Lesenswert: Willkommen im Erdgeschoss

Mit 17 Jahren verunglückt die Schülerin Amelie Ebner beim Skifahren und bricht sich den fünften* Halswirbel. Sie kämpft sich durch die Rehabilitation, zurück zur Schule und schließlich an die Universität. Über ihre Erfahrungen spricht sie von Anfang an auf ihrem Blog, Zweiterfebruar, und – neu 2017 – in ihrem Buch.

Aus dem Inhalt

Mit 17 ist Amelie Ebner Schülerin und begeisterte Sportlerin: reiten, Ski fahren, tanzen und Fußball spielen zählt zu ihren Hobbys. Doch während eines Ski-Ausflugs verunglückt sie schwer und bricht sich den fünften* Halswirbel. Die Diagnose lautet: inkomplette Tetraplegie, Läsionshöhe C6. Zunächst hofft die junge Frau noch darauf, dass es nur Zeit braucht, bis ihr wenigstens ihre Hände wieder gehorchen, doch schließlich muss sie feststellen, dass ihr Unfall bleibende Veränderungen in ihrem Leben mit sich brachte, die weit über das Sitzen im Rollstuhl hinausgehen. Acht Monate verbringt sie in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen und muss sich nicht nur mit einer drohenden Medikamentensucht auseinandersetzen, sondern auch mit dem Neuerlernen von Tätigkeiten des alltäglichen Lebens wie Greifen, Essen oder Zähneputzen.

Und schnell wird klar, dass nicht nur ihr Körper sich anders verhält als sie gewohnt ist. Während sich ihre Familie während ihrer Rehabilitation intensiv um sie kümmert, sind Besuche und sogar E-Mail oder SMS-Kontakte zu ihren Freunden eher dünn gesät. Als sie schließlich nach Hause kommt, wird ihr klar: Ihre Freunde sind weg. Nicht dass sie irgendwo hingegangen wären, nein, sie haben sich lediglich dazu entschieden kein Teil mehr von Ebners Leben zu sein. Dennoch besteht die junge Frau darauf weiterhin ihre frühere Schule zu besuchen, auch wenn dies eine Konfrontation mit ihrem alten Leben bedeutet. Sie findet neue Freunde, kämpft sich durch den Schulalltag, das Abitur, Praktikum in einer Anwaltskanzlei und beschließt Jura zu studieren – damit sie, wie sie sagt, „euer Beamtendeutsch“ versteht.

Trotzig, wild und teilweise auf Verständnis pochend, das sie selbst nicht zu gewähren bereit ist, erzählt Amelie Ebner in diesem Bericht über das Leben einer Jugendlichen mit Behinderung, was passiert, wenn sich mit einem Moment alles ändert und ein neues Leben beginnt. Eine bewegende Geschichte über das Erwachsenwerden einer jungen Frau im Rollstuhl.

Wie liest es sich

Ebner ist wütend und sie macht keinen Hehl daraus. Ihr Leben, wie sie es bisher kannte, ist vorbei. Ihr Körper wird zu einer bewegungsunfähigen Hülle mit allen Konsequenzen, die eine Tetraplegie mit sich bringt. In der Intensivphase nach dem Unfall, ist ihr Alltag geprägt von Angst, Einschränkungen und Schmerzen. Zunächst wird sie über einen Tubus künstlich beatmet, was die Kommunikation mit ihrer Umwelt erheblich erschwert und zudem zu einer erhöhten Produktion von Schleim in der Lunge führt, den sie nicht abhusten kann. Das Absaugen wird zu einer regelmäßigen traumatischen Prozedur, die Ebner nur mit Schmerzmitteln ertragen kann, von denen sie schließlich abhängig zu werden droht. „Bis heute“, so schreibt sie, „schlage ich Hände von Leuten weg, die in die Nähe von meinem Hals kommen.“

Im Laufe ihrer Rehabilitation lernt die junge Frau mit ihren Einschränkungen umzugehen und erkämpft sich in einem langen Prozess Fähigkeiten wie selbständiges Haarekämmen oder Zähneputzen zurück. Hier freut man sich mit ihr und ihrer Familie, die in ihrem Leben und während ihrer Rehabilitation eine so große Rolle spielt.

Im neuen Alltag sieht Ebner sich trotz ihres neuen Zimmers im Erdgeschoss des Elternhauses immer wieder Hindernissen gegenüber, von denen Nicht-Behinderte sich keine Vorstellungen machen. Sie schreibt: „Während andere den Schrank von oben bis unten vollstopfen können und jederzeit alles erreichen, muss ich Abstriche machen. Das Wichtigste muss Platz finden zwischen Knie und Schulterhöhe. Ist es tiefer, komm ich nicht ran, außer es hat schöne Schlaufen. Liegt es höher, komm ich ebenfalls nicht ran. Ich habe mir mal überlegt: ‚An welchen Ort würde ich eher kommen, wenn ich von da etwas herholen muss und es um Leben und Tod geht? Etwas, das unter mein Bett gefallen ist, oder etwas, das auf meinem Schrank liegt?‘ Meine Antwort: an etwas, das unter mein Bett gefallen ist. Irgendwie würde ich es bestimmt schaffen, mich aus dem Rollstuhl zu werfen und unters Bett zu kriechen. Aber aufstehen und auf einen Schrank greifen? Bisher nicht möglich.“

Besonders ansprechend an „Willkommen im Erdgeschoss“ ist die Tatsache, dass Ebners Eltern und Geschwister ebenfalls zu Wort kommen. In vier kurzen Einschüben schildern Vater, Mutter und die beiden jüngeren Geschwister ihre Sicht der Dinge, berichten, wie sie die Zeit nach Ebners Unfall erlebten, und erzählen von dem Mädchen, das sie vor und nach dem Eintritt der Querschnittlähmung war. Eine berührende Hommage an die Kraft der Familienbande.

