Der 8-Punkte-Plan zur Vermeidung von Druckstellen bei Querschnittlähmung

Dekubiti bzw. Druckstellen gehören zu den häufigsten Komplikationen bei Querschnittlähmung und bringen erhebliche Gefahren mit sich. Der 8-Punkte-Plan kann helfen zu vermeiden, dass es überhaupt so weit kommt.

Bei einer Querschnittlähmung geht die Oberflächen– und Tiefensensibilität unterhalb der Lähmungshöhe meist verloren (siehe: Sensibilität und Empfindungsstörungen bei Querschnittlähmung). Dieser Sensibilitätsverlust erhöht die Gefahr Druckstellen zu entwickeln, die den Betroffenen im Alltag erheblich einschränken und im schlimmsten Fall zu Nekrosen und/oder Blutvergiftungen führen können. Wie Dekubiti entstehen und wie sie behandelt werden, wird in den Beiträgen Entstehung von Druckstellen (Dekubitus) und Dekubitus-Behandlung erklärt. Mit den folgenden acht Schritten kann man effektiv dafür sorgen, dass Druckstellen gar nicht erst entstehen.

  1. Risikobewertung

Hilfen zur Risikobewertung, wie die Braden Skala, helfen Pflegenden und Querschnittgelähmten dabei einzuschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass Betroffene Druckstellen entwickeln. Dabei sollten stets die gängigen Risikofaktoren in Betracht gezogen werden, wie die bei Querschnittlähmung oft gestörte Thermoregulation (sehr trockene oder durch Schwitzen ständig durchfeuchtete Haut), Inkontinenz, Spastik, Reibung und Scherkräfte und eine mögliche geringe Motivation (Depression) des Betroffenen. Für weitere Faktoren, die das Entstehen von Druckstellen vorantreiben können siehe: Prävention von Druckstellen (Dekubiti).

Die Risikoeinschätzung sollte regelmäßig wiederholt und die Ergebnisse stets aufgeschrieben werden.

  1. Positionswechsel

Im Rollstuhl muss eine regelmäßige Druckentlastung vorgenommen werden. Empfohlen wird eine Änderung der Sitzposition alle 10 bis 15 Minuten. Die Druckzonen werden so entlastet und effektiv davor geschützt Schäden zu nehmen.

Im Idealfall geht Rollstuhlfahrern diese regelmäßige Umpositionierung in Fleisch und Blut über. Für Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, sich an die empfohlenen Intervalle zu halten, gibt es Hilfssysteme, die helfen, sich an eine fällige Druckentlastung zu erinnern. Das  kanadische System SensiMat (siehe: SensiMat System – Die Anti-Dekubitus App für Rollstuhlfahrer) und das französische Modell Gespard (siehe: Gaspard: Drucksensoren und App gegen Dekubiti) verwenden beide Matten mit Drucksensoren, die unter das Sitzkissen des Rollstuhls gelegt werden. Eine Smartphone App benachrichtigt den Nutzer darüber ob und an welcher Stelle es zu einer Drucküberlastung kommt und schlägt entsprechende Positionen zur Entlastung vor.

Positionswechsel zur Druckentlastung sind nicht nur im Rollstuhl, sondern auch im Bett wichtig. Vor allem bei bettlägerigen Menschen muss auf eine regelmäßige Wechsellagerung geachtet werden. Ein Umlagern sollte bei stark gefährdeten Personen alle 1 bis 2 Stunden, bei weniger stark gefährdeten Betroffenen alle 2 bis 4 Stunden stattfinden. Ursprünglich galt diese Empfehlung auch für die Nacht, doch geht man vermehrt zugunsten eines ungestörten Schlafes zu individuellen Positionierungsplänen über. Für Pflegebetten gibt es ein System, das Gespard und SensiMat für den Rollstuhl ähnelt, den Mobility Monitor (siehe: Mobility Monitor – Anti-Dekubitus System für Bettlägerige). Pflegepersonen in Kliniken und im privaten Bereich können mit dem Mobility Monitor die Bewegungsfähigkeit von Betroffenen ermitteln, dokumentieren, eine sichere individuelle Pflegeplanung vornehmen und vor allem die Dekubitusprophylaxe gezielt überwachen.

  1. Hautkontrolle

Nach jeder Umlagerung sollte eine genaue Hautinspektion vorgenommen werden, entweder von der Pflegekraft oder vom Betroffenen selbst mit Hilfe eines Handspiegels. Um festzustellen, ob es sich bei einer geröteten Hautstelle bereits um einen Dekubitus handelt, übt man mit dem Finger (Fingertest) für ein paar Sekunden Druck auf die betreffende Stelle aus. Bleibt sie beim Loslassen rot, liegt bereits eine Schädigung der Haut vor. Wird sie weiß, gibt es keinen Hinweis auf eine Schädigung. Weitere Hinweise auf eine Hautschädigung sind Hitze, Härtungen oder Schwellungen, die sich durch Abtasten und Befühlen entdecken lassen. Wenn solche Schäden erkannt werden, muss eine sofortige, konsequente Druckentlastung erfolgen.

