Behinderung und Altersarmut

Die großen Sozial- und Wohlfahrtsverbände machen im Vorfeld der Bundestagswahl erneut auf steigende Altersarmut aufmerksam. Paritätischer Gesamtverband, Sozialverband Deutschland SoVD oder Sozialverband VdK Deutschland fordern jeweils eine Reform der Alterssicherung. Menschen mit Behinderung sind besonders gefährdet im Alter in relative Armut zu geraten.

Sozialverbände haben das Thema Altersarmut als Kernthema von Haus aus auf dem Schirm. Vor der Bundestagswahl machen sie auf das Risiko von Altersarmut noch einmal aufmerksam. Als armutsgefährdet gilt jemand, der weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat (relative Armut). In Deutschland lag die Armutsgrenze nach dieser Definition im Jahr 2016 bei weniger als 969 Euro netto im Monat für einen Single.

Besonders gefährdet sind kinderreiche Familien, Arbeitslose, Alleinerziehende, Migranten und zunehmend auch Rentner. Auch Menschen mit Behinderungen können dazu zählen, da sie z.B. verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass sich jede Person mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 969 Euro selbst als arm bezeichnen würde. Unberücksichtigt bleiben z.B. auch Wohnort und Alter. So stellt sich die Summe für eine 20-jähige Auszubildende in einer ländlichen Region mutmaßlich anders dar als für eine Rentnerin in München.

Zu beobachten ist, dass das Rentenniveau sinkt. Das Rentenniveau stellt die Relation zwischen der Höhe der Standardrente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines Durchschnittsverdienstes) und dem Lohn eines Durchschnittsverdieners dar. Wenn das Rentenniveau  bei 48 liegt (wie nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2016), bekommt ein „Standardrentner“ monatlich also 48 Prozent der Summe eines durchschnittlichen Monatsgehaltes. Vor der Rentenreform von 2001 und 2004 lag das Rentenniveau noch bei rund 53 Prozent.

Sozial- und Wohlfahrtsverbände sehen in der Absenkung des Rentenniveaus ein Kernproblem. Eine Korrektur sei dringend notwendig, so der Paritätische. Aus Sicht des SoVD wäre ein Rentenniveau von 50 Prozent eine angemessene Niveauuntergrenze, die an die Stelle des derzeitigen Mindestniveaus treten sollte. Der Paritätische spricht von 53 Prozent als Zielvorgabe.

Forderungen zur Bekämpfung von Altersarmut

Paritätische Positionen

Von der nächsten Bundesregierung fordert der Paritätische Wohlfahrtsverband grundlegende Reformen zur Sicherung der Renten und zur Verhinderung von Altersarmut. 11 Schritte seien  notwendig, um der wachsenden Altersarmut entgegenzutreten (Auszug aus dem Positionspapier):

  1. Mit guter Arbeit und guten Löhne Altersarmut vorbeugen.
  2. Alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen.
  3. Das Rentenniveau bei 53 Prozent stabilisieren.
  4. Betriebliche Altersvorsorge wieder paritätisch finanzieren.
  5. Riester-Rente abschaffen, Zusatzvorsorge in der Rentenversicherung ermöglichen.
  6. Rente nach Mindestentgeltpunkten einführen.
  7. Zeiten der Ausbildung, Erziehung und Pflege besser berücksichtigen.
  8. Versicherungslücken bei Phasen von Erwerbslosigkeit schließen.
  9. Altersgrundsicherung reformieren.
  10. Leistungen für Erwerbsminderungsrentnerinnen und -rentner verbessern.
  11. Zwangsverrentung abschaffen, flexiblen Renteneintritt ermöglichen.

Mehr unter:

Mut zur Korrektur: ein alterssicherungspolitischer Auftrag (PDF)

 „Lieber nicht arm dran“ – Forderungen des SoVD

Auch der SoVD hat bereits 2016 ein Konzept zur Bekämpfung von Altersarmut vorgelegt. Darin fokussiert sich der Verband auf drei Säulen (Auszug aus dem Positionspapier):

  • Ausbau von Beitragszahlungen zur gesetzlichen Rentenversicherung in der Erwerbsphase
  • Ausbau von Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung in der Rentenbezugsphase
  • Ausbau von Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung


Mehr unter:

Bekämpfung von Altersarmut (PDF)

  • Behinderung als besonderer Risikofaktor

„Behindert, alt – arm!“ – so heißt ein Faltblatt, das der SoVD zum Thema Behinderung und Altersarmutsrisiko herausgegeben hat. Altersarmut sei oft eine Folge von Arbeitslosigkeit – und davon seien Menschen im Rollstuhl und mit anderen Behinderungen besonders betroffen.

Behindert, alt – arm! (PDF)

  • Neu: Das persönliche Altersarmutsrisiko im Selbsttest:

Auf der Plattform check.sovd.de  stellt der SoVD nun einen kostenlosen Online-Selbsttest zum persönlichen Risiko von Altersarmut zur Verfügung. Allerdings liefert dieser keine Zahlen, sondern nur eine sehr grobe Einschätzung.

VdK-Aktion zur Bundestagswahl 2017

Der VdK Deutschland formulierte folgende sechs Punkte zur Bekämpfung zunehmender Armut im Alter so (Auszug aus dem Positionspapier):

  • Talfahrt des Rentenniveaus bei 48 Prozent stoppen: Die Renten müssen wieder ohne Abstriche den Löhnen folgen. Sonst erreichen immer weniger Menschen eine auskömmliche Alterssicherung.
  • Erwerbsminderung darf nicht zur Armutsfalle werden: Die Abschläge von bis zu 10,8 Prozent müssen bei Neu- und Bestandsrenten entfallen.
  • Freibetrag für Grundsicherungsbezieher einführen: Dieser muss für Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung, wie beispielsweise die Mütterrente, gelten.
  • Rente für Geringverdiener erhöhen: Die Rente nach Mindesteinkommen muss befristet verlängert werden, um der Gefahr wachsender Altersarmut entgegenzuwirken.
  • Mütterrenten vollständig angleichen: Die älteren Mütter müssen wie die jüngeren drei statt bisher nur zwei Kindererziehungsjahre für die Rente angerechnet bekommen.
  • Selbstständige in die Rentenversicherung einbeziehen: So können Selbstständige ohne Altersabsicherung in Versorgungseinrichtungen vor Altersarmut geschützt werden.

Mehr unter:

VdK-Standpunkt zur Altersrente

 

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