Entbindung bei Müttern mit Querschnittlähmung

Woher weiß ich, wann die Wehen einsetzen? Welche Komplikationen können auftreten? Welche Aspekte sollte ich geklärt haben, bevor ich zur Entbindung in die Klinik fahre? Diese Fragen stellen sich querschnittgelähmte Mütter und ihre Partner vor der Geburt ihres Kindes – und es gibt Antworten.

Wie im Beitrag Schwangerschaft mit Querschnittlähmung beschrieben, beeinträchtigt eine Rückenmarksverletzung die Fruchtbarkeit von Frauen in keiner Weise. Es besteht kein Grund dafür, dass querschnittgelähmte Frauen nicht eine ganz normale Schwangerschaft erleben können, die zur Sicherheit von Mutter und Kind allerdings von Gynäkologe, Paraplegiologe und Hebamme in enger Zusammenarbeit begleitet werden sollte. Bei einer geplanten Schwangerschaft sollten allerdings vom behandelnden Arzt die regelmäßig verwendeten Medikamente (z. B. krampflindernde und entzündungshemmende Mittel, Blasenrelaxantien, Schmerzmedikamente) überprüft werden, da viele gängige Mittel das Risiko eines Sauerstoffmangels beim Ungeborenen erhöhen können.

Bei einer Schwangerschaft verändert sich der Körper. Das gilt für Frauen mit und ohne Querschnittlähmung. Werdende Mütter im Rollstuhl sollten sich über die möglichen Veränderungen und Komplikationen im Klaren sein; siehe hierzu: Schwangerschaft mit Querschnittlähmung.

Die Entbindung kann normal, also vaginal, stattfinden, sofern keine Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt auftreten. Meist ist sie sogar vereinfacht, da die schlaffe Unterleibsmuskulatur dem Baby keinen Widerstand entgegensetzt. Unter Umständen kann allerdings ein Kaiserschnitt nötig sein, vor allem wenn die Mutter eine hohe Lähmung hat und eine Autonome Dysreflexie auftreten kann. Weitere Faktoren, die gegen eine vaginale Geburt wirken können, sind z. B. schwere Spastik, eine heterotrope Ossifikation oder Hüftgelenkskontrakturen.

Falls es während der Entbindung zu Komplikationen kommt, betreffen sie meist die Mutter, nicht das Kind.

Woher weiß man, wenn die Wehen einsetzen?

Schwangere mit Querschnittlähmung haben evtl. Schwierigkeiten damit zu erkennen, wann die Wehen einsetzten, da Schmerzen je nach Lähmungshöhe nicht wahrgenommen werden können. Bei einer Läsionshöhe unterhalb von Th12 sind Wehen normalerweise spürbar; bei fehlender Sensibilität kann die Wehentätigkeit durch ein Abtasten des Abdomen kontrolliert werden. Ein sicheres Zeichen dafür, dass die Wehen eingesetzt haben ist, wenn der Bauch hart wird und der Uterus sich zu wölben scheint.

Richtige Wehen kommen im Gegensatz zu Scheinwehen in regelmäßigen Abständen. Andere Zeichen sind eine vermehrte Spastik, Druckgefühl, Kopfschmerzen, Temperaturwahrnehmungen, Kurzatmigkeit und bei entsprechender Lähmungshöhe die Autonome Dysreflexie. Stärke und Abstand der Wehen einzuschätzen, könnte schwierig sein; sichere Hinweise sind aber auch bei Querschnittlähmung leichte Blutungen und der Abgang von Fruchtwasser (Blasensprung). Im Zweifelsfall sollte die Entbindungsstation lieber einmal zu oft als zu selten aufgesucht werden.

Wie geht die Entbindung vor sich?

Wehen und Geburt selbst sind meist von kurzer Dauer, da die Körpermuskulatur bei einer schlaffen Lähmung kaum Widerstand leistet. Die Gebärmutter wird von einem autonomen Nervensystem gesteuert, d. h. die Nervenimpulse in der Gebärmutter werden nicht vom zentralen Nervensystem gesteuert und sind daher von der Querschnittlähmung nicht betroffen. Willentliche Muskelkontraktionen sind nicht notwendig; wenn die Bauchmuskulatur nicht aktiv genug für ein effektives Pressen ist, kann z. B. eine Saugglocke zum Einsatz kommen.

Droht eine verfrühte Entbindung?

Verschiedene Quellen geben an, eine Querschnittlähmung sei ein Risikofaktor für eine verfrühte Geburt, d. h. vor der 37. Schwangerschaftswoche. Wieso dem so ist, ist allerdings ungeklärt. Ab der 32. Schwangerschaftswoche sollten wöchentliche Vorsorgeuntersuchungen vorgenommen werden. Sobald sich der Muttermund zu öffnen beginnt, sollte die werdende Mutter zur Überwachung in ein Krankhaus gehen und Bettruhe einhalten (Durcharme/Gill, 2006). Gewöhnlich entbinden querschnittgelähmte Frauen – Paraplegikerinnen fünf bis sechs Tage; Tetraplegikerinnen ca. 24 Tage – vor dem errechneten Termin (Kämpfer, 2012).

