Pilgerweg für ALLE – Mit dem Rollstuhl auf dem Jakobsweg

Gabriele Hartmann ist Koordinatorin für den Verein Lebensraum für Alle in Freiburg. Sie ist selbst nicht querschnittgelähmt, doch mit dem Pilgern für Rollstuhlfahrer kennt sie sich als Wegwartin und Begleiterin bestens aus. Mit ihrem Bericht möchte sie Querschnittgelähmte ermutigen, dieses ganz besondere Abenteuer zu wagen.

Jeder kennt die Jakobsmuschel als Wegemarkierung der Zuwege zum berühmten Jakobspilgerweg. Eine Wegezeichen-Variante der Jakobsmuschel mit zusätzlichem Rolli-Emblem hatte mich aufmerksam gemacht. Ich fragte mich: Wie schaffen Rollstuhlfahrer die Steigungen auf den Pilgerwegen hier im bergigen Südbaden?

Nachforschungen im Internet führten mich auf die Seite des Himmelreich-Jakobusweges, der von Hüfingen bis Weil am Rhein auch für Rollstuhlfahrer möglich sein soll. Ich las auch, dass der Verein Unterstützer sucht und über eine Pilgerwanderung für ALLE, von Schallstadt nach Staufen am nächsten Wochenende.

Am Startpunkt der Wanderung, dem Bahnhof Schallstadt, sah ich drei Männer, die einen einrädrigen Vorsatz am Rollstuhl eines Teilnehmers befestigten. Damit schiebt es sich leichter, hieß es. Drei weitere Angemeldete sagten kurzfristig ab und so ging es zu fünft los.

Pilgern statt Fitness-Studio

Ich erwartete, dass wir durchs Schneckental laufen würden – aber nein: immer bergauf auf den Batzenberg! Als es erstmals sehr steil wurde (8% Steigung!), holten die Begleiter einen Gurt aus dem Rucksack. Einer zog nun den Rollstuhl und einer schob. Das wollte ich auch mal ausprobieren. Schnell merkte ich: Dieser Pilgerweg ersetzt das Fitness-Studio! Die Sonne schien, 22 Grad und unser Gespann schwitzte! Trotzdem konnten wir uns zusammen mit Bernhard, dem Rollstuhlfahrer immer wieder an dem fantastischen Panoramablick bis zur Schneeburg, über die Rheinebene bis zu den Vogesen und ins Markgräfler Land bis nach Staufen, unserem Zielpunkt nach 12,7 km, erfreuen. Nach einigen Pausen und Ablösungen ging es bergab nach Kirchhofen, wo es in der Wallfahrtskirche „Mariä Himmelfahrt“ eine Statue des Heiligen Jakobus zu sehen und einen Pilgerstempel abzuholen gibt.

Weiter gings durch Ehrenkirchen – nun auf der ebeneren, leichteren Rollstuhl-Variante. Allerdings erlebten wir auch hier immer wieder auf dem Bürgersteig parkende Autos, Fahrräder, Werbeschilder und Blumentöpfe, die den Rollstuhlfahrer auf die Straße zwingen. Außerdem gibt es „Spaßvögel“ die gerne die Wegemarkierungsschilder verdrehen und offenbar keine Ahnung haben, was ein Irr- und Umweg auf einer solchen Tour bedeuten kann!

Inzwischen hatte ich das Kartenmaterial gesichtet und sah, dass wir vor Staufen erst noch eine 9%-Steigung hinauf zur Bittkapelle St. Gotthard bewältigen müssen. „Aber da gibt’s dann ein Viertele!“ wurde ich getröstet! Als der St. Gotthard-Hof dann endlich in Sicht kam – war dort keine Menschenseele! Eine entgegenkommende Wanderin erzählte uns, das Gasthaus sei wegen Krankheit auf unbestimmte Zeit geschlossen. Diese Information hätten wir uns unten gewünscht! Jakobus sei Dank, gibt es ja in der Altstadt von Staufen reichlich Einkehr-Alternativen und nun ging es ja nur noch bergab. Wir landeten in Wieslers Strauße und fielen über Flammkuchen und Wurstsalat her. Beim ersten Viertele gingen wir zum „Du“ über und alle waren froh, endlich ausruhen zu können.

Unterstützung durch Wegwarte und Begleiter

Ich erfuhr, welche Mühen es in den letzten Jahren erfordert hatte, alle Etappen zu überprüfen, ob sie für Rollstühle aber auch Kinderwägen geeignet sind, Alternativrouten zu finden und Genehmigungen von allen angrenzenden Orten, Gemeinden und Privatbesitzern zu bekommen, damit die Wegemarkierungstafeln angebracht werden können, das Kartenmaterial zu erstellen und nach Gasthäusern zu suchen, in denen auch ein Rollstuhlfahrer zurechtkommt.

Wie viele Rollstuhlfahrer den Pilgerweg individuell benutzen, weiß man nicht. Aber wenn sie sich beim Verein anmelden, bekommen sie zwei Begleiter mit – auch wenn sie im E-Rolli fahren – denn es kann immer wieder Überraschungen geben: Der Motor versagt, umgestürzte Bäume, plötzliche Unwetter… Deshalb haben die Begleiter am Start und am Endpunkt der Tour ein Auto stehen, mit Werkzeug und ggf. Anhänger für den Rolli-Transport.

Ich war schwer beeindruckt vom Initiator des Pilgerweges für ALLE, Jürgen Dangl, und seinen Freunden Michael Fritz und Richard Goldschmidt, die schon seit Jahren Rollstuhlfahrern das Pilgern und dieses Landschaftserlebnis möglich machen.

Ich fasste den Beschluss: Da mache ich mit – mal als Wegwartin, mal als Begleiterin, denn zum einen kenne ich vielen Etappen des Pilgerweges noch nicht, die alle durch reizvolle Landschaften führen und zum anderen kann man neben dem Wandern gleichzeitig noch etwas Sinnvolles tun. Wer sich so etwas auch vorstellen kann, melde sich bei Jürgen Dangl info@himmelreich-jakobusweg.de.

Weitere Informationen

Zum offiziellen Pilgerweg nach Santiago de Compostela führen viele Wege aus allen Richtungen Europas. Der Himmelreich Jakobusweg ist Teil eines alten Fernpilgerweges, der von Krakau über Basel nach Santiago de Compostela führt. Der „Förderverein für den Himmelreich Jakobusweg“ hat die Pilgerroute und die Alternativstrecken beschildert. Jede Etappe ist verlinkt und im Internet als GPS-Track abrufbar. Es gibt ein Begleitbuch und Kartenmaterial.

 

Kontakt

Wer Interesse am Pilgern für Alle hat, kann sich an folgende Adresse wenden:

Förderverein für den Himmelreich-Jakobusweg e.V.

Vereinsadresse: Himmelreich 37  im Gasthaus Himmelreich

D-79199 Kirchzarten, Kontakttelefon für Pilgerbegleitung

Vorsitzender Georg Körner georg.koerner@himmelreich-jakobusweg.de

Tel: 07661 907 77 14

http://himmelreich-jakobusweg.de

 

Siehe auch:

Barrierefreies Pilgern – Der Weg ist das Ziel

Rollstuhlpilger Felix Bernhard

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