Neun wichtige gesundheitliche Richtwerte bei Querschnittlähmung

Welche Werte sind eigentlich gesund? Ab wann sind Keime in der Blase bedenklich, welche Trink- bzw. Ausscheidungsmenge ist optimal und wo endet mein persönlicher Energiebedarf? – Neun  gesundheitliche Werte, die man bei einer Querschnittlähmung im Auge haben sollte.

Es gibt Richtwerte rund um eine gesunde Lebensführung, die sich bei Menschen mit Para- oder Tetraplegie entweder erheblich von denen der Menschen ohne Querschnittlähmung unterscheiden oder die für die Betroffenen in bestimmten Situationen immer wieder besonders relevant werden. Im Folgenden wird von Richtwerten und Einheiten für Erwachsene ausgegangen. Die  Nummerierung ist nicht als Rangfolge zu verstehen; jeder Wert für sich ist relevant und kann bei Unter- oder Überschreitung ggf. erhebliche Folgen haben. Die Richtwerte entsprechen dem aktuellen Stand der Forschung (Dez. 2017).

1. Keime in der Harnblase

Auch Menschen mit einer völlig unauffälligen Blasenfunktion haben Keime in der Blase. Kritisch wird es aus medizinischer Sicht erst, wenn die Keimzahl einen bestimmten Wert übersteigt. Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten Komplikationen bei Menschen mit Querschnittlähmung. Daher sollten Betroffene die Ergebnisse einer Urinkontrolle auch selbst in etwa einordnen können.

Die medizinische Definition einer Harnwegsinfektion lässt sich in folgender Formel ausdrücken:

Bakteriurie mit Keimzahl ≥ 105/ml zusammen mit Leukozyturie ≥ 100/ml

Das bedeutet: Die Anzahl gefundener Keime pro 1 ml Urin beträgt 105 (100 000) oder mehr; die Leukozyten liegen pro ml bei 100 oder mehr (Arbeitskreis Urologische Rehabilitation Querschnittgelähmter, 2016).

Eine bakterielle Entzündung der Harnwege kann sich sehr unterschiedlich stark bemerkbar machen. Manchmal wird sie gar nicht wahrgenommen, darum empfiehlt es sich, regelmäßig zu Hause Teststreifen zu verwenden, die Abweichungen von den normalen pH-Werten des Urins nachweisen.

2. pH-Wert

Der pH-Wert des Urins liegt normalerweise zwischen 5 und 6.

Der Urin ist damit leicht sauer. Mittels Teststreifen oder Urintest können Abweichungen von diesem Normalwert festgestellt werden. Ein pH-Wert von über 6 kann die Folge einer Harnwegsinfektion sein.

Mehr zu den Symptomen einer Harnwegsinfektion, siehe: Harnwegsinfektion: erkennen – behandeln – vorbeugen

3. Trinkmenge

Eine regelmäßige und vollständige Blasenentleerung, die gewissenhafte Pflege des Genitalbereichs, die sorgfältige Hygiene beim Katheterisieren und eine ausreichende Trinkmenge wirken gemeinsam gegen die Ausbreitung und das Wachstum von Bakterien. Um potenzielle Erreger heraus zu spülen, empfiehlt es sich generell reichlich zu trinken.

Die Ausscheidungsmenge sollte 1.500 ml in 24 Stunden betragen.

Um diese Menge zu erreichen, müssen täglich ca. 1500–2000 ml Flüssigkeit aufgenommen werden. Eine ballaststoffreiche Ernährung, starkes Schwitzen bei heißem Wetter oder bei körperlicher Aktivität, Erbrechen, Durchfall, Diabetes oder die Einnahme von Diuretika oder Abführmitteln sowie verschiedene andere Faktoren erhöhen den Flüssigkeitsbedarf (siehe auch: Viel Trinken an heißen Sommertagen).

Gut geeignet für ein gesundes Trinkverhalten sind Wasser, ungesüßte Tees oder Schorlen. Aber auch einige Obst- und Gemüsesorten können einen ausgeglichenen Wasserhaushalt unterstützen, weil sie zu 90–95% aus Wasser bestehen. Dazu zählen z. B. Gurken, Tomaten, Erdbeeren, Grapefruits oder Honigmelone.

