Im Rollstuhl ins Mittelalter

Auf die Frage wie rollstuhlgerecht wohl das Mittelalter gewesen sein mag, drängt sich folgende, offensichtliche Antwort auf: Nicht sehr. Wie aber sieht es mit den deutschlandweit seit Jahren beliebten Mittelaltermärkten und Renaissance-Festivals aus? Rollstuhlfahrerin Sandra Heidemann erzählt.

Sandra Heidemann hat ein ungewöhnliches Hobby. Sie kleidet sich gerne in mittelalterlicher Gewandung, nächtigt in Zelten und flicht Körbe. Nebenbei sieht sie ihrem Mann und ihrem besten Freund zu, wie sie sich im Schwertkampf üben, nimmt Speis und Trank aus irdenen Bechern und Schüsseln zu sich und hört auf den Namen Ealaine Nachtigall. Das alles tut sie im Rahmen von Veranstaltungen zum bunten Thema „Mittelalter“. Dass sie im Elektro-Rollstuhl sitzt, stellt dabei kein Problem dar, das man nicht lösen könnte. Meistens jedenfalls.

Sandra, wie bist du zum Hobby „Mittelalter“ gekommen?

Dazu gekommen bin ich durch meinen Mann, Simon, und meinem besten Freund Robert. Robert war schon lange vor uns an dem Thema interessiert. Eines Tages waren wir, mein Mann und ich, dann auf einer Veranstaltung, wir haben uns mit einer Truppe unterhalten, es wurde spät, Robert hatte sowieso vor zu übernachten und man sagte uns: „Bleibt doch auch da!“ Simon war sofort Feuer und Flamme und entschied, dass wir tatsächlich bleiben würden. Er saß dabei aber den Märchen auf, die in so ziemlich jedem Buch und jedem Film zum Thema Mittelalter oder Fantasy erzählt werden, nämlich, dass man locker in nur eine Decke gehüllt auf dem Boden schlafen kann und am nächsten Tag fit ist. Ich hatte ja immerhin meinen Rollstuhl, der die Nässe und Kälte von unten abhielt. Aber meinem Mann, der auch eine Tetra-Spastik hat, aber Fußgänger ist, tat die Idee am nächsten Morgen schon leid. Die Kälte und die Feuchtigkeit kriechen nachts aus dem Boden und in die Knochen und man wird davon ganz steif. Wir waren den ganzen nächsten Tag das Gespött des Lagers. Man braucht Felle und ordentliche Decken, um im Freien zu übernachten. (lacht) Inzwischen sind wir damit voll ausgerüstet. Mein Mann hat sogar ein Seilbett, das sich einfach auf- und abbauen lässt. Ein modernes Feldbett geht natürlich auch, aber das ist nicht authentisch. Wenn man also Leute in sein Zelt gucken lassen will, sollte man zusehen, dass man es mit Decken und Fellen verkleidet, damit es nicht zu unzeitgemäß aussieht.

Ihr seid Teil einer ganzen Gruppe …

Ja, wir sind ein Heer- bzw. ein Söldnerlager von mehreren Leuten. Wir sind sozusagen Mittelalter zum Anfassen und wollen den Menschen die Dinge zeigen, wie sie wirklich waren, wir wollen erklären und mit Klischees aufräumen. Zum Beispiel zog man im Mittelalter nicht einfach an, worauf man gerade Lust hatte. Dunkle, satte Farben wie Dunkelblau und Purpur waren dem Hochadel vorbehalten, Braun war für Bauern, Hellblau für Kaufleute … und mit Gelb musste man vorsichtig sein, weil das in manchen Städten die Farbe der Prostituierten war.

