Meine Querschnittlähmung und ich: Erbsenzähler

Erbsen. Ich weiß nicht, wer sie erfunden hat, wozu sie gut sein sollen und was sie auf meinem Teller zu suchen haben, diese grasgrünen Minibällchen aus der Hölle. Ich weiß nur, dass ich ein Problem habe, wenn meine Frau sie auftischt, …

… denn für mich als Tetraplegiker mit eingeschränkter Handfunktion, sind sie so leicht und so erfreulich zu essen wie Glasmurmeln.

„Erbsen sind gesund“, sagt meine Frau.

„Erbsen sind voller Ballaststoffe“, sagt meine Frau.

„Erbsen sind gut für die Verdauung“, sagt meine Frau.

Während ich die kleinen grünen Teufel mit Gabeln zu picken und Löffeln aufzunehmen versuche – was beides misslingt – frage ich mich, ob meine Frau mir eigentlich etwas anderes sagen möchte. Vielleicht so etwas wie: „Heute ärgere ich dich mal so richtig.“ Oder: „Ich will die Scheidung.“

Hungrig beäuge ich Schnitzel und Kartoffelpüree auf der Servierplatte, wovon ich aber nichts mehr nachnehmen kann, weil es zunächst ja noch die Ballaststoffe zu verzehren gilt. Irgendwann gelingt es mir einen Feind zwischen Tellerrand und Gabel zu zerquetschen und dergestalt zum Mund zu führen.

Das Zeug schmeckt nicht mal.

Und zwanzig seiner fiesen Kumpel kullern noch über das Porzellan. Mit viel Zeit zum Nachdenken, fällt mir schließlich etwas ein, das ich auf einem gewissen Online-Portal gelesen habe. Ganze Abhandlungen, gibt es da zum Thema Ballaststoffe.

Leckere Alternativen

„Herzblatt?“ sage ich. „Weißt du eigentlich, dass Ballaststoffe auch in Artischocken vorkommen?“

„Eingelegte Artischockenböden als Vorspeise“, frohlockt mein Gaumen.

„Mhm“, sagt meine Frau.

„Und in Himbeeren?“ sage ich.

„Eis mit heißen Himbeeren zum Nachtisch“, jubelt mein Magen.

„Mhm“, sagt meine Frau.

„Und in Haferflocken und Leinsamen?“ sage ich.

„Müsli zum Frühstück“, freut sich mein Enddarm.

„Mhm“, sagt meine Frau.

„Alles einfacher zu essen als Erbsen…“, sage ich, schaffe es aber schließlich doch noch.

Verdauung: wie der Schienennahverkehr

Und meine Frau lenkt ein. In den folgenden Wochen kochen wir uns gemeinsam durch eine Armada an faserreichen Getreiden, Gemüsen und Obstsorten, erhöhen schrittweise die Ballaststoffzufuhr und passen die Trinkmenge entsprechend an – bis meine Verdauung so problemlos abläuft wie der Schienennahverkehr.

Und schließlich gibt es auch mal wieder Schnitzel und Kartoffelpüree. Diesmal mit Zuckerschoten. „Wegen der Ballaststoffe“, sagt meine Frau. „Und weil ich dich liebe.“

Tja. Ich liebe sie auch.

 


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