Rolli Blues – Tarantino mit Rollstuhlfahrern

Der ungarische Spielfilm “Rolli Blues – Wenn’s mal wieder hart auf hart kommt” aus dem Jahr 2016 ist eine preisgekrönte Actionkomödie, in der Rollstuhlfahrer zu Auftragskillern werden. Die Geschichte schwankt zwischen Blutorgie und witziger Originalität.

Es gibt Situationen, in denen man der Realität entfliehen will. In denen man so unsagbar wütend auf die Welt ist, dass man schreien, ausbrechen oder dem Typen, der einem den Parkplatz klaut, mit einer 44er das Gehirn wegpusten möchte. Nicht in Wirklichkeit, aber in Gedanken. In Tagträumen. Oder umgesetzt in Stilrichtungen der Kunst… . Der junge, von Geburt an querschnittgelähmte Zoli ist in solch einer Situation. Er benötigt eine Operation, die ihn nicht nur vor Schmerzen bewahren, sondern ihm letztendlich auch das Leben retten soll. Leider ist diese Operation sehr teuer und bezahlt werden soll sie ausgerechnet von seinem Vater, der im Ausland lebt und seine Familie verlies, als Zoli noch ein Baby war. Kontakt hat er zu seinem Vater nicht, und die Idee ihm für irgendetwas dankbar sein zu müssen, begeistert Zoli nicht. Gemeinsam mit seinem spastisch gelähmten Kumpel und Mitbewohner Barba, überlegt er, wie sie an Geld kommen können.

Bühne auf für den ehemalige Feuerwehrmann Rupaszov, der seit einem Unfall querschnittgelähmt ist und durch flächendeckende Gewalttätigkeit auffällt. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitet er als Auftragskiller für die Budapester Unterwelt. Dabei ist er recht erfolgreich, da den Rollstuhlfahrer niemand ernst nimmt, bis er ihnen eine Kugel durch den Kopf gejagt hat – und dann ist es zu spät. Das mit seinem Schicksal hadernde Raubein heuert Zoli und Barba als seine Gehilfen an, was die beiden schwer begeistert, da man als gedungener Mörder wohl nicht so schlecht verdient. Rupasovs Auftraggeber, dem Mafiaboss Rados, allerdings mag das Arrangement so gar nicht gefallen und er verlangt von Rupasov die beiden – permanent – aus dem Weg zu räumen…

Trailer – Rolli Blues

Rolli Blues ist eine actionreiche Komödie, in deren Mittelpunkt drei Menschen mit Behinderungen stehen. Dabei wird die Behinderung zwar thematisiert und instrumentalisiert, aber als Teil der Person und als Triebkraft im Leben – nicht als grausames Verhängnis, dass es zu besiegen gilt. Der Film macht kaum erkennbare Unterschiede zwischen Realität und Traumwelt und verwischt die Übergänge durch gezeichnete Sequenzen im Comicstil. Diese sind so geschickt eingebettet, dass man als Zuschauer nicht davon verwirrt, sondern subtil auf den Twist am Ende vorbereitet wird.

Jenseits des künstlerischen und gesellschaftskritischen Anspruches von Rolli Blues, macht es einfach Freude zuzusehen, wie Rupasov aus dem Rollstuhlfahrer heraus umstrittene Gerechtigkeit austeilt, und als zögernde Vaterfigur den beiden Jungs den Weg zu Alkohol, Sex und deutlich mehr Spaß im Leben ebnet. Es entsteht nach einem vorsichtigen Herantasten an das bisher Unbekannte eine Freundschaft, die beiden Seiten etwas gibt. Die Erkenntnis, dass dies in verschiedenen Lebenssituationen möglich ist, bzw. der Wunsch danach, dass dies so sein möge, ist ein wichtiger Katalysator in Zolis Leben. Und eine Botschaft an jemanden, der bisher in der Geschichte noch gar nicht vorkam.

Darsteller und Umsetzung

Von den drei Protagonisten ist Rupaszov der einzige, der von einem nicht-behinderten Schauspieler dargestellt wird. Für die Rollen von Zoli und Barba wurden mit Zoltán Fenyvesi und Adám Fekete zwei Nachwuchsschauspieler ausgewählt, die dieselbe Behinderung haben, wie die Figuren, die sie spielen. Während Fekete ein ausgebildeter Schauspieler ist und bereits kleinere Rollen im ungarischen Fernsehen hatte, war Fenyvesi vor allem für seine Internetpräsenz (Instagram – Zoltán Fenyvesi) bekannt.

Nicht nur wegen dieser Wahl, sondern auch wegen einer Ausstattung, die nicht aus der Asservatenkammer sondern aus dem wahren Alltag von Rollstuhlfahrern stammt, zeigt der Film (mal abgesehen von dem Element des Mordens, das für die wenigstens alltäglich sein dürfte) ein aufrichtiges und realistisches Bild von einem Leben mit Querschnittlähmung. Rupasov wird als Behinderter allzu gerne unterschätzt; seine vermeintliche Harmlosigkeit und die Aufbewahrungsmöglichkeiten von Waffen im Rollstuhl verschaffen ihm einen deutlichen Vorteil bei seinem Job. Und auch der Einbezug einer nicht barrierefreien Umwelt kommt nicht zu kurz: Der Protagonist hat keine Probleme damit eine Meute Gangster in deren Wohnung umzunieten. Beim Verlassen des Tatorts, muss er sich aber die doch sehr steile Einfahrt hochquälen und bis er seinen Rollstuhl demontiert und im Auto verfrachtet hat, ist die Polizei schon fast da…

Der Film

  • Rolli Blues – Wenn’s mal wieder hart auf hart kommt
    • Von: Attila Till
    • Erhältlich seit Nov. 2017 auf DVD und Blueray.
    • Preis: ab ca. 10 Euro (Stand April 2018)

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