später, um das Jahr 525, entstanden Bilder in China, die belegen, dass Menschen in Stühlen mit Rädern bewegt wurden (Wikipedia, 2017).

Im Europa des Mittelalters hatten Menschen mit Behinderungen ein geringes soziales Ansehen und wurden meist sich selbst (und ihren Familien) überlassen; lediglich die reichen und/oder adligen Gesellschaftsschichten verfügten über die Mittel, die Kontakte und die Freiheit Hilfsmittel herstellen zu lassen und so Gehbehinderten aus ihren Rängen zu einer gewissen Mobilität zu verhelfen. Ein nennenswerter Aspekt der Kulturgeschichte ist hierbei der, dass die Lehne eines Stuhls oder Sessels der gesellschaftlichen Position des Sitzenden entsprach. Niederes Volk durfte keine hohe Lehne haben. Damit entfällt ein wesentlicher orthopädischer Effekt beim Rollstuhl (Homini Soluti, 2017). Natürlich kann man davon ausgehen, dass die Wohlhabenden jener Zeit sich von Dienern in Sänften umhertragen lassen hatten können, wohl auch, weil die unbefestigten, löchrigen und teils von Unrat und Schlamm bedeckten Straßen ein Fortkommen im Rollstuhl erschwert hätten. Die erste Dokumentierung eines funktionstüchtigen Rollstuhls stammt aus Venedig aus dem Jahr 1420. Das Gefährt funktionierte mit einem Seilzugantrieb und sieht wenig wendig aus.

Von einem „richtigen“ Rollstuhl konnte man auch 1595 noch nicht wirklich sprechen, als der gichtkranke König Philipp von Spanien anfing innerhalb seines Palastes ein rollstuhlähnliches Gefährt zu verwenden, mit dem es ihm möglich war, mobil zu sein und seine Regierungsgeschäfte wahrzunehmen. Der Quasi-Rollstuhl des Philipp von Spanien besaß Armstützen, eine höhenverstellbare Fußstütze und die kleinen Vorderräder waren voneinander unabhängig navigierbar. Da er aus Holz gefertigt war und über keinerlei Stoßdämpfer verfügte, war das Gefährt vermutlich nicht besonders bequem, doch es erfüllte seinen Zweck. Ein selbständiges Antreiben war allerdings nicht möglich.

1655 erfand der 22-jährige Nürnberger Uhrmacher Stephan Farfler den ersten selbst anzutreibenden Rollstuhl. Da er trotz seiner Kinderlähmung selbständig mobil sein wollte, erfand er eine ausgeklügelte Mechanik, die mit den heutigen Handbikes vergleichbar ist. Die Sitzeinheit saß auf einem dreirädrigen Chassis auf, das durch ein System aus Kurbeln und Zahnrädern angetrieben wurde. Die Handkurbel war mit dem Vorderrad verbunden.

Eine etwas modernere Optik hatte dann der ca. 1760 entstandene Bath Chair (dt. Bath Stuhl), der zunächst eine Art Mini-Kutsche für eine Person gewesen war. Erfinder James Heath aus dem Kurort Bath in England legte später eine Version nach, bei der der Stuhl von einer Hilfsperson geschoben und nicht mehr von Tieren gezogen wird. Manche Modelle verfügten über eine Steuerung, mit der der Fahrer wenigstens die Richtung, in die es ging, bestimmen konnte.

1887 wurden Rollstühle in der amerikanischen Stadt Atlantic City gehbehinderten Touristen zur Miete angeboten, sodass sie am Flanieren an der Uferpromenade teilnehmen konnten. Nichtbehinderte Touristen nutzten dieses Angebot allerdings auch und ließen sich durch die Gegend schieben.

1933 erfanden die beiden Ingenieure Harry Jennings und der querschnittgelähmte Herbert Everest, den ersten leichtgewichtigen, faltbaren Stahlrollstuhl. Everest und Jennings wurden zu renommierten und erfolgreichen Rollstuhlherstellern zu deren prominenten Kunden u. a. Franklin Roosevelt und Winston Churchill zählten.

Welche Rollstuhltypen heute zur Verfügung stehen beschreibt der Beitrag Rollstuhltypen von A-Z.

Übrigens: So gar nicht das Maß der Dinge ist die Darstellung von Rollstühlen in der aktuellen Fiktion in Buch und Film. In dem überaus erfolgreichen Fantasy-Epos „Game of Thrones“ sitzen nicht nur einer, sondern gleich zwei der Darsteller im Rollstuhl. Während einer der beiden, Doran Martel, sich noch daraus erheben kann und ihn offenbar wegen einer schwächenden Krankheit verwendet, trug der andere, Bran Stark, bei einem Sturz aus dem Fenster höchstwahrscheinlich eine Querschnittlähmung davon. Wie Bran ausscheidet oder Dekubiti vermeidet, bleibt unerwähnt. Und während seine Mobilität zunächst durch einen hünenhaften Bediensteten gewährleistet wird, verwendet er in der 2017 anlaufenden 7. Staffel einen Rollstuhl, der gar nicht mal schlecht aussieht. Er verfügt über einen hölzernen Rahmen, Arm- und Fußstützen, und die Fläche der Rückenlehne ist aus verwobenen Lederstreifen, was das Gewicht verringern dürfte. Der Rollstuhl verfügt sogar über eine Kipprolle, was überflüssig sein dürfte, da Greifreifen (und vermutlich auch die Lenkrollen) fehlen und Bran daher kaum selbständig mobil sein wird. Diese Art von Rollstuhl gab es allerdings frühestens im 19. Jahrhundert (s. o.), während die Serie ein ungefähres Äquivalent zum Mittelalter oder der frühen Renaissance darstellen soll. Natürlich handelt es sich bei „Game of Thrones“ um einen Ausbund der Fantasie, in dem feuerspeiende Echsen umherfliegen und die Toten wiederauferstehen. Eine Serie, die der Unterhaltung dienen soll und nichts weiter. Der Zusammenhang mit der wirklichen Geschichte ist also eher lose und ein historisch deplatzierter Rollstuhl ist noch der kleinste Punkt, an dem die Realität zu kurz kommt.

Für einen Bericht darüber, wie man nicht im Mittelalter, wohl aber auf Mittelaltermärkten im Rollstuhl klarkommt, siehe: Im Rollstuhl ins Mittelalter

 

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