  1. Hautpflege

Die Haut von Menschen mit Querschnittlähmung sollte stets sauber, trocken und hydratisiert, d. h. ausreichend mit Flüssigkeit versorgt sein, um Hautschäden zu vermeiden. Beim Trocknen mit einem Handtuch sollte man stets Vorsicht walten lassen, so dass Reibungs- und Scherkräfte vermieden werden. Der Gesundheitszustand der Haut sollte auch durch eine angepasste Pflege gewährleistet werden.

Eine konsequente Hautpflege kann die Gewebetoleranz erhalten bzw. fördern und somit die Haut gegen Druck und Reibung widerstandsfähiger machen. Ist sie zu trocken, wird die Widerstandsfähigkeit herabgesetzt (siehe: Hautpflege bei trockener Haut). Ist sie dauerhaft zu feucht, etwa durch starkes Schwitzen, Ödeme oder Inkontinenz, können Infektionen auslösende Keime in die Haut eindringen und sie zusätzliche empfindlich gegenüber Reibung und Scherkräften macht. Vor allem sollte versucht werden durch ein funktionierendes Blasen- und Darmmanagement eine dauerhafte Kontinenz zu erreichen.

Für weitere Informationen siehe: Die Haut bei Querschnittlähmung.

  1. Ernährung

Eine ausreichende Versorgung mit Flüssigkeit (siehe: Trinkverhalten bei Querschnittlähmung) sowie Makro- und Mikronährstoffen ist essentiell wichtig für Gesundheit und Hautgesundheit von Querschnittgelähmten. Besonders auf die Versorgung mit Protein sowie mit den Mineralstoffen  Natrium, Zink, Calcium, Kalium, Phosphor und Chlor, die entscheidend zur Wundheilung beitragen, sollte geachtet werden. Siehe auch: Ernährungsempfehlungen bei Dekubitus.

Zudem ist es wichtig, dass Betroffene ihr Normalgewicht halten bzw. erreichen, da sowohl Über- als auch Untergewicht einen weiteren Risikofaktor bei der Entstehung von Dekubiti darstellen (siehe: Was tun bei Übergewicht? Abnehmen bei Querschnittlähmung und Strategien bei Untergewicht und Mangelernährung bei Querschnittlähmung)

  1. Genussmittel

Auf Alkohol und Tabak sollte verzichtet werden. Der Konsum von Nikotin erhöht den Bedarf an Vitamin C und wirkt sich somit negativ auf Hautgesundheit und Wundheilung aus. Zudem wird die Durchblutung durch Ablagerungen in den Gefäßen und deren Verengung gestört, was die Gefahr auf Entstehung von Dekubiti und deren verzögerte Heilung erhöht (siehe: Rauchen und Querschnittlähmung).

  1. Hilfsmittel

Schlecht angepasste Hilfsmittel wie Rollstühle (inkl. Sitzschalen und -kissen) oder Orthesen erhöhen die Gefahr der Entstehung von Druckstellen. Diese Hilfsmittel zu Mobilität sollten daher stets von einer Fachperson an den Nutzer angepasst werden. Modelle „von der Stange“ sind nach Möglichkeit zu meiden (siehe: Aspekte der Rollstuhlanpassung). Zu beachten ist ebenfalls, dass Gewichtsschwankungen – d. h. eine Veränderung der Maße des Rollstuhlfahrers – auch eine Veränderung der Maße des Rollstuhls mit sich bringen müssen. Andernfalls kann das Risiko Druckstellen zu entwickeln nicht ausgeschlossen werden.

Es gibt Spezialmatratzen (siehe: Dekubitus: Lagerung und Lagerungshilfsmittel), die eine zusätzliche Druckentlastung bieten können. Diese Lagerungshilfsmittel werden speziell an die Bedürfnisse des Nutzers angepasst werden, ersetzen allerdings trotzdem nicht eine regelmäßige Umpositionierung und Hautkontrolle, sondern dienen als Zusatzmaßnahme zur Prävention von Druckstellen, vor allem für Menschen, die ein hohes Risiko aufweisen diese zu entwickeln.

  1. Kleidung und Textilien

Die Kleidung sollte an keiner Stelle einengen oder -schneiden (siehe: 5 Basics gut gemachter Rollstuhlmode). An Druckzonen sollten keine Nähte, Falten oder Applikationen vorhanden sein. Vor allem für Querschnittgelähmte mit Gehfunktion ist die Anpassung von orthopädischen Schuhen von großer Wichtigkeit.

Im Bett sollte auf glatte, faltenfreie Laken geachtet werden und darauf, dass sich zwischen Textilien keine Fremdkörper, wie im Bett vergessene Bücher, Handy, Tablets oder sonstige Gegenstände verbergen.

Weitere Informationen

Für weitere Informationen siehe: Entstehung von Druckstellen (Dekubitus), Dekubitus-Behandlung und Prävention von Druckstellen (Dekubitus)

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