Mit dem Rollstuhl in die winterlichen Nationalparks

Naturnah muss nicht automatisch unzugänglich für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bedeuten. Man kann sich mit Outdoor-Rollstühlen ins Abenteuer stürzen – oder Ziele und Touren wählen, die als rollstuhlgerecht ausgewiesen sind. Z. B. in der Eifel, der Sächsischen Schweiz und im Wattenmeer.

Rollstuhlgerechte Wanderungen und barrierefreie Informationszentren bringen Menschen mit Handicap auf Tuchfühlung mit der Natur, wie die Arbeitsgemeinschaft Barrierefreie Reiseziele in Deutschland in einer Pressemitteilung klarstellt.

Nationalpark Sächsische Schweiz

Tafelberge, bizarre Felsformationen, Weite: willkommen im deutschen Monument Valley. Die Sächsische Schweiz unweit von Dresden ist eine der spektakulärsten Naturlandschaften Europas. Über 93 Quadratkilometer davon sind Nationalpark. Es ist nicht nur ein beliebtes Wandergebiet, sondern auch das Zuhause einer reichen Tier- und Pflanzenwelt. Im Winter zeigt sich das Schutzgebiet wie verwunschen. Tiefer Frieden und eine unglaubliche Stille ist dann hier erfahrbar.

Für Rollstuhlfahrer ist die drei Kilometer lange, barrierefreie Tour von Hohnstein zur Brandaussicht ganzjährig geeignet – passende Witterung vorausgesetzt. Es gibt kaum Steigungen und der Weg ist breit und gut befestigt. Die Brandaussicht, auch „Balkon der Sächsischen Schweiz“ genannt, entschädigt mit einem fantastischen Panoramablick für die Anfahrt.

Danach geht es in die rustikale, barrierefrei zugängliche Brand-Baude, wo sich Wanderer am Kaminofen wärmen und mit guter sächsisch-böhmischer Küche stärken. Gleich neben dem Restaurant befindet sich die stufenlos zugängliche Nationalpark-Informationsstelle Brand mit einem Reliefmodell der Nationalparkregion.

In Bad Schandau lohnt sich der Besuch des Nationalparkzentrums mit seiner interaktiven Erlebnisausstellung. Sehbehinderte, Hörgeschädigte und Lernbehinderte können spezielle Führungen vereinbaren. Der Kino- und Vortragssaal ist mit Induktionsschleifen ausgestattet, die Hörgeräteträgern einen qualitativ hochwertigen Klang ermöglichen. Von Bad Schandau aus geht es weiter mit einer Straßenbahnfahrt durch das wildromantische Kirnitzschtal. Die seit 1898 bestehende Straßenbahnlinie führt europaweit als einzige durch einen Nationalpark. Der Einstieg am Kurpark und der Ausstieg am Lichtenhainer Wasserfall sind rollstuhlgerecht gestaltet.

Siehe auch: Barrierefreies Elbsandsteingebirge

Nationalpark Eifel

Rund 17 Quadratkilometer größer als der Nationalpark Sächsische Schweiz und fast 700 Kilometer weiter westlich liegt der Nationalpark Eifel. Zwischen Bachtälern und Buchenwäldern leben Wildkatzen, die hier „Kleine Eifeltiger“ heißen, Rothirsche und Biber. Über 2000 bedrohte Tier- und Pflanzenarten haben ihr Zuhause im Schutzgebiet gefunden. Auch der Nationalpark Eifel hat sich auf Menschen mit Behinderungen eingestellt. Auf einem Bergrücken zwischen Rursee und Urftsee liegt ein über sechs Kilometer langes barrierefreies Wegenetz, der Natur-Erlebnisraum Wilder Kermeter. Hier lauschen blinde Wanderer auf Sinnesliegen dem Knacken der Bäume und dem fernen Röhren der Hirsche. Am Felsvorsprung Hirschley genießen Rollstuhlfahrer nicht nur den Panoramablick auf den Rursee, sondern auch die Rast an unterfahrbaren Tischen. Für Schwerhörige und Gehörlose bieten Ranger in Zusammenarbeit mit einem Gehörlosenheim Führungen in Gebärdensprache an.

Immer sonntags, auch im Winter, startet die dreistündige kostenfreie Rangertour Wilder Kermeter, die Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenführt. Es geht vorbei an historischen Köhlerplätzen und an riesigen Rotbuchen. Schwerhörige Menschen sollten sich bei der Nationalparkverwaltung Eifel anmelden, damit ihnen der Ranger einen mobilen Hörverstärker mitbringen kann. Die Tour findet bei jedem Wetter statt, denn der Wanderweg zählt zu den Winterwanderwegen des Nationalparks Eifel und wird bei Bedarf von Schnee befreit.

Im barrierefreien Nationalpark-Zentrum Eifel in Vogelsang rückt die interaktive Ausstellung „Wildnis(t)räume“ das Thema biologische Vielfalt ins Zentrum. Hier erfahren Besucher, wie der Urwald von morgen entsteht oder wie Tiere ganz ohne GPS immer den richtigen Weg finden. Alle Informationen sind in Gebärdensprache übersetzt, für blinde Besucher gibt es Audiodeskriptionen und Brailleschrift.

Siehe auch: Wildnis minus Hindernis: Natur barrierefrei

Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer

Eine ganz andere Wildnis lässt sich im Norden Deutschlands erleben: das Wattenmeer. Im Wasser sowie in und auf Watt, Sandbänken, Dünen, Salzwiesen, Mooren und Heideflächen leben etwa 10.000 Pflanzen- und Tierarten. Diese Vielzahl und Vielfalt findet man nirgendwo sonst auf der Welt. Seit 1986 ist das Niedersächsische Wattenmeer als Nationalpark geschützt. Mit rund 3.450 Quadratkilometern ist es der zweitgrößte Nationalpark Deutschlands.

Wie tausende winzige Spaghettihaufen sehen sie aus, die Kotablagerungen des Wattwurms im Niedersächsischen Wattenmeer. Sie geben nicht nur ein originelles Fotomotiv ab, sondern sind von zentraler Bedeutung weiterer Arten im Wattboden. Am besten zu sehen sind sie bei einer geführten Wattwanderung. Menschen im Rollstuhl können im Wangerland und in Norddeich Wattmobile ausleihen, das sind große Dreiräder mit Ballonreifen. Diese lassen sich leicht schieben und versinken nicht im weichen Wattboden.

Wattwanderungen sind vor allem im Sommer beliebt. Im Winter aber sind auch die Nationalparkhäuser und Nationalpark- und UNESCO-Weltnaturerbe-Zentren einen Ausflug wert. In der kalten Jahreszeit geöffnet und barrierefrei zugänglich sind die Zentren in Wilhelmshaven und Norderney sowie die Nationalparkhäuser auf Wangerooge, in Norddeich mit der Seehundstation, auf Spiekeroog und auf Anfrage in Dornumersiel.

Siehe auch: Barrierefrei unterwegs: Ostfriesland, Dünengras und Meeresbrise: Sylt barrierefrei, Im Rollstuhl mobil auf Rügen

 

Auch interessant für Ausflügler und Kurzurlauber: Barrierefreie Landpartie und Barrierefreie Aktivurlaubs- und Reiseziele in Deutschland.

Und für alle, die es ganz abenteuerlich mögen: Outdoor-Elektrorollstühle für den Trip ins Abenteuer, Handbikes: Varianten von Hybrid bis Extrem und Ab ins Gelände mit manuellen Outdoor-Rollstühlen.

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