Die zehn häufigsten Folgen einer Querschnittlähmung

Eine Querschnittlähmung bedeutet weit mehr als nur nicht gehen können. Die häufigsten Probleme mit denen Betroffene sich je nach Lähmungshöhe täglich auseinandersetzen müssen, werden im Folgenden dargestellt.

Neben der augenfälligen und daher offensichtlichen Mobilitätseinschränkung bei Querschnittlähmung gibt es eine lange Reihe von Komplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen, die nach einer Rückenmarksverletzung eintreten können – aber nicht müssen (siehe: Komplikationen, Folge- und Begleiterkrankungen bei Querschnittlähmung). Mit einer korrekten Sitzhaltung, einer auf beiden Seiten gleichermaßen ausgeprägten Lähmung und ein bisschen Glück, erwischt einen z. B. die Skoliose vermutlich nicht. Es gibt aber auch eine Reihe von Konsequenzen, um die ein Querschnittgelähmter, je nach Lähmungshöhe, kaum herumkommt.

  1. Mobilitätseinschränkung
    Querschnittgelähmte können ihre Beine nicht bewegen (Paraplegie). Wenn die Verletzung besonders hoch im Rückenmark aufgetreten ist, sind auch die Arme betroffen (Tetraplegie). Je nachdem, ob die Lähmung komplett oder inkomplett ist, ist diese Mobilitätseinschränkung vollständig oder nur teilweise gegeben. Grund dafür ist die unterbrochene Reizübertragung vom Gehirn in die Muskeln. Das Gehirn „funkt“ die Muskeln, die zur Kontrolle der entsprechenden Extremitäten gebraucht werden zwar an, in dem es entsprechende Signale durch das Rückenmark schickt, doch können die Muskeln diese Signale nicht empfangen, da sie an der Läsionsstelle im Rückenmark „hängenbleiben“ und nicht weitergeleitet werden können.
    Für Menschen mit Gehbehinderungen sorgen Rollstühle für die Möglichkeit von A nach B zu kommen. Dabei ist es von enormer Wichtigkeit, dass diese Rollstühle optimal an den Fahrer und seine Lähmungshöhe angepasst sind, um weitere Folgeschäden zu vermeiden. Ein schlecht angepasster Rollstuhl kann z. B. Druckstellen, Haltungsschäden und/oder eine Überbeanspruchung der Gelenke verursachen (siehe: Aspekte der Rollstuhlanpassung).
    Bei Menschen mit eingeschränkter Mobilität der Arme und Hände wird während der Rehabilitation meist eine Funktionshand antrainiert (siehe: Ausbildung einer Funktionshand). Zudem gibt es verschiedene Hilfsmittel bei eingeschränkter Greiffunktion (siehe: Greifhilfesysteme für Tetraplegiker).
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  2. Atemfunktionsstörung
    Eine erhebliche Funktionsstörung der Atemorgane tritt bei Querschnittlähmung dann auf, wenn die Lähmungshöhe über C 6 liegt (Tetraplegie). Betroffen sind je nach Lähmungshöhe das Zwerchfell, die Zwischenrippenmuskulatur und die Halsmuskulatur. Begegnet werden kann diesen Störungen mit Atemtherapiegeräten oder Atemhilfsgeräten. Bei besonders hohen Lähmungen (C 1/2) muss der Betroffene maschinell beatmet werden. Notwendig ist außerdem eine Entfernung des Sekrets in der Lunge, das aufgrund der Atemfunktionsstörung nicht abgehustet werden kann (Sekretmanagement). Allerdings kann es auch bei tiefen Lähmungen (Paraplegie) zu Störungen der Atmung kommen, wenn die Bauchmuskulatur betroffen ist und ein Husten nur eingeschränkt möglich ist (siehe: Atemproblematik).
    Die Atemfunktionsstörung kann vor allem in Kombination mit einer Schluckfunktionsstörung dazu führen, dass Fremdkörper leichter in die Lunge geraten und/oder nicht effektiv abgehustet werden können, weshalb die Atemfunktionsstörung das Risiko an Lungeninfektionen zu erkranken erhöht.
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  3. Blasenfunktionsstörung
    Eine Blasenfunktionsstörung tritt bei Querschnittlähmung fast immer auf und bedeutet, dass die Harnausscheidung nicht willentlich kontrolliert werden kann. Je nach Lähmungshöhe kann entweder eine schlaffe (bei Lähmungen im Lendenwirbelbereich) oder ein hyperaktive bzw. spastisch (bei Lähmungen im Brust- und Halswirbelbereich) gelähmte Blase vorliegen. Eine spastische Blase zieht sich unkontrolliert zusammen, was zu ungeplanten Ausscheidungen führt, während eine schlaffe Blase sich nicht zusammenzieht und sich daher ohne Hilfsmittel nicht entleeren kann (siehe: Blasenfunktion bei Querschnittlähmung). In beiden Fällen können durch Restharnmengen in der Blase Komplikationen wie Harnwegsinfekte oder Nierenprobleme auftreten.
    Der Blasenfunktionsstörung kann mit verschiedenen Methoden des Blasenmanagements begegnet werden (siehe: Neurogene Blasenfunktionsstörungen: Konservative Therapien).
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  4. Darmfunktionsstörung
