Berufswahl für Tetraplegiker

Die berufliche Neuorientierung nach dem Eintritt einer Querschnittlähmung ist eine große Herausforderung. Vor allem für Tetraplegiker – und noch mehr, wenn keinerlei Handfunktion gegeben ist.

Die Redaktion wurde gebeten einen Beitrag zu denkbaren Berufen für Menschen mit völlig fehlender Handfunktion zu schreiben. Leider ist es kaum möglich, pauschale Empfehlungen für eine Berufswahl zu geben, obwohl Tetraplegiker durchaus in unterschiedlichen Berufen arbeiten können, je nach Lähmungshöhe, der Verfügbarkeit von Assistenztechnologien, Arbeitsassistenz und persönlicher Attribute wie Bildungsniveau und Neigung.

Tetraplegie und ihre Folgen

Von einer Tetraplegie spricht man dann, wenn nach einer Rückenmarksverletzung vier Extremitäten (Arme und Beine) betroffen sind (Viergliedmaßenlähmung). Verletzt ist bei einer Tetraplegie das Rückenmark im Halswirbelbereich, der sich über die Halswirbelsegmente C1 bis C7 erstreckt. Je höher die Läsionsstelle – und abhängig davon, ob die Lähmung komplett oder inkomplett ist – umso größer sind die Einschränkungen an Armen und Händen (siehe: Formen der Querschnittlähmung). Bei einer Lähmungshöhe von C1 bis C4 kann die Bewegungsfähigkeit auf Schulterzucken und Kopfbewegungen beschränkt sein. Eine Steuerung von Assistenztechnologien, u. a. dem Rollstuhl, ist mit Kinn, Mund, Zunge, Augen und über die Sprache möglich. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Greifhilfen (siehe: Greifhilfesysteme für Tetraplegiker). Bei einer Läsionshöhe von C5 und darunter, ist die Armfunktion meist begrenzt aber soweit erhalten, dass die Möglichkeit besteht Dinge zu greifen, was die Verwendung von Hilfsgeräten erheblich vereinfacht.

Unterstützende Geräte im Büro

Geräte aus der Assistenz- oder Unterstützungstechnologie können auch Menschen ohne Handfunktion eine gewisse Autonomie gewähren, vor allem im Berufsleben. Am Schreibtisch helfen angepasste Tastaturen, speziell gesteuerte Computermäuse und die Steuerungen von (IT-) Geräten via Sprach- oder Pupilleneingabe. Für die Möglichkeiten der Arbeitsplatzgestaltung siehe: Barrierefreier häuslicher Arbeitsplatz, dem auch Hinweise darauf entnommen werden können, wie ein Arbeitsplatz im Büro aussehen kann.

Arbeitsassistenz

Menschen mit stark eingeschränkter oder fehlender Handfunktion sind meist auf persönliche Assistenz angewiesen. Für Berufstätige gibt es auch die Möglichkeit eine Arbeitsassistenz zu engagieren, d. h. eine persönliche Assistenz am Arbeitsplatz.

Mit der Arbeitsassistenz sollen schwerbehinderte Menschen bei der Ausübung ihrer Arbeit unterstützt werden. Definiert wird sie als eine Tätigkeit, die „ über gelegentliche Handreichungen hinausgehende, zeitlich wie tätigkeitsbezogen regelmäßig wiederkehrende Unterstützung schwerbehinderter Menschen bei der Arbeitsausführung“. Arbeitsassistenz gilt als notwendig, wenn der schwerbehinderte Mensch erst hierdurch eine den Anforderungen des allgemeinen Arbeitsmarktes entsprechende, vertraglich geschuldete Arbeitsleistung wettbewerbsfähig erbringen kann (BIH, 2017). Zu beachten ist, dass der Anspruch auf Arbeitsassistenz nur besteht, wenn die Tätigkeit eine Zeit von mehr als 15 Stunden pro Woche umfasst. Für eine (Neben-) Tätigkeit, die nur wenige Stunden die Woche umfasst, wird keine Arbeitsassistenz gewährt.

Berufsfindung

Tetraplegiker beim Bedienen von Maschinen.

Es ist schwierig zu sagen, was für einen Job sich ein Mensch ohne Handfunktion aussuchen sollte, denn wie bei allen anderen auch, hängt die Berufswahl in erster Linie von persönlichen Vorlieben, Intelligenz, Soft Skills und Schulabschluss ab.

