Gelesen: I’ll push you

Justin und Patrick machen sich gemeinsam auf den Jakobsweg, samt Rollstuhl. Was die beiden US-Amerikaner in Nordspanien über ihre Freundschaft, die europäische Barrierefreiheit und über Gott und das Leben erfahren, haben sie in einem Buch festgehalten.

Justin ist, ausgelöst durch einen schweren Verkehrsunfall, auf den Rollstuhl angewiesen. Gerade angesichts seines Gesundheitszustandes will er es in seinem Leben nicht bei Sätzen wie „Man müsste mal …“ belassen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Patrick schmiedet er den Plan, in Europa auf Pilgerreise zu gehen. Beide arbeiten und haben Familie, aber der Plan, einmal auszubrechen, lässt sie nicht mehr los. Ein wahres Abenteuer für die zwei, denn zu Beginn ist nicht einmal geklärt, wie Justin an einen geländetauglichen Rollstuhl kommen soll. Oder wie Patrick an die Muskeln kommen soll, die er braucht, um seinem Freund über Stock und Stein zu helfen. Während Patrick ein hartes körperliches Training beginnt, bastelt Justin an Webseite und Facebook-Auftritt, um über die Sozialen Medien Sponsoren für das Vorhaben zu finden.

Hoffnung für die Welt

Schließlich ist es Patricks Chef Ed, der anregt, aus der Reise einen Film zu machen: „Weil“, so Ed mit Nachdruck, „es egoistisch und unverantwortlich wäre, es nicht zu tun! Es liegt so viel Hoffnung in Ihrem Vorhaben, dass Sie sie unbedingt teilen müssen. Die Welt muss wissen, dass es eine solche Hoffnung gibt!“

Mit viel Pathos im Gepäck gestartet, bringt die Realität die Reisenden samt Filmcrew bereits in Paris auf den Boden der Tatsachen zurück. Fehlende Rampen an Bahnsteigen, zu kleine Aufzüge, Stufen sogar im Hotelzimmer. Und noch ist der Jakobsweg nicht mal in Sichtweite. Patrick: „Als ich schließlich im Bett liege, die Augen auf die dunkle Zimmerdecke gerichtet, denke ich voller Respekt darüber nach, wie Justin sein Leben im Rollstuhl meistert.“

Justin denkt derweil mehr über Busse ohne Hebevorrichtung nach: „Schon jetzt stellen wir fest, dass die Behindertengerechtigkeit in Europa sehr zu wünschen übrig lässt.“

Erschöpft, aber glücklich

Auch „der Weg“ selbst erwischt Justin und Patrick schließlich kalt: „Obwohl wir in Vorbereitung auf den Camino Tausende Bilder und Videos gesehen haben, konnten sie uns keine Vorstellung von dem vermitteln, was uns tatsächlich erwartet.“ Insbesondere zu Beginn der Tour haben beide mit erheblichen körperlichen Reaktionen auf die Anstrengungen zu kämpfen: Neben Verspannungen, Druckstellen und Schweißausbrüchen macht sich immer wieder auch starke Erschöpfung breit. Und trotzdem sind sie glücklich und wollen es nirgendwo anders sein. Sie genießen die Begegnungen mit anderen Pilgern, lassen sich von pessimistischen Voraussagen nicht beeindrucken und vertrauen auf Gottes Segen.

Etliche Regenphasen, enge Pfade, Herbergen, wilde Pilgergeschichten, eine verlorene Brille und ein gebrochenes Rad später sitzen Justin und Patrick in Hontanas bei Kilometer 325 von 771. Justin: „Hier in Hontanas fallen alle Zwänge von mir ab, und ich kann diesen Menschen mehr von mir mitteilen als meiner Familie daheim. Zum ersten Mal spüre ich, wie sich die Fesseln, die mich an meine Arbeit binden, lockern. Ich nehme mir vor, meiner Frau und meinen Kindern ab sofort mehr von dem zu geben, was sie verdienen und sich wünschen – mehr von mir.“

