Reem Sahwil: Ich habe einen Traum

Aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung nach ihrer Geburt ist Palästinenserin Reem Sahwil jahrelang gelähmt. Nach der Flucht nach Deutschland erhält sie die Behandlung, die ihr den bestmöglichen Umgang mit der Gehbehinderung ermöglicht. In „Ich habe einen Traum“ erzählt sie ihre Geschichte.

Aus dem Inhalt

„Viel zu früh kam Reem Sahwil zur Welt, doch in ihrem libanesischen Flüchtlingslager konnte sie nicht schnell genug medizinisch versorgt werden. Mit gravierenden Folgen: Jahrelang war sie gelähmt und musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Ihre Flucht führte Reem und ihre Familie schließlich nach Deutschland, wo sie endlich die medizinische Behandlung erhielt, die sie brauchte “, so der Klappentext von „Ich habe einen Traum“.

Sahwils Geschichte beginnt in einem Flüchtlingslager im Libanon, wohin ihre palästinensische Familie vor drei Generationen aus dem israelischen Haifa umgesiedelt wurde. Eine Operation, die seit Geburt gegebene spastische Lähmung ihres linken Beines beheben sollte, wird in Deutschland durchgeführt, bringt aber nicht das angekündigte Ergebnis. Nachdem die Familie das zweite Mal die Summe für den Eingriff aufgebracht hat, sind ihre finanziellen Mittel erschöpft und sie beschließt aufgrund der schlechten medizinischen Versorgung und den desolaten wirtschaftlichen Aussichten für Palästinenser den Libanon zu verlassen.

Nach einigen Umwegen findet die Familie ein dauerhaftes Heim in Rostock, wo Sahwil eine integrative Schule besucht, in der Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam unterrichtet werden. Ihre Zerebralparese wird Botulinumtoxin A behandelt. Auch wenn sie der Prozedur anfangs skeptisch gegenüber steht, stellt sie fest, dass sie Linderung bringt. Sie schreibt: „Ich hatte (trotzdem) Angst vor dieser Spritze. Noch dazu musste ich feststellen, dass sie höllisch wehtat. Dennoch merkte ich ziemlich schnell, wie gut sie mir tat. Der Druck und der Zug in der Wade ließen nach. Mein Bein wurde locker. Ich war zwar weiterhin weit davon entfernt, laufen zu können, aber das Gefühl war nun anders. Ich fühle mich wie befreit.“

Im Libanon war Sahwil, was ihre Mobilität anging, stets auf die Hilfe von anderen angewiesen gewesen. Zu Hause stützen oder trugen sie Familienmitglieder; in der Schule waren es Cousinen oder Freunde, die ihr halfen. In Deutschland wird sie mit neuen Schienen, zu ihrem großen Ärger mit orthopädischen Schuhen und schließlich zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Rollstuhl versorgt. Erwähnenswert findet Sie es, dass das zwölfstöckige Hochhaus, in dem die Wohnung der Familie ist, nicht nur über einen Fahrstuhl sondern auch über eine breite Rampe für Rollstuhlfahrer verfügt.

Der Eingriff, der die Gehfähigkeit wieder herstellt

Schließlich wird eine Operation durchgeführt, bei der die Sehnen ihres verkürzten Beines verlängert werden. Nach einem zweiwöchigen postoperativen Aufenthalt in der Klinik und einer dreiwöchigen Reha wird sie entlassen, wobei die Erwartungshaltung ihres Vaters, der so viel auf sich genommen hat, um sie laufen zu sehen, zunächst eine zusätzliche emotionale Belastung darstellt. Sahwil schreibt: „Selten hatte ich ihn so ungeduldig erlebt wie nach meiner Entlassung. Am liebsten hätte er meinen Rollstuhl schon am Klinikausgang entsorgt… Papa war begeistert. Die Mediziner waren offenbar dermaßen überzeugt von meinen neuen Fähigkeiten, dass sie ab sofort einen Rollator für ausreichend hielten. Doch während ich mich nach meiner Reha am liebsten auf meinem Rollstuhl festgetacker hätte, drängte mich Papa ständig auf die Füße… Es war ein ungewohntes Gefühl, beide Füße komplett aufsetzen zu können. Papa strahlte jedes Mal, wenn er es sah.“ Während die Ärzte von dem Erfolg der Operation überzeugt sind und ihr Vater sie unaufhörlich ermutigt, verweigert sich Sahwil dem Prozess des Laufenlernens vehement. Was ihrem Umfeld und auch ihr selbst zunächst unerklärlich ist. Sie kommt retrospektiv zu dem Schluss: „Solange ich davon träumte, ohne Hilfe laufen zu können, es aber nicht ausprobierte, konnte ich nicht scheitern. Wenn ich jetzt aber aufstand und feststellte, dass die Ärzte sich geirrt hatten, dann zerplatzte dieser Traum. Und davor hatte ich Angst… Vermutlich hatte ich sogar noch mehr Angst davor, dass Papas großer Traum zerplatzen könnte. Das hätte ich unerträglich gefunden, nachdem er so sehr für mich gekämpft hatte. Deshalb blieb ich lieber sitzen.“