    Eine Darmfunktionsstörung tritt bei Querschnittlähmung fast immer auf und bedeutet, dass die Stuhlausscheidung erschwert, der Drang zur Ausscheidung nicht wahrnehmbar sowie die Peristaltik des Darms eingeschränkt ist. Zwei Formen der Darmfunktionsstörung werden unterschieden: die Lähmung des oberen motorischen Neurons (UMNL) und die Lähmung des unteren motorischen Neurons (LMNL). Bei ersterem bestehen Stuhltransport- und Entleerungsstörungen, da der Schließmuskel häufig angespannt ist und es häufig zu Verstopfungen kommt (spastischer Darm). Bei letzterem sind Muskelspannung im Darm und Aktivität der Muskeln stark herabgesetzt. Der Schließmuskel kann nicht kontrolliert werden und es kann zu unwillkürlichen Stuhlabgängen kommen (Stuhlinkontinenz). Bei beiden Formen ist die Reizwahrnehmung gestört oder verändert (siehe: Darmfunktion bei Querschnittlähmung).
    Mit einem individuell angepassten Darmmanagement und entsprechender Ernährung und Trinkverhalten, kann der Darmfunktionsstörung begegnet werden (siehe: Darmentleerungstechniken). Besonders störend wirken sich Eventualitäten wie Durchfälle, Blähungen und Verstopfungen auf das Darmmanagement aus. Vor allem hier muss auf eine angepasste Ernährung geachtet werden (siehe: Ernährung bei Querschnittlähmung).
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  5. Sensibilitätsfunktionsstörung
    Die Oberflächen– und Tiefensensibilität kann bei Querschnittlähmung unterhalb der Lähmungshöhe eingeschränkt sein. Während sie bei kompletten Lähmungen vollständig ausfallen, können bei inkompletten Lähmungen verschiedene Funktionen erhalten bleiben und verschiedene Ausfälle auftreten (für Syndrome im Einzelnen siehe: Sensibilität und Empfindungsstörungen bei Querschnittlähmung).
    Dadurch, dass die Wahrnehmung von Reizen über die Haut, (z. B. Schmerz, Kälte und Hitze, Nässe, Druck, Berührung, Vibration) und von Reizen aus dem Körperinneren, die über die Position bzw. den Aktivitätszustand der Gelenke, Muskeln und Sehnen informieren, eingeschränkt ist, kann es zu verschiedenen Komplikationen wie einer erhöhten Verbrennungsgefahr und vor allem zur Entstehung von Druckstellen (Dekubiti) kommen. Druckstellen stellen eine ernstzunehmende Gefahr bei Querschnittlähmung dar, da sie im schlimmsten Fall zu Nekrosen und/oder Blutvergiftungen führen und den Betroffenen im Alltag erheblich einschränken können (siehe: Entstehung von Druckstellen).
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  6. Sexualitätsfunktionsstörung
    Störungen der Sexualfunktion und der Fortpflanzungsfähigkeit treten bei Querschnittlähmungen häufig auf, sind abhängig von der Lähmungshöhe und betreffen Männer und Frauen in unterschiedlichem Maße.
    Während Frauen mit einer eingeschränkten Orgasmusfähigkeit und/oder einer verminderten Lubrikation der Scheide rechnen müssen, ist ihre Fähigkeit ein Kind zu empfangen und auszutragen durch die Rückenmarksverletzung nicht beeinträchtigt.
    Bei Männern ist häufig eine erektile Dysfunktion (siehe: Erektionsstörungen bei Querschnittlähmung) gegeben, wobei unterschieden wird, ob eine psychogene (möglich bei einer Lähmungshöhe von L2 bis Th11) oder eine reflektorische Erektion (möglich bei einer Lähmungshöhe von Th11 und darüber) erreicht werden kann (siehe: Sexualität bei Querschnittlähmung). Auch die Ejakulations- und Zeugungsfähigkeit können beeinträchtigt sein (siehe: Vater werden trotz Querschnittlähmung).
    Es gibt verschiedene Hilfsmittel, die helfen können, auch mit Querschnittlähmung eine erfüllte Sexualität zu erleben (siehe: Sexualität: Hilfsmittel für Männer und Frauen).
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  7. Kreislaufregulationsstörung
    Kreislaufregulationsstörungen treten bei Querschnittlähmung vor allem ab einer Lähmungshöhe von Th6 auf (siehe: Kreislaufprobleme bei Querschnittlähmung). Es kommen Hypertonie (siehe: Querschnittlähmung und Bluthochdruck), Hypotonie und orthostatische Dysregulation (siehe: Blutdruck im Keller? Hypotonie und orthostatische Dysregulation bei Querschnittlähmung) vor.
    Vor allem aber ist es die autonome Dysreflexie, die für Betroffene ein erhebliches Risiko darstellen kann. Die autonome Dysreflexie tritt auf, wenn es unterhalb der Lähmungshöhe zu einer Reizung, z. B. zu einer Dehnung der Hohlorgane, kommt, die aufgrund der fehlenden Sensibilität nicht bemerkt und daher nicht behoben wird. Da der Blutdruck bei einer autonomen Dysreflexie stark ansteigt und der Körper nicht gegensteuern kann, besteht das Risiko eines Hirnschlags. Für ein entsprechendes Vorgehen im Ernstfall siehe: Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?.
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  8. Temperaturregulationsstörung
    Die Fähigkeit des menschlichen Körpers sich an die Außentemperatur anzupassen und sich selbst auf ca. 37 C° zu halten, ist bei einer Querschnittlähmung aufgrund der vorliegenden Störung der autonomen Funktionen der Wärmeproduktion und Wärmeabgabe eingeschränkt (siehe: Temperaturdysregulation). Unterhalb der Lähmungshöhe können Betroffene weder schwitzen noch vor Kälte zittern. Um sich vor Überhitzung, einer folgenden Austrocknung oder einer Unterkühlung zu schützen, muss daher genau darauf geachtet werden die äußeren Gegebenheiten entsprechend anzupassen.