Gespickt mit Erinnerungen aus Kindheitstagen erzählen Justin und Patrick im Wechsel, wie sie die gemeinsame Zeit auf dem Jakobsweg erleben. Häufig geht es dabei um die enge Freundschaft der beiden zueinander, um Familie, um Justins fortschreitende Erkrankung und um die Beziehung zu Gott. Der Leser spürt, dass der Weg in den Protagonisten etwas auslöst, das sich auf ihr Leben nach der Reise auswirken wird. Etwas, das für viele den Sinn des Pilgerns ausmacht: Distanz zum Alltag bekommen, die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten und neue Wege entdecken für das eigene Leben.

Bedingungslose Liebe und Güte

Für Rollstuhlfahrer werden viele der beschriebenen Beschwerlichkeiten des Weges nicht besonders überraschend sein. Allerdings gehen Justin und Patrick den Weg auf ihre ganz eigene Weise und geben viel Persönliches preis. Zuweilen wirken Tränen und Theatralik sehr sentimental, selbst wenn die Geschichte dahinter wirklich tragisch ist: „Die Tränen schießen mir jetzt so heftig in die Augen, dass ich nicht weiterlenen kann. Als ich zu Patrick aufsehe, hält er sich eine Hand vor den Mund. Auch über sein Gesicht laufen Tränen. Was hat diese junge Frau gegeben und was hat sie ertragen, nur um uns zu helfen, den Rollstuhl diesen Hügel hochzuschrieben?“

Immer wieder ist von Liebe und Güte, Mitgefühl, Hoffnung, Dankbarkeit die Rede, sodass man sich zuweilen vorkommt wie in einer sehr rührigen Hollywood-Verfilmung. Die Autoren glauben wohl nicht daran, dass es ausreichen könnte, die Dinge zu beschreiben, ohne den Leser mit Emotionen zu überfluten. Unermüdlich rühmen sie die Liebe und Güte einer Pilgerin und dazu ihr gutes Herz, ihre Hilfsbereitschaft, ihr Mitgefühl und ihr Licht. Amen, flüstert man beinahe im Geiste. Und ist selbst ein bisschen erschöpft von so viel Reinheit und Selbstlosigkeit.

Ende und Neuanfang

Nach 34 Tagen und fast 800 Kilometern ist der Wunsch, den Camino fortzusetzen, bei Justin und Patrick stark. Dabei rückt das Ziel unausweichlich näher. Zugleich freuen sich die Pilger auf das Wiedersehen mit ihren Ehefrauen, die sie in Santiago de Compostela erwarten. „Hier an diesem Punkt endet eine Reise, während eine neue beginnt. Was für ein wunderschöner Anfang!“

Für den Leser endet die Reise noch nicht ganz. Ihm geben die Autoren sehr persönliche Fragen mit auf den Weg:

  • Hast auch du einen lebenslangen Freund oder eine lebenslange Freundin? Was unterscheidet diese ganz besondere Freundschaft von anderen Freundschaften in deinem Leben?
  • Wie verhalten sich deine Freunde in schwierigen Zeiten? Was kannst du in dieser Woche tun, um einem Freund oder deiner Freundin beizustehen, wenn er oder sie Hilfe braucht?
  • Welche Last möchtest du heute ablegen? Wie kannst du andere auf ihrem Weg unterstützen?

Diese und andere Anstöße rund ums Aufgeben und Weitermachen, um Träume und Veränderungen, Beziehungen und Verletzlichkeit spiegeln erneut das enorme Sendungsbewusstsein der Autoren. Sie wollen, dass der Leser das eigene Leben hinterfragt. Um ebenfalls Dinge zu wagen, die bisher unmöglich schienen.

Besondere Momente ihres Abenteuers beschreiben Justin Seesuck und Patrick Gray auch in dem Blog:

www.illpushyou.com/blog

Patrick Gray, Justin Seesuck: I’ll push you – Der Jakobsweg, zwei beste Freunde und ein Rollstuhl, Benevento, Salzburg, München, 2017. Gebunden, 315 Seite, 24 Euro.

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