Oft werden wir auch mit Fragen konfrontiert, die wir zunächst gar nicht fassen können. Einmal fragte ein kleines Kind, ob unser Feuer echt sei. Bevor wir etwas sagen konnten, meine ihr Vater „Nee, das kannst du ruhig anfassen.“ Aber natürlich ist unser Feuer echt! Wir kochen unser Essen darauf! Ein andermal war ein Jugendlicher davon überzeugt das Kettenhemd meines Mannes sei nicht echt. Er durfte es mal anprobieren und ging unter seinem Gewicht in die Knie. Wir bemühen uns wirklich so authentisch wie möglich zu sein, um einen Eindruck zu vermitteln, wie die Dinge im Mittelalter tatsächlich gewesen sind.

Neben dieser „Aufklärungsarbeit“ sorgen wir auch für Unterhaltung. Mein Mann, der im Lager den Namen Raphael vom See trägt, nimmt z. B. an Schaukämpfen teil. Die Choreographie studiert er zusammen mit Robert ein, der unser Schwertmeister nach dem Kodex Beli ist. Zudem hat Simon Modern Arnis, eine philippinische Schwertkampfkunst, gelernt und flicht diese Elemente ein, wo er kann. Auch im Bogenschießen übt er sich und insgesamt kann man sagen, dass wir durch dieses Hobby viel abenteuerlustiger geworden sind.

Raphael vom See und Schwertmeister Kajin von Sorkifalud (Robert)

Was ist deine Aufgabe im Söldnerlager?

Ich mache den typischen Frauenkram. Nicht weil die Mädels bei uns nicht kämpfen oder mit Bogen schießen dürfen, sondern weil ich körperlich nicht dazu in der Lage bin. Ich kümmere mich also um Handarbeiten und Korbflechten. Und ich erfinde Märchen, die ich dann den Kindern erzähle; allerdings nur, wenn es vom Veranstalter her ok geht und ich anderen Märchenerzählern damit nicht in die Parade fahre. Meine Hauptaufgabe liegt während des Lagers darin, mich mit den Besuchern zu befassen: Fragen beantworten, Interesse wecken, erklären, und zeigen. Meine Schwerpunkte sind dabei die Handarbeiten und Ausrüstungspflege oder einfach nur historische Fakten.

Hinter den Kulissen kümmere ich mich im Übrigen um unsere Website: www.dieerbenderbojer.de

Die Waffen und Rüstungen kann ich den Besuchern natürlich auch erklären, obwohl ich sie selber nicht benutze. Allerdings dürfte ich sie nicht aus der Hand geben, da ich selbst keine eigenen besitze und bei uns gilt: „Nur die eigenen Sachen gibt man aus der Hand.“ Es gilt außerdem: „Wer eine Waffe besitzt, muss wissen, wie man damit umzugehen hat.“

Ich würde auch Kleider nähen, aber ich musste schnell feststellen, dass der Stoff zu schwer ist, als dass ich damit umgehen könnte. Meine Kleider hat alle mein Mann genäht. Aus Stoffen, die er mir zum Hochzeitstag geschenkt hat.

(seufzt) Oh, so, das ist aber wirklich nett!

(lacht) Ja, nicht wahr?

Stellt der Rollstuhl bei deinem Hobby ein Problem dar?

In der Umsetzung nicht. Mein Alltag findet im Rollstuhl statt. Wieso sollte er dann hier eines sein? Ich brauch z. B. kein Lager. Ich stelle einfach die Rückenlehne des Rollstuhls ganz runter und kann dann darauf schlafen. Die Toilettensituation lässt sich lösen. Dass ich im Rollstuhl unterwegs bin scheint, denke ich mal, auch keinen zu stören.

Es gibt aber leider auch Negativbeispiele. Der Veranstalter des Mittelalterfestes in Worms z. B. hat unsere Truppe abgelehnt. Wegen mir. Weil ich im Rollstuhl sitze.

Weil es ein Elektro-Rollstuhl ist? Hätte man Dich denn akzeptiert, wenn Du einen manuellen Rollstuhl fahren würdest?