Prüfsteine Freunde und Schule

Die Zuwendung, die ihr durch ihre Familie zuteilwird, ist für Ebner umso wichtiger, da sie, für sie selbst unerwartet, von anderer Seite nur sehr eingeschränkt Unterstützung erfährt. Von ihren Freunden, von denen die hübsche, vorlaute Schülerin vor ihrem Unfall eine Menge hatte, meldet sich kaum jemand bei ihr und dank der sozialen Netzwerke kann sie von ihrem Krankenbett aus mitverfolgen, dass alle ihr Leben weiterleben wie bisher. Dass für ihre Freunde die gleichen Dinge – Mode, Partys, Urlaub, Sport – wichtig sind. Dass ihre langfristige Abwesenheit für niemanden aus ihrem sozialen Umfeld auch nur die kleinste Konsequenz zu haben scheint.

Auf dem Blog, Zweiterfebruar, auf dem sie fast von Anfang an von ihren Erfahrungen nach dem Unfall berichtet, sind ihre Enttäuschung und ihre Wut darüber allgegenwärtiges Thema und auch in „Willkommen im Erdgeschoss“ fängt sie immer wieder davon an. Diese Gefühle kann man nachvollziehen und Ebner hat ein Recht darauf so zu empfinden und ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Andererseits beschleicht den Leser bei der x-ten Wiederholung darüber, wie sehr sie von ihren Freunden enttäuscht sei und wie sehr sie sich verändert hätten, vielleicht eine gewisse Ungeduld und es drängt sich die Frage auf: „Was hat sie nur erwartet?“

Die traurige Wahrheit ist, dass Menschen sich selten wirklich verändern. Es wird in manchen Situationen nur deutlich, wie sie schon immer gewesen sind. Und mit was sie umgehen können und mit was nicht. Zum einen leben wir in einer auf das Individuum geprägten Kultur, in der das Gruppengefüge außerhalb der Kernfamilie keine große Bedeutung hat und Freunde allzu oft dem Zweck dienen den eigenen Stellenwert zu erhöhen. Wer den Erwartungen nicht (mehr) entspricht, wird ausgemustert. Zum anderen machen Schicksalsschläge, die andere treffen, uns die eigene Verwundbarkeit und die eigene Sterblichkeit bewusst. Schon bei Erwachsenen trennt sich in solchen Situationen die Spreu vom Weizen. Für Teenager, die ja von Natur aus nicht die stabilsten aller Wesen sind, wie jeder weiß, der mal mit ihnen zu tun hatte oder selbst einer gewesen ist, ist es sicher noch schwieriger mit solch umwälzenden Veränderungen wie einer im Freundeskreis auftretenden traumatischen Querschnittlähmung umzugehen. Sie sind beängstigend und diese Angst erträgt man nicht freiwillig – einfacher ist es, so zu tun, als sei nichts geschehen.

In dem Augenblick, in dem Ebner beschließt die Enttäuschungen über die fehlenden Kontakte während der Reha, die fehlende Begrüßung bei ihrer Heimkehr und die fehlende Integration in der Schule hinter sich zu lassen, beginnt ihr neuer Alltag mit Behinderung eigenverantwortlicher zu werden. Sie findet neue Freunde, einen neuen Sport, der ihr viel gibt, und eine neue Orientierung in ihrem Leben. Was Ebner für sich selbst entdeckt – und mit ihrer wilden Entschlossenheit auch den Menschen in ihrer Umgebung klarmacht – ist, dass die Diagnose Querschnittlähmung, auch bei einer so hohen Lähmungshöhe wie der ihren, kein Todesurteil ist. Man muss sich nicht vorschreiben lassen, auf welche Schule man zu gehen hat, mit wem man befreundet sein darf und mit wem nicht, was man studiert und wo man ein Praktikum machen möchte. Man darf zuversichtlich in die Zukunft blicken und ein Bild von sich selbst entwerfen, das vielleicht nicht allen Konventionen entspricht und dennoch Glück und Lebensfreude ausstrahlt.

Die Lektüre von „Willkommen im Erdgeschoss“ lässt den Leser mit Respekt für eine junge Frau zurück, die auf dem richtigen Weg ist. Und mit dem sicheren Gefühl, dass sie erreichen wird, was sie sich vornimmt.

Das Buch

  • Willkommen im Erdgeschoss. Wie ich mich mit 17 im Rollstuhl wiederfand
  • Von Amelie Ebner
  • Biographie
  • 271Seiten
  • ISBN 978 3 426 78906 3
  • Preis: 12,99 € (Stand: Okt. 2017)

 

*Im Klappentext des Buches ist der sechste Halswirbel genannt; in diesem Beitrag bezieht sich die Redaktion auf die Informationen aus des Verlags.

 

Für mehr von Amelie Ebner siehe: 100percent me (externer Link)

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