Was man vor der Entbindung bedenken sollte

Neben der üblichen Ausstattung, die werdende Mütter mit zur Entbindung ins Krankenhaus nehmen, sollten querschnittgelähmte Frauen noch an weitere Dinge denken und, falls möglich, Kreissaal und Entbindungsstation im Vorfeld besuchen.

  • Was in die „Babytasche“ gehört

Neben  den persönlichen Gebrauchsgegenständen und (Wechsel-) Kleidung für Mutter und Nachwuchs, gehören in die „Babytasche“:

    • Transferhilfe (im Vorfeld sicherstellen, dass das Bett und Entbindungsstuhl in der Höhe für einen sicheren Transfer angepasst werden können)
    • Alle Hilfsmittel für das Blasen- und Darmmanagement
    • Sitzkissen (für den Entbindungsstuhl)
  • Gegebenheiten in Kreissaal und Entbindungsstation
    • Kreissaal und Stationszimmer müssen groß genug für das Befahren im Rollstuhl sein.
    • Kreissaal und Stationszimmer sollten an ein behindertengerechtes Badezimmer angrenzen.
    • Das Bett des Stationszimmers sollte den Bedürfnissen von Rollstuhlfahrern entsprechen.
    • Der klinikeigene Stubenwagen sollte für Rollstuhlfahrer gut nutzbar sein.
    • Zudem sollte im Vorfeld geklärt werden, ob der Partner und/oder ein persönlicher Assistent die Mutter durchgängig begleiten kann und ob Übernachtungsmöglichkeiten zu Verfügung gestellt werden können.

Und nach der Geburt?

  • Anämie
    Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Frauen mit Querschnittlähmung ein höheres Risiko haben während einer Schwangerschaft eine Anämie zu entwickeln und auch nach der Entbindung sollten die Blutwerte im Auge behalten werden. Wenn Eisenpräparate eingenommen werden, sollte man bedenken, dass sie Verstopfungen auslösen können, was das Darmmanagement erschwert. Wer ohnehin zu Problemen in diesem Bereich neigt, sollte in Erwägung ziehen statt oraler Präparate Infusionen vorzuziehen.
  • Autonome Dysreflexie
    Auch nach der Entbindung kann es bei einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6/7 zu einer autonomen Dysreflexie kommen, wenn es bei der Geburt zu Verletzungen im Intimbereich gekommen ist.
  • Blasen- und Darmmanagement
    Bei einer vaginalen Entbindung kann es zu einem Dammriss kommen, was das Darmmanagement beeinträchtigen kann. Da es auch – vor allem beim Einsatz von z. B. der Saugglocke – zu weiteren Verletzungen im Intimbereich kommen kann, ist beim Blasen- und Darmmanagement große Vorsicht und einwandfreie Hygiene von großer Wichtigkeit.
  • Stillen
    Bei einer eingeschränkten Kraft und/oder Funktion der Arme, sollte beim Stillen eine zusätzliche Stütze, z. B. ein Stillkissen oder ein Tuch verwendet werden. Bei Müttern mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 6 ist es möglich, dass die Milchproduktion nachlässt und schließlich versiegt. Eine häufige Stimulation der Brustwarzen kann dem entgegenwirken. Bei Frauen mit einer Lähmungshöhe von oberhalb Th 11 ist eine eingeschränkte Sensibilität im Bereich der Brust und der Brustwarzen möglich, wodurch sich die Milchproduktion als schwierig erweisen kann (Ducharme/Gill, 2006).
  • Versorgung des Kindes
    Ein Kind zu versorgen ist keine Kleinigkeit. Mütter mit einer Paraplegie werden für angepasste Hilfsmittel sorgen müssen, wie z. B. unterfahrbare Bettchen und Wickeltische und höhenangepasste Schränke und Regale. Wenn eine Tetraplegie vorliegt, werden einige Aspekte der Versorgung (Hochnehmen, Tragen, Füttern, Baden und Wickeln) von anderen übernommen werden müssen. Eine gute Organisation zur Unterstützung der Mutter ist hier das A und O.

Weitere Informationen 

Das englischsprachige Projekt SCI Parenting und der deutschsprachige Ableger Paramama.ch geben Information zum Thema Elternsein, Schwangerschaft und Entbindung für Eltern mit Querschnittlähmung. Paramama bietet zudem die Möglichkeit persönlicher Beratungen.

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