    Bonusrunde

    Während es zu den bisher genannten Folgen abhängig von der Lähmungshöhe sehr wahrscheinlich kommt, gibt es zwei weitere Begleiterscheinungen, zu denen die Rückenmarksverletzung nicht zwingend führen muss, die allerdings so weit verbreitet sind, dass sie hier Erwähnung finden sollten.

  9. Spastik
    Eine Spastik entsteht bei einer Querschnittlähmung, wenn durch die Rückenmarksverletzung die Funktion des Zentralen Nervensystems eingeschränkt ist. Es kommt zu einer unkontrollierbaren Eigenaktivität der Muskeln in den von der Lähmung betroffenen Gliedmaßen. Bei starker Ausprägung können diese unwillkürlichen Muskelspasmen den Alltag erheblich erschweren; unbehandelt können Spastiken u. a. zu Kontrakturen führen. Es gibt allerdings auch positive Eigenschaften der Spastik, da sie u. a. zur Stabilisierung des Körpers z. B. bei Transfers beitragen kann (siehe: Spastik als Folge einer Querschnittlähmung).
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  10. Chronisch neuropathische Schmerzen
    Chronisch neuropathische Schmerzen sind keine garantierte, aber eine häufige Folge von Rückenmarksverletzungen, die aufgrund ihrer Intensität und Unberechenbarkeit von Betroffenen als besonders belastend empfunden werden (siehe: Schmerzempfinden bei Querschnittlähmung). Da sie – im Vergleich zu akuten Schmerzen – ohne erkennbaren Grund existieren, ist es schwer ihnen zu begegnen. Zur Verfügung stehen medikamentöse, nicht medikamentöse und chirurgisch-invasive Maßnahmen zur Behandlung der Schmerzen und zur Erleichterung des Leidensdrucks für Betroffene (siehe: Schmerztherapie bei Querschnittlähmung).

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