Querschnittlähmung und Körperbild

Den eigenen Körper mögen, obwohl er nicht dem Idealbild entspricht – wie geht das? Anna-Katariina Koch befasst sich in einem Fachbuch-Beitrag („Funktionales Verhaltensmuster ‚Selbstwahrnehmung und Selbstbild‘ – Körperbild“) mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers bei Querschnittlähmung.

Anna-Katariina Koch ist Krankenschwester und arbeitete u.a. einige Jahre am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke auf der Station für Rückenmarksverletzte. In ihrem Beitrag für den Band „Pflege von Menschen mit Querschnittlähmung“ beschreibt sie zunächst, was das menschliche Körperbild ausmacht, wendet sich dann den besonderen Veränderungen bei Menschen mit einer Querschnittlähmung zu und nennt Hinweise auf Störungen einer positiven Selbstwahrnehmung. Schließlich setzt sie sich mit der Frage auseinander, wie diese positive Selbstwahrnehmung dennoch gelingen kann und welche Rolle insbesondere Pflegende dabei einnehmen können.

Mein Körperbild

Das eigene Körperbild setze sich, so Koch mit Bezug auf Price (1990), aus drei Komponenten zusammen:

  • Die „Körperrealität“: Fähigkeiten und Defizite des eigenen Körpers, die je nach Interpretationen des Einzelnen mehr oder weniger weit vom Ideal entfernt liegen.
  • Das „Körperideal“: die Idee eines optimalen Körpers, beeinflusst durch kulturelle und soziologische Einflüsse.
  • Die „Körperpräsentation“: die Möglichkeit durch Kleidung, Gang, Bewegungen oder die Art zu sprechen positiv wahrgenommene Aspekte des Körpers zu betonen und andere zu kaschieren. Sie kann die Diskrepanz zwischen Idealbild und subjektiver Körperrealität relativieren.

Daraus erwachse die Art und Weise, in der sich ein Mensch selbst sehe und glaube, von anderen gesehen zu werden – das Körperbild.

Anzeichen einer Körperbildstörung können sich mit denen einer Depression überschneiden

Bin das noch ich? – Folgen der Körperbildveränderung

Als folgenreich für das Körperbild betrachtet Koch nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung besonders folgende Veränderungen:

  • das Angewiesensein auf den Rollstuhl;
  • Verlust der Mastdarm- und Blasenkontrolle;
  • sexuelle Dysfunktionen;
  • weitere sichtbare Veränderungen, wie Atrophien

Diese Veränderungen durch eine Rückenmarksschädigung müssen nicht zwangsläufig zu einer Körperbildstörung führen, allerdings muss sich jede Person mit traumatischer Querschnittlähmung mit der neuen körperlichen Situation auseinandersetzen. Die eindeutige Zuschreibung von Symptomen auf eine Körperbildstörung sei nicht immer einfach, so Koch, da sie auch mit den Anzeichen für eine Depression vermischt sein könnten.

Koch beschreibt Warnzeichen, die auf eine Störung der positiven Selbstwahrnehmung hinweisen können:

Sich nicht betrachten und berühren wollen: Dies könne auch das Spiegelbild betreffen und eine Differenzierung in betroffene und nicht betroffene Körperpartien umfassen. „Ebenso kann es vorkommen, dass Querschnittgelähmte ungern ihre gelähmten Körperpartien berühren. Im Alltag kann sich dies z.B. im Verweigern der Körperpflege äußern“

Nicht über Behinderung reden wollen: Koch führt diese Reaktion u.a. darauf zurück, dass eine Person (noch) nicht bereit ist, sich der Gruppe der Menschen mit Behinderung  zugehörig zu fühlen.

Die eigene Körperpflege vernachlässigen Als extremer Ausdruck einer Körperbildstörung könne es dazu kommen, dass Betroffene die Sorge für den eigenen Körper und seine Pflege verweigerten.

Soziale Isolation: Ursache könne u. a. sowohl die Scheu sein, sich in der Öffentlichkeit im Rollstuhl zu zeigen, als auch die Angst vor ungewolltem Harn- oder Stuhlverlust, insbesondere wenn der Umgang mit beidem noch neu ist.