Erst mithilfe ihrer Freundinnen aus der Schule, in der Sahwil die Außenseiterstellung, die sie aufgrund der Sprachbarriere und auch des Rollstuhls, zunächst innehielt, längst überwunden hatte, erlernt sie das Gehen. Sie dokumentiert die Fortschritte, die sie in den Pausen macht. Sie schafft erst wenige Schritte, dann längere Strecken ganz ohne Hilfe, bis sie schließlich den Rollstuhl nur noch braucht, wenn sie sehr erschöpft ist. Der Traum ihres Vaters, und der ihre, ist wahr geworden.

Das Treffen mit Angela Merkel

Sahwil ist zu diesem Zeitpunkt 14 Jahre alt, seit vier Jahren – mit nach wie vor ungeklärtem Aufenthaltsstatus – in Deutschland und betrachtet sich inzwischen als zu „deutsch“ für das Leben im Libanon. Kurze Zeit später, im Juli 2015, findet in ihrer Schule ein Bürgerdialog mit Bundeskanzlerin Angela Merkel statt, an dem Sahwil teilnimmt. Als beim Gespräch mit der Kanzlerin der Satz fällt „Es werden auch manche (Flüchtlinge) wieder zurückgehen müssen.“ und Sahwil in Tränen ausbricht, geschieht dies vor allem aus der Angst heraus ausgewiesen und nochmals entwurzelt zu werden. Die negativen Reaktionen in den Medien und sozialen Netzwerken auf das Verhalten Merkels, die Sahwil als durchweg sympathisch empfand, kann sie nicht verstehen. Sie schreibt: „Frau Merkel kam zu mir rüber und strich mir unbeholfen über den Hinterkopf und meine Schulter. … So spröde ihre Worte klangen – ich spürte, dass sie meinen Schmerz durchaus verstand, aber meine Tränen überforderten sie. Schließlich war Frau Merkel ebenso hilflos wie wir. Was sollte sie denn machen?“

Der darauffolgende, nicht immer positive Medienrummel um Sahwils Person, war, wie sie im Nachhinein feststellt, wie ein Startschuss in ein neues Leben. Ein Leben, in dem für Sahwil und ihre Familie der Wunsch in Erfüllung geht, endlich in Sicherheit und ohne Angst in einem Land leben zu können, in dem Friede und Freiheit für alle seine Bürger garantiert sind.

Das Buch

  • Ich habe einen Traum. Als Flüchtlingskind in Deutschland
  • Von: Reem Sahwil
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3453603929
  • Preis: 9,99 (Stand: Nov. 2017)

 

Über Reem Sahwil

Reem Sahwil erlangte eine gewisse Bekanntheit wegen ihrer Interaktion im Juli 2015 bei einer Diskussionsrunde, dem Bürgerdialog Gut leben in Deutschland, mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Merkels Aussage, dass Deutschland nicht alle Flüchtlinge aufnehmen könne, hatte die damals 14-jährige Sahwil vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen lassen. Obwohl Merkel versuchte sie zu trösten, löste ihre unterstellt gefühlskalte Art einen Sturm der Entrüstung in Internetforen und den sozialen Netzwerken aus. Es folgte ein intensives Interesse der Medien an Sahwil und ihrer Familie, das ihr Leben erneut in ungewohnte Bahnen lenkte.

Inzwischen hat Sahwil eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis, eine sog. Niederlassungserlaubnis, erhalten, wodurch sie und ihre Familie vor einer Abschiebung geschützt sind. Im Sommer 2017 veröffentlichte die heute 17-Jährige ihre Autobiografie.

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