Siehe auch: Trinkverhalten bei Querschnittlähmung

Mittlerweile gibt es sogar Apps, die Betroffene daran erinnern können, regelmäßig zu trinken:

Siehe: Trinken nicht vergessen mit Smartphone-Apps

4. Energiebedarf

Der Ruhezustand ist ab und an ein sehr schöner Zustand. Nur unglücklicherweise ist es ja so: Je weniger Muskeln der Körper hat, umso weniger Energie benötigt er im Ruhezustand. Daher hat ein Bodybuilder einen ganz anderen Grundumsatz, d. h. er verbraucht schon liegend vor dem Fernseher mehr Energie, also Kilokalorien (kcal), als eine Person mit wenig Muskelmasse. Das liegt daran, dass Muskelzellen aktiver sind als Fettzellen.

Abgesehen davon hängt der Grundumsatz, d. h. die Energie, die der Körper in Ruhe braucht, um Körperfunktionen aufrecht zu erhalten, auch vom Alter und Gesundheitszustand ab. Bei Menschen mit Querschnittlähmung kann das Vorhandensein einer Spastik die Berechnung auf den Kopf stellen, weil eine häufige Muskelkontraktion große Mengen an Energie beansprucht. Von einer Spastik betroffene Menschen sind daher in der Regel eher schlank.

Siehe auch: 14 Regeln zur Ernährung Querschnittgelähmter

Da Rollstuhlfahrer im Bereich der Beine kaum Muskulatur aufbauen oder erhalten können, geht man bei ihnen von einem verringerten Energiebedarf aus. Zugleich ist der Bedarf an Mikronährstoffen, Elektrolyten, Vitaminen, Spurenelementen wie auch an sekundären Pflanzenstoffen nicht reduziert. Das bedeutet, diese müssen im Rahmen einer geringeren Menge an Kalorien aufgenommen werden.

Zur Bestimmung des Grundumsatzes bei Männern und Frauen ohne Behinderung existiert seit 1990 die Mifflin-St. Jeor-Formel:

Männer:

10 x Körpergewicht* in kg + 6,25 x Körpergröße in cm – 5 x Alter + 5 = Grundumsatz

Frauen:

10 x Körpergewicht* in kg + 6,25 x Körpergröße in cm – 5 x Alter – 161 = Grundumsatz

* Siehe auch: Wie wiegen sich Rollstuhlfahrer?

Ein Beispiel:

Mann, 180 cm groß, 40 Jahre, 80 kg:

10 x 80 + 6,25 x 180 – 200 + 5 = 1730

Um einen Wert für den Energiebedarf pro Tag zu erhalten, wird der errechnete Grundumsatz mit einem sogenannten PAL-Wert (Physical Activity Level) multipliziert. Dieser leitet sich vom Aktivitätslevel der Person ab:

 

Bezogen auf den 40-Jähigen aus oben genanntem Beispiel, bei einem Leben als aktiver Rollstuhlfahrer, bedeutet dies:

Grundumsatz 1730 x Aktivitätslevel  1,3 = 2249 kcal/Tag

Hinzu kommt in allen Fällen noch ein Wert für die Thermogenese, die Energie, die der Körper aufbringen muss, um die aufgenommene Nahrung zu verarbeiten. Hier rechnet man mit ca. 10% des Energieumsatzes.

Für den Beispielfall bedeutet dies:

(2249 : 10 = 224) Energiebedarf =2474 kcal/Tag

Allgemeine Formel zum Energiebedarf bei Querschnittlähmung

Grundumsatz x PAL-Wert = Aktivitätsumsatz + 10% = Energiebedarf (kcal/24 h)

Der so errechnete Wert sollte keinesfalls als unumstößliches Muss betrachtet werden. Vielmehr geht es um eine Orientierung, die in jedem Fall individuell anzupassen ist.