Wenn die Querschnittlähmung eintritt, nachdem Betroffene bereits einen Beruf erlernt haben, scheiden Tätigkeiten, die ein hohes Maß an körperlichem Einsatz erfordern, meist aus. Feuerwehrleute, Wachpersonal, Chirurgen oder Handwerker werden ihrem Beruf mit eingeschränkter oder fehlender Handfunktion nicht mehr so ausüben können, wie sie es vorher taten.

Generell kann man aber in fast jedem Beruf in einer beratenden Tätigkeit aktiv sein. Mediziner z. B. in der Diagnostik, Pflegende bei Telefonhotlines von z. B. Krankenkassen, Handwerker in der theoretischen Ausbildung des Nachwuchses, Köche beim Schreiben und/oder Übersetzen von Kochbüchern, etc. Bei fehlender oder stark eingeschränkter Handfunktion bietet sich oft eine Umschulung an, bei der die Erfahrungen, die man in einem evtl. zuvor ausgeübten Beruf, mit einfließen können. Ein beliebtes Beispiel ist die Ausbildung zum Call-Center-Mitarbeiter, entweder in auskunftgebender oder verkaufender Tätigkeit. Im Auskunftsdienst nehmen die Agenten Anrufe von Kunden entgegen und geben diesen fachgerechte Auskünfte über eine bestimmte Dienstleistung oder ein Produkt, nehmen Aufträge entgegen oder leiten Reklamationen weiter. Fremdsprachenkenntnisse sind bei dieser Tätigkeit von Vorteil, was bei der Weiterbildung bzw. Umschulung berücksichtigt werden kann. Im Telefonverkauf akquirieren die Mitarbeiter neue Kunden und führen Verkaufsgespräche. Auch möglich ist das Durchführen telefonischer Umfragen (Koch/Zäch, 2006).

Andere Berufe, z. B. die meisten „Büro-Berufe“, bergen für Tetraplegiker deutlich geringere Hürden. IT-Fachleute oder Redakteure werden nach der Rehabilitation fast nahtlos in ihr Tätigkeitsfeld zurückkehren können, wenn entsprechende Assistenztechnologien zum Bedienen des Computers zur Verfügung gestellt werden.

Universitätslehrgänge stehen Querschnittgelähmten mit entsprechenden Eignungen unabhängig von ihren körperlichen Eignungen offen. Tetraplegiker werden für die Teilnahme an Vorlesungen u. U. eine Assistenzkraft benötigen (siehe auch: Erfahrungsbericht: Studieren mit Handicap).

Ausbildungsberufe, die für Tetraplegiker geeignet sind, beschreibt das Handbuch der Schweizer Paraplegikervereinigung (SPV): Berufe im Rollstuhl: Grundbildung / Aus- und Weiterbildung. Auch hier ist es möglich Assistenzkräfte für die Dauer der Ausbildung zu engagieren.

Beispiele

Es gibt eine Reihe von Menschen, die trotz fehlender Handfunktion, beruflich sehr erfolgreich waren und sind.

  • Der englische Physikprofessor Stephen Hawking unterrichtete noch lange nach Verlust seiner Handfunktion und arbeitet noch heute als Wissenschaftler und Autor.
  • Der Amerikaner Christopher Reeve gründete eine Stiftung und arbeitete in seinem Beruf als Schauspieler.
  • Edward Rainey ist ein schottischer Künstler, der seine Gemälde und Skulpturen ausschließlich mit mundgesteuerten Pinseln und Werkzeugen schafft.
  • Marie-Cristine Hallwachs studierte Romanistik und Geschichte und arbeitet heute u. a. als Beraterin für Beatmungspatienten und unterrichtet Auszubildende für medizinische Berufe. Zudem hält sie bei Kongressen Vorträge über selbstbestimmtes Leben, Leben mit Beatmung und Reisen mit Intensivpflege.
  • Samuel Koch schloss nach seinem Unfall sein Schauspielstudium ab und arbeitet heute in seinem Beruf als Theater-, Film- und Fernsehschauspieler.
  • Der Amerikaner Loren Worthington ist ein renommierter Fotograf. Den Auslöser der Kamera bedient er mit dem Mund.

Weitere Informationen

Für mehr Informationen zum Thema Berufstätigkeit mit Querschnittlähmung siehe:

 

Fragen & Kommentare

Fragen & Kommentare zu diesem Artikel


Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu hinterlassen.

Zur Registrierung geht es hier lang.