Filmstart: Zu Fuß kommt er nicht weit….

„Don’t worry, weglaufen geht nicht” ist der Titel eines Filmes über den querschnittgelähmten amerikanischen Cartoonisten John Callahan. Die Mischung aus Komödie und Drama überrascht mit Tiefgang und Detailverliebtheit.

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„Don’t worry, weglaufen geht nicht“ ist ein 2018 erschienener Film mit Oscarpreisträger Joaquin Phoenix in der Titelrolle. Durch die nicht-lineare Erzählweise, ist die Geschichte nicht durchgängig vorhersehbar, wodurch sie an Reiz gewinnt, vom Zuschauer aber auch erhöhte Aufmerksamkeit fordert. Seit 2019 ist der knapp zweistündige Film auf DVD und Blue Ray sowie über Streamingdienste erhältlich.

Aus dem Inhalt

John Callahan ist 21 Jahre alt, liebt das Leben, schräge Witze und Alkohol. Denn Alkohol liebt er sehr. Daran ändert auch der Unfall nichts, der ihn nach einer Kneipentour zum Tetraplegiker macht. Schließlich wendet sich Callahan wegen seiner Alkoholprobleme an die anonymen Alkoholiker und landet so in der Selbsthilfegruppe des reichen Hippies Donny. Mit Hilfe der Gruppe und des 12-Schritte-Plans zur Trockenheit, den Donny sich ausgedacht hat, überwindet Callahan sein Selbstmitleid und seine Alkoholsucht und beginnt trotz eingeschränkter Handfunktion Comics zu zeichnen. Schließlich werden seine Arbeiten nicht nur in einer Lokalzeitung, sondern auch landesweit veröffentlicht und es folgen mehrere Publikationen als Sammelwerke.

Protagonist mit Tetraplegie

Die Darstellung der Querschnittlähmung ist sehr überzeugend. Charakterdarsteller Phoenix hat bei der Vorbereitung auf die Rolle des John Callahan ganze Arbeit geleistet: Bereits in der ersten Szene ist der Zuschauer (der weiß worauf er achten muss) davon überzeugt, dass dieser Mann eine Querschnittlähmung mit Läsionshöhe C5/6 hat. Und das jemand seine Sitzhaltung korrigieren müsste, weil sonst Druckstellen entstehen werden (was auf den echten John Callahan tatsächlich zutraf). Außerdem überlegt man sich, wieso er einen Elektrorollstuhl fährt, und nicht einen manuellen Rollstuhl mit Zusatzantrieb. Aber „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ spielt in den 70er und 80er Jahren….

Auch andere Aspekte der Querschnittlähmung greift der Film auf. Er zeigt, dass Callahan nicht eigenständig ausscheiden kann, dass seine Sexualfunktionen sich verändert haben, und dass er in vielen Bereichen des Lebens – von der persönlichen Hygiene bis zu Mobilität in einer nicht rollstuhlgerechten Umwelt – vollständig von anderen abhängig ist.

Die Gefühle, die man dem Protagonisten entgegen bringen möchte, schwanken zwischen Mitgehfühl und Bewunderung. Einerseits bedauert man ihn: Nicht nur, dass seine leibliche Mutter ihn zur Adoption freigab, er ein Suchtproblem hat und eine Sozialarbeiterin ihm die finanziellen Mittel streichen will. Er hat auch noch einen persönlichen Assistenten, den man sofort wegen Unfähigkeit feuern möchte. Andererseits schafft er es eine Nachtschwester dazu zu bringen ihm sexuelle Gefälligkeiten zu erweisen, eine schwedische Stewardess als feste Freundin an Land zu ziehen und als Künstler weltweite Berühmtheit zu erlangen.

Die Macher von „Don’t worry, weglaufen geht nicht“ legen den Fokus der Gesichte auf Callahans Alkoholsucht, so dass man den Eindruck hat, einen Film über einen Suchtkranken, der nebenbei Tetraplegiker ist, zu sehen und nicht einen Film über einen renommierten (alkoholsüchtigen) Künstler, der das Thema Behinderung in seinen Werken aufgreift – und dabei aus eigener Erfahrung spricht.

Über John Callahan

„Don’t worry, he won’t get far on foot!“ beruht auf dem gleichnamigen autobiographischen Buch des Cartoonisten John Callahan. 1972 zog sich Callahan im Alter von 21 Jahren bei einem unverschuldeten Autounfall eine Tetraplegie zu. Nach dem Unfall begann er trotz eingeschränkter Handfunktion Karikaturen zu zeichnen. Tabuthemen wie Behinderungen und Krankheiten behandelte Callahan in seinen Comics mit für ihn charakteristischem subtilen schwarzen Humor, für den der Titel seiner als Karikatur dargestellten Quasi-Memoiren „Will the Real John Callahan Please Stand Up?“ (dt.: Würde der echte John Callahan bitte aufstehen?) ein passendes Beispiel ist.

Seit 1982 erschienen seine Comics regelmäßig in Wochenzeitungen. Kritiker bezeichneten seine Arbeit oft als politisch inkorrekt, was Callahan wenig beeindruckte. Er sagte: „Mein einziger Maßstab dafür, ob ich zu weit gegangen bin, ist die Reaktion, die ich von Menschen im Rollstuhl oder mit Haken als Hände bekomme. Wie ich haben sie die Nase voll von Leuten, die sich anmaßen, für Menschen mit Behinderung zu sprechen. All das Mitleid und die Bevormundung. Das ist es, was wirklich verabscheuenswert ist.“

Callahan starb im Alter von 59 Jahren nach einer Operation, der er sich wegen Folgeerkrankungen (Dekubitus und Atemfunktionsstörungen) aufgrund seiner Querschnittlähmung hatte unterziehen müssen.

 

Für mehr Filme, die das Thema Querschnittlähmung aufgreifen, siehe: Die glorreichen elf: Großes Kino mit oder über Querschnittgelähmte

 

Auch im deutschsprachigen Raum gibt es großartige Künstler, die selbst eine Gehbehinderung haben und dies in ihren Werken aufgreifen. Siehe z. B.:

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