5. Ernährungsverhalten

Wer weiß, wie viel er pro Tag essen sollte, weiß noch lange nicht, wie er seinen Kalorienbedarf am besten auf die unterschiedlichen Nahrungsmittelgruppen verteilt. Auch dazu gibt es Richtwerte, die  das Netzwerk Ernährung Querschnittgelähmter in ihren „Ernährungsempfehlungen für Querschnittgelähmte“ (Lobbach, 2014) zusammengestellt hat.

Die Pflegewissenschaftlerin und Gesundheits- und Krankenschwester Veronika Geng und die Ernährungsberaterin Bettina Senft haben ein „Ernährungsrad“ für Menschen mit einer Querschnittlähmung entwickelt, das auf einen Blick zeigt, welche Anteile die Nahrungsmittelgruppen an der täglichen Ernährung haben sollten:

Dabei entspricht eine Einheit ungefähr der Portion, die eine Person mit dem eigenen Handteller tragen kann. Diese Richtwerte sollen helfen, eine ausgewogene Ernährung unkompliziert umzusetzen.

Siehe auch: Das Ernährungsrad für Querschnittgelähmte und Gemüse und Obst: Wie kriegt man es (r)unter?

Zudem sind in der Manfred-Sauer-Stiftung im Jahr 2017 die beiden Bücher „Querschnitt Ernährung“ und „Querschnitt Kochen“ erschienen. Sie liefern nicht nur ganz spezielles Hintergrundwissen zum Thema Ernährung bei Menschen mit Querschnittlähmung, sondern auch die passenden Rezepte dazu. Siehe: Querschnitt Ernährung & Querschnitt Kochen – Das Kochbuchprojekt der Manfred-Sauer-Stiftung

6. Cholesterin

Die Körperzellen brauchen Cholesterin, eine Verbindung aus Fetten und Eiweißen, für den Aufbau der Zellmembran. Nach einer Rückenmarksverletzung beobachten Experten bei den Betroffenen eine gesteigerte Tendenz zu Übergewicht. Dieses geht häufig mit erhöhten Blutfettwerten einher. Überschüssige Cholesterinpartikel können sich in den Gefäßwänden der Schlagadern ablagern und zu Entzündungen und Verkalkungen führen. Daher ist es umso wichtiger den Cholesterinspiegel im Auge zu behalten.

Wünschenswert ist ein Cholesterolwert unter 200 mg/dl, risikoverdächtig und kontrollbedürftig sind Werte zwischen 200 – 250 mg/dl (Deutsche Gesellschaft für Ernährung).

Dabei ist allerdings zu beachten, dass insbesondere die Cholesterinwerte seit Langem zu Auseinandersetzungen unter den Experten führen. Was sie genau aussagen, ist strittig. Individuelle Ergebnisse sollten deshalb zusammen mit dem behandelnden Haus- oder Facharzt besprochen und im Kontext betrachtet werden.

Den Cholesterinspiegel sollten Querschnittgelähmte dennoch jährlich testen lassen, um bei abweichenden Werten ggf. Gegenmaßnahmen ergreifen zu können (Lewin/Salzman, 2017).

Siehe auch: Herzgesundheit bei Querschnittlähmung

7. Blutzucker

Bei einem gesunden Menschen schwankt der Blutzuckerspiegel nur wenig.

Im nüchternen Zustand liegt er zwischen 70 und 95 mg/dl (mg/dl = Milligramm pro Deziliter). Nach einer Mahlzeit bleibt der Wert unter 140 mg/dl.

Wenn der Nüchtern-Blutzucker 100 mg/dl übersteigt, handelt es sich bereits um einen kritischen Wert und eine genaue Beobachtung ist notwendig (Hauner, 2016). Bei einem Nüchtern-Blutzuckerwert von 110 mg/dl spricht man von Diabetes. Diabetes kann angeboren (Diabetes Typ 1) oder erworben (Diabetes Typ 2) sein.

Querschnittgelähmte haben im Vergleich zu Nicht-Behinderten ein erhöhtes Risiko an Diabetes mellitus Typ II zu erkranken. Diabetes mellitus ist eine chronische Krankheit, bei der der Körper das Bauchspeicheldrüsenhormon Insulin nicht (mehr) in ausreichendem Maße herstellen und/oder optimal einsetzen kann. Dadurch kann der Blutzucker nicht verwendet werden und erreicht im Blut ein derartig hohes Niveau, dass eine Schädigung aller Organe, vor allem des Herzens, möglich ist.