Nein. Rollstühle seien nicht authentisch, hieß es. Wir waren ganz schön enttäuscht. Worms ist eine der größten Veranstaltungen und wegen der räumlichen Nähe wäre es für uns praktisch ein Heimspiel. Leider wollen sie uns nicht.

Rollstühle gibt es aber schon eine Weile …

Ja, aber keine aus Alu. Wenn ich mir einen Holzrollstuhl bauen lassen würde, wäre ich willkommen. Ich kenne sogar jemanden, der das hat machen lassen. Auf Dauer bequem ist das aber nicht. Die Veranstalter in Worms wollen übrigens auch keine Leute mit Brille. Denen wird nahegelegt doch Kontaktlinsen zu tragen. Oder Holzbrillen. Die gibt es auf manchen Märkten sogar zu kaufen. Billig sind sie aber nicht …

Siehe auch: Rückenmarksverletzungen und Rollstühle in der Geschichte

Ealaine und ihre mutigen Mannen.

Wie rollstuhlgerecht sind Mittelaltermärkte für Teilnehmer und Besucher?

Das kommt auf den Veranstalter und den Veranstaltungsort an. Wenn das Fest auf einer Burg stattfindet, sieht es nicht so toll aus. Da gibt es Treppen, Stufen, Schwellen, enge Torbögen … Der Burghof ist oft uneben und manchmal nicht befestigt …

Veranstaltungen auf z. B. Plätzen oder Messegeländen sind von der Örtlichkeit her einfach flacher und mit dem Rollstuhl kommt man auf den Wegen ganz gut klar. Wenn man am Lagerleben teilnimmt, muss man natürlich auf die Zeltbefestigungen achten, die es überall kreuz und quer gibt. Aber das geht schon.

Die Toilettensituation ist ganz unterschiedlich. Unschönerweise denken gerade die großen Veranstalter nicht immer daran für ein Rollstuhl-WC zu sorgen. Darmstadt wäre da ein Beispiel. Für mich ist das kein Problem. Für unser Zelt habe ich einen umgebauten WC-Rollstuhl. Die Rollen unten sind entfernt und die Stuhlbeine werden im Boden verankert, so dass der Stuhl nicht wegrutschen kann. Aber für Besucher im Rollstuhl ist das wirklich nicht so toll.

Bei kleineren Veranstaltungen klappt das alles aber oft ganz unkompliziert. Als Teilnehmer krieg ich meistens schon beim Aufbauen einen Schlüssel für z. B. das Gemeindehaus, wo es behindertengerechte Toiletten gibt. Den kann ich dann nutzen, wann immer ich will und geb‘ ihn halt wieder ab, wenn wir abreisen. Natürlich muss man vorher fragen, aber das ist ja kein Ding. Außerdem brauche ich für meinen E-Rolli eine Stromleitung, denn irgendwann muss ich ja mal aufladen. Die wird uns dann vom Veranstalter zum Zelt gelegt. Was auch meist gar kein Thema ist …

Können Rollstuhlfahrer beim Eintritt mit einer Ermäßigung rechnen?

Nicht überall. Ob man als Rollstuhlfahrer eine Ermäßigung auf den Eintritt erhält, oder ob eine Begleitperson umsonst oder ermäßigt mitkommen kann, ist ganz unterschiedlich geregelt. Oft ist es so, dass ich eine Ermäßigung bekomme, weil ich in Gewandung komme. Und die ist oft günstiger als die Ermäßigung für den Schwerbehindertenstatus. (lacht) Kombinieren kann man die beiden Ermäßigungen übrigens nicht.

Gibt es spezielle Veranstaltungen, von denen du denkst, dass sie für Rollstuhlfahrer besonders empfehlenswert sind?

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen und da eben nur bei den Märkten, auf denen ich selbst schon gewesen bin.

Regelmäßig gehen wir z. B. zu den Highland Games nach Weinheim. Das Spektakel findet auf einem Schulgelände statt und ist recht flach und die Wege sind gut befahrbar.