Mit dem neuen Körperbild umgehen

Eine Störung des Körperbildes ist kein Phänomen, das nur bei Menschen mit einer Behinderung auftritt. Beeinflusst durch z. B. Schönheitsideale in den Medien gerät die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper geradezu zum Massenphänomen und kann in extremen Fällen eine Körperbildstörung umfassen. Nach einem Unfall oder einer Krankheit mit der Folge einer Querschnittlähmung treten die Veränderungen des Körpers jedoch abrupt und gravierend auf und fordern eine Auseinandersetzung ein. Eine daraus resultierende Störung des Körperbildes könne sich über Jahre verfestigen, wenn Strategien zur Akzeptanz von Funktionsverlusten und sichtbaren Veränderungen fehlen. So zitiert Koch eine 50-jährige Frau, die die Hälfte ihres Lebens im Rollstuhl saß und davon überzeugt war, aufgrund ihrer körperlichen Behinderung bereits auf den ersten Blick für viele Menschen als potenzielle Partnerin auszuscheiden.

Die Autorin sieht die Möglichkeiten der betroffenen Person, auf den zweiten Blick zu überzeugen, durch die eigenen Vorurteile verbaut. Denn der erste, optische Eindruck sei selbstverständlich nicht unüberwindbar. Auch in Bezug auf sexuelle Dysfunktionen und die Selbstwahrnehmung als sexuelles Wesen geht Koch von Hemmnissen aus, die u. U. bei den Betroffenen selbst liegen: „Sind ‚Behinderte‘ asexuelle Wesen? Kann eine Rollstuhlfahrerin sexy sein? Verneint eine querschnittgelähmte Person innerlich diese Fragen, verwehrt sie sich selbst die Chance, ihre Sexualität neu zu entdecken und auszuleben“

Auch Kleider machen Leute

Positive Auseinandersetzung unterstützen

Positiv bewertet Koch Strategien Betroffener, etwaigen Vorurteilen entgegenzuwirken. Als Beispiel nennt sie die positive Wirkung einer sorgfältigen Körperpräsentation, von der Frauen im Rahmen einer qualitativen Studie (Chau et al., 2008) berichteten. Schicke statt zweckmäßiger Kleidung, Schmuck und Styling spielten zudem eine wichtige Rolle beim Prozess, den „neuen“ Körper anzunehmen.

Die Körperpräsentation erfüllt aus Sicht der Autorin also nicht nur eine langfristige Funktion zur Veränderung von Fremdwahrnehmung, sondern auch als Bewältigungsstrategie. Pflegende in Rehabilitationseinrichtungen – also die Adressaten des Buches – könnten hier unterstützend zur Seite stehen, indem sie neben funktioneller Kleidung auch den Gebrauch anderer Kleidung anregten, bzw.  Patienten und Patientinnen nicht in ihrem Wunsch ausbremsten, etwas anderes als den praktischen Trainingsanzug zu tragen.

Zu den wichtigen Grundlagen, die eine Akzeptanz des veränderten Körpers begünstigen können, gehört nach Koch das Verständnis für die beschriebenen Veränderungsprozesse. Sie verweist auf erfolgreiche Beispiele in Dänemark, wo alle Rehabilitanden verpflichtend einen Kurs über die Folgen einer Rückenmarksverletzung zu besuchen hätten. Auch das Thema Sexualität sei dort zumindest in einem informativen Rahmen ein Aspekt.

Was Pflegende tun können

Als Krankenschwester machte Anna-Kathariina Koch sich natürlich Gedanken darüber, wie Pflegende ihre Patienten bei der Akzeptanz ihres Körpers und in der Annäherung an diese unterstützen können. Grundsätzlich sei es aus Sicht der Pflege wichtig,

  • mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen;
  • Symptome für Trauer, wie Weinen, wahrzunehmen und zuzulassen;
  • als Ansprechpartner da zu sein, wenn Betroffene über ihr verändertes Körperbild sprechen wollten, und
  • ihnen Fortschritte aufzuzeigen.

Koch kommt zu dem Schluss, dass das Annehmen des eigenen Körpers in der Regel nicht von heute auf morgen funktioniert, aber doch meistens Fortschritte macht: „Vielen querschnittgelähmten Personen gelingt es, die Veränderungen ihres Körpers nach und nach anzunehmen. Dieser Prozess kann unterschiedlich lange, mitunter Jahrzehnte dauern“.