Bei einem von Diabetes betroffenen Menschen kann der Blutzuckerspiegel im Laufe des Tages stark schwanken, wobei sowohl ein zu hoher als auch ein zu niedriger Blutzuckerspiegel (Unterzuckerung) erhebliche Risiken birgt.

Durch eine angepasste Ernährung und körperliche Betätigung kann Diabetes Typ 2 weitgehend kontrolliert werden, doch ist möglicherweise auch die Einnahme von Medikamenten, entweder oral oder via Injektionen, notwendig. Risikofaktoren, Anzeichen, Folgen und mehr in dem Beitrag: Diabetes mellitus und Querschnittlähmung.

8. Blutdruck

Der Blutdruck sollte unter Normalbedingungen und ohne Berücksichtigung individueller Abweichungen bei 120/80 mm Hg (Millimeter Quecksilbersäule) liegen.

Insbesondere Menschen mit einer Lähmungshöhe oberhalb von Th 6/Th 7 sollten ihren Blutdruck auch als Indikator für einen Reiz unterhalb der Läsionshöhe, z. B. eine zu volle Blase, wahrnehmen. Ein Blutdruck von 20 bis 30 mm Hg über dem Normalwert (Bluthochdruck) könnte Anzeichen einer solchen Reizung mit der Folge einer Autonomen Dysreflexie sein. Die Autonome Dysreflexie muss sofort behandelt werden, da sie anderenfalls zu Herz-, Hirnschlägen, Hirnblutungen und schlimmstenfalls zum Tod führen kann. Mehr über Ursachen, Anzeichen, Symptome und Interventionsmöglichkeiten in dem Beitrag Was geschieht bei einer Autonomen Dysreflexie?

Haben Betroffene unabhängig von den Symptomen einer Autonomen Dysreflexie mit erhöhtem Blutdruck zu kämpfen, sollte das unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Siehe Querschnittlähmung und Bluthochdruck

Je nach Läsionshöhe kann es neben der Autonomen Dysreflexie zu extrem niedrigem Blutdruck kommen, der plötzlich, z. B. durch einen Lagewechsel, verursacht wird. Er kann mit Schwindel, Schwächegefühl oder Augenflimmern bis hin zur Bewusstlosigkeit verbunden sein. Man spricht dabei von einer Orthostatischen Hypotonie. Ursache sind Störungen in der Funktion des vegetativen Nervensystems. Siehe auch: Kreislaufprobleme bei Querschnittlähmung und Blutdruck im Keller? Hypotonie und orthostatische Dysregulation bei Querschnittlähmung

9. Kalzium und Vitamin D für einen gesunden Knochenbau

Auch wenn Osteoporose bei Querschnittlähmung häufig als Folge der fehlenden Belastung der Knochen (Inaktivitätsosteoporose) entsteht, kann sie auch Folge eines Kalziummangels sein. Voraussetzung für die ausreichende Aufnahme von Kalzium ist eine ausreichende Versorgung des Körpers mit Vitamin D.

Dieses Vitamin nimmt der Mensch nur zum Teil über die Nahrung auf. Für eine gute Versorgung mit Vitamin D sorgt vor allem die Sonneneinstrahlung. Wer viel an der frischen Luft unterwegs ist, hat ein geringeres Risiko eines Vitamin-D-Mangels. Personen, die z. B. aus gesundheitlichen Gründen (vorübergehend) wenig raus kommen, sollten daher ihre Werte beim Arzt überprüfen lassen.

Normalwert für Kalzium: 2,1–2,6 mmol/l (Millimol/Liter)

Es empfiehlt sich den Körper bei der Aufnahme von Kalzium und Vitamin D durch eine geeignete Auswahl von Nahrungsmitteln bzw., wenn nötig, durch Nahrungsergänzungsmittel in Absprache mit dem Arzt, zu unterstützen.

Siehe auch: Osteoporose bei Querschnittlähmung

 

 

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