Die Veranstaltung in Lampertheim ist bedingt geeignet. Die Wiese ist abschüssig. Da könnte man im Rollstuhl erstmal Hilfe brauchen. Und wenn man eine Toilette braucht, muss man runter vom Gelände und ins nahegelegene Freibad. Die lassen einen da dann aber gerne umsonst rein.

In Mannheim findet immer im März ein Mittelaltermarkt statt. Im Herzogenriedpark, wo alles ebenerdig ist. Und für Menschen mit Behinderungen ist der Eintritt frei.

Das Ritterfest in Angelbachtal ist auf einem weitläufigen Gelände und die Wege sind gut befahrbar. Es gibt auch ein Behinderten-WC in der Nähe, das auch groß genug für den Rolli ist – leider gibt es keine Griffe zum Übersetzen. Wer nicht so fit ist, wird da schon Hilfe brauchen. Die Ermäßigung beim Eintritt ist aber kaum der Rede wert. Da ist es schon günstiger, wenn man in Gewandung kommt.

Dann gibt es da noch das Mittelalter Phantasie Spectaculum in Speyer und Karlsruhe. Die Gelände sind super; in Speyer gibt es eine Behindertentoilette direkt am Dom, für die man allerdings einen Euro-Schlüssel braucht. Bei den Veranstaltungen gibt es aber auch rollstuhlgeeignete Dixi-Klos. Und wenn mal keine aufgestellt werden können, teilt das der Veranstalter auf seiner Website vorher mit.

Dann ist da natürlich noch das Spectaculum in Worms wo wir, was die Inklusion beim Heerlager angeht, ja keine guten Erfahrungen gemacht haben. Aber als Besucher kann man gut hin.

Sehr zu empfehlen ist auch der Mittelalterpark Adventon bei Osterburken, der von April bis Oktober an jedem Wochenende geöffnet hat. Die Wege sind gut befahrbar, ein Behinderten-WC ist vorhanden und man kann dort wirklich hautnah miterleben, wie das früher so war.

Gibt es eine Vernetzung zwischen Menschen mit Behinderungen, die dein Hobby teilen?

Ich bin ganz sicher nicht die einzige Rollstuhlfahrerin und nicht die einzige Behinderte, die sich das Mittelalter zum Hobby gemacht hat. Wer Interesse hat: Es gibt eine facebook-Gruppe: „Mittelalter mit Behinderung erleben“. Hier können sich Betroffene austauschen. Wer auf einer bestimmten Veranstaltung war, berichtet von seinen Erfahrungen, sagt was gut war und was nicht, worauf man achten muss … Wer neu ist, kann einfach fragen, und wer schon länger dabei ist, gibt dann halt die Antworten.

Ealaine Nachtigal

Hättest du einen Rat für Rollstuhlfahrer, die es auch mal mit dem mittelalterlichen Heerlagerleben probieren möchten?

Alleine ist es sicher schwierig. Man braucht eine Gruppe, die einen aufnimmt, anleitet und unterstützt. Das gilt aber für alle, auch für Menschen ohne Behinderung. Generell würd ich einfach mal fragen, ob ich in einer Gruppe mitmachen kann. Mehr als nein sagen können die Leute ja nicht. Aber davor sollte man wirklich keine Angst haben oder denken „Weil ich im Rollstuhl bin, wollen die mich eh nicht.“ So ist es nicht.

Ich selbst bin viel auf Hilfe angewiesen und da unterstützt mich, was die Pflege angeht, vor allem ja mein Mann. Aber wer sich gut um sich selbst kümmern kann, sollte keine Probleme haben. Und wenn man mal Hilfe braucht, dann kann man ja fragen. Die Hilfe wird man bestimmt kriegen! Man muss nur mit den Leuten reden. Ich habe noch nie so viele offene und hilfsbereite Menschen kennengelernt wie in dieser Szene. Es ist wirklich wie eine eigene kleine superfreundliche Welt.

Vielen Dank für das Gespräch!

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